Jeder Fan der WWE kennt ihn, den 196-Zentimeter-Hünen aus Schottland mit einem Kampfgewicht von 116 Kilogramm – Drew McIntyre. Der amtierende WWE Champion sorgte für Furore und hat sich mittlerweile als einer der absoluten Top-Superstars etabliert. Wir hatten die Chance, Drew McIntyre für ein Interview zu gewinnen. Dabei sprachen wir mit ihm über seine Anfänge, wie es war „Das Biest“ Brock Lesnar zu bezwingen – und den größten Erfolg seiner Karriere vor leeren Rängen zu feiern.

Schon bei deinem ersten Run in der WWE sahen die Offiziellen einen Main-Event-Star in dir. Im Alter von nur 24 Jahren hat niemand Geringeres als Vince McMahon dich sogar als „The Chosen One“ auserwählt. Allerdings lief nicht alles so, wie viele erwartet hätten. Wie war es für dich, damals die Bürde des „Chosen One“ zu tragen und war dies vielleicht zu viel Last für einen so jungen Wrestler?
 
Drew McIntyre: Das war offensichtlich ein Riesending – Vince McMahon selbst ging ins Fernsehen und verkündete, dass ich der zukünftige World Champion sei. Er hat das noch nie getan, und wird es wahrscheinlich nie wieder. Das ist jetzt ein so großer Teil meiner Geschichte. Es gab seitdem so viele Hochs und Tiefs. Aber die Sache ist die, dass ich seitdem eine Menge gelernt habe. Anfangs war ich nicht die Person, die McMahon damals in mir gesehen hatte.

Dazu war ich noch nicht bereit. Aber es war eine Vorhersage für die Zukunft, wer ich heute bin. Für die Reise, die ich unternahm, um an den heutigen Punkt zu gelangen. Ja, das ist die Person, die er die ganze Zeit sehen wollte. Dennoch bin ich nicht der „Chosen One“ nur einer Person. Ich bin der „Chosen One“ der Fans – und das bedeutet mir mehr.

Nachdem du mit Jinder Mahal und Heath Slater die „Three Man Band“ gegründet hattest, bist du in den Jahren danach in die Independent Szene zurückgekehrt, hast dort bedeutende Titel abgeräumt – bevor es dich schlussendlich zu TNA zog, wo Fans einen neuen Drew McIntyre erlebt haben. Was gab den Anstoß für diese Entwicklung/Wandlung und die Idee dahinter – und hat dir die Zeit in der Independent-Szene dabei geholfen?

Drew McIntyre: Es gab nicht wirklich eine Idee. Ich wurde damals aus der WWE entlassen und musste eine Entscheidung treffen, was ich nun tun werde. Ob ich etwa weitermachen will, meinen Traum zu leben, mein Lebenswerk. Ich wurde gefeuert – und nun kam es auf mich an. Weil ich nicht 100 Prozent gab.

Die Frage war: Alles hinwerfen oder mit 100 Prozent durchstarten? Also fing ich an, in der Welt zu all diesen verschiedenen Independent-Ligen zu reisen. Dazu Social Media, das so groß geworden ist. Ich konnte so jeden auf meine Reise mitnehmen und zeigen, wer ich wirklich bin. Ich habe aber stets daran geglaubt, dass ich das Zeug zum Main-Event-Star hätte. Ich fühlte mich bereit, ans Mikrofon zu treten und wusste, dass ich im Ring bestehen würde.

Darum drehte sich alles, eben allen zu zeigen, was ich tatsächlich kann. Also ging ich in die Praxis, ins Training und kämpfte mit mir selbst. Hätte ich nämlich seinerzeit nicht all diese verrückten Reisen gemacht und für all die Ligen gearbeitet, ich hätte mich sicher nicht zu dem Champion und Superstar entwickelt, der ich heute bin.

Daher bin ich sehr dankbar für diese Zeit – und für alle, die an mich geglaubt, die mir eine Plattform gegeben haben, um zu lernen: Am Ende eben endlich das zu werden, was Mr. McMahon vor Jahren gesehen hat.

2017 bist du in die WWE zurückgekehrt, gabst erst dein Debüt bei NXT und wechseltest schon bald zu RAW, wo du dich sofort etablieren konntest. Wie war es für dich persönlich, in die WWE zurückzukehren, dort gleich so schnell auch mit dem Publikum in Einklang zu sein und als Heel eine dominante Rolle einzunehmen?

Drew McIntyre: Ja, das war cool. Ich bin an den Punkt gekommen, wo es außerhalb der WWE so gut lief. Ich war mir nicht sicher, ob ich jemals zurückkommen würde. Dann kam eine Nachricht von William Regal. Er bat mich, mit Triple H zu sprechen, bevor ich eine Entscheidung über meine weitere Zukunft treffe. Ich dachte also darüber nach und wir hatten ein langes Gespräch, was ich tun könnte.

Wir kamen zu einer Vereinbarung, wonach ich zurück zu NXT kommen wollte. Dort ist die Leidenschaft, eine starke Fangemeinde. Sie wissen genau, was ich außerhalb der Company tat, und ich konnte dort eine Führungsrolle übernehmen. Ich erlebte eine großartige Zeit bei NXT. Aber Triple H gab mir die Chance, mich hinzusetzen und noch mal über alles nachzudenken. Es lief so gut, ich hatte noch nie eine Verletzung bis dahin, ich hatte in etwa elf Jahren zu diesem Zeitpunkt noch nie eine Auszeit genommen.

Also habe ich meinen Kopf freigemacht. Ich hatte eine sehr klare Vorstellung davon, wer ich sein will, wenn ich zu RAW zurückkomme. Und glücklicherweise wussten die Fans, als ich wieder bei RAW war, wer genau ich bin – und das war cool. Außerdem war ich mit Dolph Ziggler zusammen, der ein echter Freund von mir ist. Wir hatten eine wirklich gute Zeit und konnten uns entwickeln. Dorthin, wo wir jetzt sind.

2020 kann man bisher definitiv als das „Jahr von Drew McIntyre“ bezeichnen. Was jedoch viele überraschte, war dein Face-Turn – immerhin warst zu der Zeit einer der Top-Heels in der Company. Kamen dir zum damaligen Zeitpunkt je auch nur einen Moment lang Sorgen oder Zweifel, dass Drew MycIntyre als Face nicht funktionieren könne?

Drew McIntyre: Nein. Weil ich den Face Turn nicht vorhatte. Ich glaube nicht, dass ich das je getan habe. Mir wurde nur mehr Zeit mit dem Mikrofon gegeben, um mich selbst zu zeigen, „The Real Drew“. Der echte Drew ist dabei gar nicht so ernst außerhalb des Rings, im Ring schon. Dennoch zeigte ich meine wahre Persönlichkeit, lachte mit den Fans, interagierte mit ihnen. Meine Sprache ist dabei ein bisschen sarkastisch und albern.

Aber wenn die Glocke läutet, trete ich immer anderen in den Hintern. Und die Leute fingen an, hinter mir zu stehen. Es gab also keinen Plan, dass Drew versucht, nett zu sein, die Guten zu beschützen oder das Mädchen von den Zuggleisen zu retten. Diesen Moment gab es nie – und hat es nie gegeben. Es kam einfach nur so, dass die Croud begann, sich mit mir und meiner Story zu verbinden.

Als ich dann meine wahre Geschichte erzählte, sagten vor allem Leute, die sie nicht kannten, Dinge wie: „Wow, er ist wirklich sehr durchtrainiert. Ich kann mich mit ihm identifizieren. Ich respektiere seinen Kampf. Ich mag diesen Kerl.“ Das war echt cool, das war ehrlich, ungekünstelt und wurde nicht forciert. Niemand hat also versucht, das vorzugeben: Die Fans haben sich dafür entschieden.

Am Ende funktionierte es nicht nur, sondern du wurdest zum absoluten Publikumsliebling. Du gewannst den Royal Rumble 2020 und bei Wrestlemania 36 hast du sogar die „WWE Championship“ (so heißt der Titel) gegen keinen Geringeren als Brock Lesnar gewonnen. Wie war die Zusammenarbeit mit Brock für dich?

Drew McIntyre: Fantastisch. Er ist ein einmaliger Sportler und ein Superstar der WWE wie nur wenige andere in der Welt. Es war bis dahin üblich, dass Brock seine Gegner bis zum Match vernichtet und generell den Kampf gewinnt. Den ganzen Weg, diese Art Aufbau, in dessen Verlauf ich Brock geschlagen habe, hat es in der Form noch nie gegeben.

Dann habe ich ihn in fünf Minuten besiegt. Ich habe Brock die ganze Zeit über dominiert, was so nie zuvor jemand vollbracht hat. Dabei habe ich enorm viel gelernt. Brock ist ein äußerst kluger Mensch, ein sehr gefährlicher Mensch dazu, das steht fest. Aber das war eine so wichtige Zeit für mich.

Noch einmal zurück zu Wrestlemania 36: Es ist der Traum eines jeden Wrestlers, einmal bei Wrestlemania im Main Event zu stehen. Du hast das geschafft und sogar den Titel gewonnen, aber dennoch kam alles anders. Durch die Corona-Krise fand dieser Moment statt vor Zehntausenden und mit dem WWE Universe im Rücken, nun in einer leeren Halle statt. Was ging dir in dem Moment durch den Kopf, als du erfahren musstest, dass der größte Moment deiner Karriere ohne Publikum stattfinden würde? Und hat das Wissen deine Vorbereitung auf den Kampf beeinflusst?

Drew McIntyre:Am Anfang war ich wütend und enttäuscht. Ich konnte es nicht glauben. Ich hatte so lange so hart dafür gearbeitet. Ich stehe da im Main Event um den Titel – und die Welt wird stillgelegt. Als ich dann begriff, wie ernst die Situation wirklich war, wie sehr das die Menschen beeinflusst und sie daran hindert, vor die Tür zu gehen, änderten sich meine Gedanken. Alle Sportarten wurden gestoppt, aber die WWE schritt voran und brachte der Welt die Wrestlemania.

Ich stand also im letzten Kampf und ich dachte mir, dass ich mit meiner „Feelgood-Story“ die Chance erhalte, den Leuten da draußen ein Lächeln in dieser schwierigen Zeit zu schenken. Das hat meine anfänglich eher traurige Haltung umgewandelt, eine positive Perspektive erzeugt, da die ganze Sache durch diese Ausnahmesituation viel größer wurde. Die Tatsache, dass ich Brock im Main Event um den Titel geschlagen habe, konnten hoffentlich vielen Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

Ich danke an dieser Stelle allen persönlich dafür, dass sie an mich geglaubt haben, dass sie mir gefolgt sind, mich zum Titel geführt haben. Ich danke euch, dass ihr euch in diesen schwierigen Zeiten für die WWE entschieden habt.

Alleine dass 13,8 Millionen Menschen während der Wrestlemania über soziale Medien interagierten – das sind immerhin 60 Prozent mehr als im letzten Jahr – hat mir gezeigt, dass diese Wrestlemania den Menschen viel bedeutete und dass Wrestlemania 36 niemand mehr vergessen wird.

Zum Schluss noch ein persönlicher Gruß von Drew McIntyre an alle deutschen Fans: Ihr unterstützt immer die WWE und fiebert so mit. Vielen Dank an alle – und wenn ich nach Deutschland zurückkomme, feiern wir eine große Claymore-Party!