„Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“, fragt der Volksmund. Auch wenn der oft jede Menge Mist redet, so können wir ihm diesmal vollumfänglich zustimmen. Denn für handwerklich über jeden Zweifel erhabenen, progressiven Instrumentalrock braucht man nicht zu reisen: ‚Long Distance Calling‘ sind hierzulande seit Jahren eine Größe. Die Jungs aus dem beschaulichen Münster veröffentlichen am 29.04. ihr Album ‘TRIPS’. Der Name ist dabei Programm. Was für ein Brett!

Denn so viel sei verraten: Auch die fünfte Langrille der als Instrumentalprojekt gestarteten Spezialisten für Soundwände und sphärische Klanglandschaften hat es in sich! Schon die Videoauskopplung ‘Lines’ überrascht: Da ist mit Petter Carlsen, einem norwegischen Pop-Vokalisten, nicht nur eine neue Stimme am Mikro, sondern der Song ist ungewohnt kurz und extrem eingängig. Gut die Hälfte aller Nummern veredelt der Norweger mit seinem klaren, einprägsamen Gesang. Auch abseits des Stimmlichen beschreitet das Quartett neue Wege, entwickelt sich stetig weiter. Wer den „alten“ Sound der Band und ihre reinen, epischen Instrumentalnummern vergötterte, wird umdenken und sich öffnen müssen.

Unerforschte Pfade
Der Opener ‘Getaway’ überzeugt als Hommage an Pink Floyd und alte Actionfilmsoundtracks mit unverkennbarem 80er-Vibe inklusive Vocoder-Einsatz und kultigem Video. Das ist schnauzbartlastig und mit Schauspieler Ralle Richter unterhaltsam umgesetzt. Endlich ein Musikvideo, das Spaß macht. Auch Song Nr. 2, ‘Reconnect’ beschreitet unerforschte Pfade, Synthie-Arrangements und die harte und doch hymnische Gitarrenarbeit erinnern bisweilen an Nu-Metal-Nummern der Neunziger. Fast tut man den Münsteranern Unrecht, wenn man hier den Namen ‘Linkin Park’ in den Mund nimmt. Es folgt ein Album, das sich in den Gehörgang schraubt und dort für lange Zeit festsetzt. Ein Ausflug in Soundwelten, der für jeden etwas bereithält, der auch nur im Ansatz etwas mit Stromgitarren anfangen kann:

Allerspätestens die letzte Nummer, ein psychedelischer Geniestreich von dreizehn Minuten, der auf den Namen ‘FLUX’ hört, macht Gitarrenenthusiasten und Breitwand-Afficionados wunschlos glücklich. Nicht erst jetzt wird deutlich, warum das Album auf den Namen ‘Trips’ hört. Es ist eine Reise. In die Zukunft einer Band, die nie stehenbleibt, sich stetig weiterentwickelt. Egal, ob man Progrock vergöttert, auf Metal steht oder alternative Klänge bevorzugt: ‘TRIPS‘ hält für jeden Fan ausgezeichneter, handwerklich perfekter, „echter“ Musik etwas bereit. Ganz großes Kino für die Ohren – aber wir haben von ‘Long Distance Calling’ ehrlich gesagt auch nichts Anderes erwartet. Reinhör- und Kaufbefehl!