Gefühlt alle 4 Sekunden fühlen sich Empörungstouristen von irgendwelchen Tweets oder Facebook-Beiträgen auf den Schlips getreten und möchten deshalb Köpfe rollen sehen. Ihr hasserfülltes Gejammer sorgt für eine Diktatur der geheuchelten Toleranz und darauf habe ich keinen Bock mehr.

Ein Tweet besteht aus maximal 280 Zeichen. Das ist nicht unbedingt viel, doch es genügt, um Menschen und Karrieren zu vernichten. Fünf Jahre ist es her, dass Justine Sacco folgenden Tweet vom Stapel ließ: „Ich reise nach Afrika. Hoffentlich bekomme ich kein Aids. Nur Spaß. Ich bin ja weiß!“ Anschließend stieg Frau Sacco in den Flieger und als sie diesen Stunden später wieder verließ, hatte sie keinen Job mehr. Während sie ahnungslos und ohne Internetzugang im Flugzeug saß, verbreitete sich der „rassistische“ Tweet wie ein Lauffeuer. Es hagelte Hasskommentare, in ihrem Postfach stapelten sich Morddrohungen, ihr Arbeitgeber knickte ein und feuerte sie.

Justine hatte einen Witz gemacht, der die Ignoranz dummer weißer Menschen auf die Schippe nimmt. Allerdings setzt es eben eine gewisse Intelligenz voraus, Ironie zu verstehen und dabei den Kontext nicht zu ignorieren. Ein Blick auf Justines Profilseite hätte genügt, um sofort zu erkennen, dass sie gerne schwarzhumorige Tweets von sich gibt. Stattdessen wurde jedes einzelne Wort auf die Goldwaage gelegt und aus dem Zusammenhang gerissen, um sie als rassistische Hexe diffamieren zu können. Die Political Correctness-Polizei hatte entschieden, dass es völlig in Ordnung ist, Personen zu bedrohen, wenn man deren Sinn für Humor nicht teilt.

Roseanne ohne Roseanne

Die Karriere der US-Komikerin Roseanne Barr wurde ebenfalls durch ein paar Tweets vernichtet. Ihr Wesen wurde auf ein paar zweifelhafte Zeilen Text reduziert. Plötzlich zählte es nicht mehr, dass sie Millionen für wohltätige Zwecke gesammelt und einer Menge Menschen zu gutbezahlten Jobs verholfen hat. Sie wurde kurzerhand aus ihrer eigenen TV-Show geworfen. Ich selbst bin ebenfalls auf Twitter aktiv und musste mehrmals am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, ins Fadenkreuz der Humor-Polizei zu geraten. Vor etwa fünf Jahren gab es in meiner Timeline eine regelrechte Flut asylfeindlicher Tweets, die nicht nur rassistisch, sondern auch ziemlich dumm waren. Viele basierten auf Fake-News und ergaben überhaupt keinen Sinn. Als Reaktion darauf, postete ich folgenden Tweet: „Typisch Asylant! Nix arbeiten dürfen, aber maulen!“ Eine völlig bescheuerte Behauptung, die null Sinn macht und die Dummheit vieler Asyl-Gegner unterstreichen sollte.

Der Tweet generierte kaum Kommentare oder Likes und geriet schnell in Vergessenheit – dachte ich zumindest.

Ungefähr zwei Jahre später tauchte plötzlich ein Video von katholisch.de im Netz auf. Der Clip zeigt Asylbewerber, die rassistische Hass-Tweets vorlesen. Ratet mal, welcher Tweet mit an Bord war? Genau. Ich kontaktierte die Redaktion, um sie auf ihren Fehler aufmerksam zu machen. Eigentlich hätten die renommierten Journalisten nur meinen Namen googlen müssen, um zu erkennen, dass ich unter anderem als Comedy-Autor mein Geld verdiene und mit Vorliebe dumme Witze absondere. Auch beim Namen „Ahmet Iscitürk“ hätte man skeptisch werden müssen, denn es scheint doch ziemlich unwahrscheinlich, dass sich ein Sohn türkischer Gastarbeiter das dritte Reich zurücksehnt. Zumal ich in den sozialen Medien immer wieder rechte Arschgeigen aufs Korn nehme. Hätte man sich nicht wenigstens fünf Minuten Zeit nehmen können, um anständig zu recherchieren?

Liebling der Medien

Die Redaktion von katholisch.de zeigte sich davon völlig unbeeindruckt. Der Tweet sei nicht als Satire zu erkennen und deshalb sähe man keinen Grund, das Video zu ändern. Zahlreiche Webseiten griffen den Clip auf, darunter auch bild.de und immer wieder wurde ich besonders prominent präsentiert. Ein befreundeter Anwalt schlug mir vor, die katholisch.de-Redaktion zu verklagen. Schließlich hatte ich durch dieses „Missverständnis“ auch finanziellen Schaden erlitten. Zwei meiner Kunden kündigten die Zusammenarbeit, weil sie nicht mit solchen „Hasskommentaren“ in Verbindung gebracht werden wollten.

Es mag dämlich klingen, aber ich habe damals entschieden, keine rechtlichen Schritte einzuleiten. Ich fand die Situation einfach zu witzig, weil die Sache den Niedergang des Journalismus so treffend widerspiegelte. Ich fühlte mich wie eine Art Böhmermann für Arme und nahm lieber katholisch.de auf die Schippe, statt einen Gerichtsstreit anzuzetteln. Ich erhielt zwar ohne Ende anonyme Drohungen, aber die meisten davon waren einfach zum Totlachen.

Besonders schön war dieser Text: „Du feiges Nazi-Schwein versteckst dich hinter der Anonymität des Internets. Warum sagst du mir nicht wo du wohnst, damit ich vorbeikommen und dir in die Fresse schlagen kann?“ Meine höfliche Antwort: „Um meine Adresse herauszufinden, geben Sie bitte einfach meinen Namen in die Google-Suchleiste ein. Wenn aber selbst renommierte Journalisten zu dämlich sind, meinen Namen zu googlen, kann ich das von einem Idioten wie Ihnen natürlich erst recht nicht erwarten.“

Nicht unterkriegen lassen

Ich probiere nach wie vor täglich Gags auf Twitter aus und nicht alle kommen gut an. Kürzlich sorgte folgender Tweet für Empörung: „Sex ist wie eine Schachtel Pralinen. Man hat mehr davon, wenn der Partner bewusstlos ist.“ Erneut hagelte es Beleidigungen und Beschwerden. Ich wurde als Vergewaltigungsbefürworter bezeichnet – wegen eines dämlichen Tweets. Wenn jemand den Witz nicht lustig findet, dann verstehe ich das natürlich. Ich kann ja auch nicht über alles lachen. Dennoch wünsche ich Niemandem den Tod, nur weil sie oder er ein anderes Humorverständnis hat.

Es ist wirklich interessant. Die meisten Menschen erkennen einen Witz nur an, wenn sie selbst darüber lachen können. Sobald ein Gag aber nicht in die eigene Witzeschablone passt, wird er als menschenverachtendes Statement wahrgenommen. Der US-Komiker Kevin Hart wird aktuell zum Schwulenhasser hochstilisiert, weil er 2011 folgenden Spruch tweetete: „Yo, wenn mein Sohn eines Tages nach Hause kommt und mit dem Puppenhaus meiner Tochter spielt, werde ich ihm eins damit überbraten und sagen: Hör auf, das ist schwul!“ Ist jetzt nicht unbedingt ein Hammer-Joke, aber muss man deshalb Jahre später so ein Fass aufmachen?

Die sozialen Netzwerke sind zu einem Sammelbecken intoleranter Empörungstouristen verkommen. Während im Netz früher mal wertvolle Diskussionen geführt wurden, versuchen sich Menschen mit unterschiedlichen Meinungen heute gegenseitig mundtot zu machen. Es ist unglaublich, wie viele Facebook-Nutzer rumheulen, weil Israel und Palästina keinen Frieden finden, nur um im nächsten Moment einem politisch Andersdenkenden den Tod zu wünschen. Ich bin gespannt wie sich die Sache weiterentwickelt. In fünf Jahren muss ich mir wahrscheinlich anhören: "Sie denken bestimmt gerade an etwas, das mir nicht gefällt, Herr Iscitürk. Dafür werde ich sie vernichten, sie intolerante Drecksau!"