Die „Xenoblade Chronicles“-Reihe ist mehr als nur ein exklusiver Rollenspiel-Geheimtipp für Nintendo Konsolen, hatte es bisher jedoch nicht leicht. Der denkwürdige Erstling erschien auf der Wii, die zwar weit verbreitet war, jedoch bei weitem nicht so viele RPG-Spieler in ihren Bann zog wie die technisch potenteren Konsolen dieser Zeit. „Xenoblade Chronicles X“ scheiterte trotz seiner vielen Qualitäten ebenfalls an seiner Heimat und verpuffte mit der erfolglosen Wii U. Die gelungene Handheldportierung des Erstlings kann indes nur spielen, wer den leistungsstärkeren New 3DS besitzt. Das jüngst erschienene „Xenoblade Chronicles 2“ hat auf der beliebten Switch dagegen optimale Voraussetzungen, sein volles Potential auszuschöpfen, und bereichert das bereits jetzt gut gefüllte Spiele-Schmuckkästchen der jungen Hybrid-Konsole um eine weitere Perle.

Darum geht’s:

Zunächst einmal muss erwähnt werden, dass ihr zum Genießen des JRPGs aus dem Hause Monolith Soft (Die Macher des gefeierten „The Legend of Zelda: Breath of the Wild“) keinen der Vorgänger gespielt haben müsst. „Xenoblade Chronicles 2“ erzählt eine eigenständige Geschichte und greift nur Teilaspekte des Serienkanons auf. So findet das Abenteuer wie seinerzeit auf der Wii abermals auf den Rücken von lebendigen Titanen statt. Nur dass diesmal nicht nur zwei gigantische Wesen miteinander im Clinch liegen, sondern ein ganzer Ozean von ihnen bevölkert wird.

Ein endloser Ozean aus Wolken wohlgemerkt, auch wenn viele der unzähligen Giganten unverkennbar an Meereslebewesen erinnern. Dieses schier endlose Meer hat sich der Legende nach aus einem zentralen baumartigen Turm heraus gebildet, an dessen Spitze sich ein Ort namens Elysium befinden soll, die Wiege des Lebens selbst. Das alles ist dem jungen Wolkentaucher Rex freilich recht egal, der wie so viele andere Menschen auch, einfach nur versucht zu überleben. Immer mehr Titanen – die mal groß sind wie ein Haus, gerne aber auch das Ausmaß eines ganzen Kontinentes erreichen können – segnen das Zeitliche, Ressourcen und Geld werden immer knapper, Konflikte zwischen den Völkern sind zur Regel geworden.

Also nimmt Rex einen vielversprechenden Auftrag an, der natürlich voll in die Binsen geht. Am Ende steht er jedoch nicht nur einer jungen Dame namens Pyra gegenüber, sondern geht sogar eine ganz besondere Bindung mit ihr ein. Denn Pyra ist eine schlicht „Klinge“ genannte lebendige Waffe, die ihrem Meister Kraft im Kampf verleiht. Und sie ist sehr überzeugend, denn schließlich willigt Rex ein, das Mädchen auf ihrer Suche nach Elysium zu begleiten.

Das ist gut:

Klingt nach einer ganzen Mengen Stoff, lasst euch aber gesagt sein, dass die Geschichte von „Xenoblade Chronicles 2“ mit viel Charme und einer fesselnden Leichtigkeit erzählt wird, die zumindest uns zu keinem Zeitpunkt gelangweilt hat. Die zunächst kitschig anmutenden Anime-Figuren entpuppen sich mit zunehmenden Spielverlauf als äußerst menschliche Persönlichkeiten mit nachvollziehbaren Motiven. Auf dramatische Momente folgt stets die richtige Prise an leisen Tönen. Ernsthaftigkeit wird durch den immer wieder aufblitzenden Humor wohldosiert kontrastiert, so dass es nicht lange dauern wird, bis ihr eine echte Bindung zu der stetig wachsenden Heldentruppe aufgebaut habt.

Das alles wäre freilich nichts ohne eine funktionierende Welt. Und was das betrifft, spielt „Xenoblade Chronicles 2“ in der RPG-Oberliga. Natürlich kann die Inszenierung nicht mit AAA-Schwergewichten wie „Final Fantasy XV“ mithalten, wer aber nur einen Funken Forschergeist in sich trägt, für den ist die bis zum Bersten mit Geheimnissen vollgestopfte riesige Spielwiese eine Offenbarung. Dazu wirken die weitläufigen Landschaften durch ihre vielen friedlichen und feindlichen Einwohner wunderbar lebhaft und hauen euch quasi im Vorbeigehen epische Panoramen um die Ohren. Die mal rockige, mal orchestrale Musik ist indes eine Klasse für sich, die mit vielen britischen Akzenten aufwartende Synchro Geschmackssache. Wer den Originalton lieber mag, der lädt sich aus dem Store die japanische Tonspur runter. Deutsche Sprache liegt leider nur in Form von Untertiteln vor.

Das nächste Standbein eines guten Rollenspieles stellt das Kampfsystem dar. Und das verlangt euch in „Xenoblade Chronicles 2“ einiges an Einarbeitungszeit ab. Auf dem Papier klingt das Prinzip zunächst wenig spannend: Ihr steuert euren Helden in Echtzeit, der dann eigenständig auf anvisierte Gegner einprügelt. Dadurch ladet ihr einen Balken auf, der euch schließlich einen Spezialangriff erlaubt. Nun kommt allerdings noch die eingangs erwähnte Bindung zu den Klingen ins Spiel. Denn Pyra ist bei Weitem nicht die einzige lebendige Waffe, auf die ihr stoßen werdet. Tatsächlich entpuppt sich die Jagd nach immer neuen versteckten Helferlein als enorm spannend, zumal diese euren taktischen Spielraum enorm erweitern.

Bis zu drei Klingen darf jeder Held mit in die Schlacht führen, zwischen denen munter gewechselt werden kann und die allesamt über eigene Spezialfähigkeiten verfügen. Diese wiederum lassen sich zu Combos verketten, die unter den richtigen Bedingungen sogar die gesamte Party mit einbeziehen und einem Endboss mit einem klug geführten Superangriff das Leben mal eben halbieren! Doch bis ihr derlei mächtige Manöver beherrscht, ist es ein weiter Weg, da euch das Spiel erst nach und nach an die Mechanismen heranführt.

Auf alle Möglichkeiten einzugehen, würde hier den Rahmen sprengen. Lasst euch aber wie gesagt nicht von einen womöglich negativen Ersteindruck abschrecken. Wenn ihr am Ball bleibt, werden euer Lernwille und eure Geduld mit einem der durchdachtesten Kampfsysteme der letzten Jahre belohnt, dessen schiere Komplexität zu meistern im Falle eines Sieges ein enorm befriedigendes Erfolgsgefühl hinterlässt.

Das ist schlecht:

Dass „Xenoblade Chronicles 2“ aufgrund der Hardware-Restriktionen nicht mit den High End Blockbuster der Konkurrenzkonsolen mithalten kann ist klar. Von daher haben wir uns auch nicht ernsthaft daran gestört, dass die Bildrate vor allem bei weitläufigen Landschaften gerne mal ins Stottern gerät und dass Texturen vor allem nach einer Schnellreise sichtbar nachladen. Die unübersehbar geringere Auflösung im Handheld-Modus nehmen wir zugunsten der Tatsache, ein epischen 3D-Rollenspiel unterwegs zocken zu können, ebenfalls wohlwollend in Kauf.

Wirklich gestört haben uns indes die asynchronen Lippenbewegungen der Sprecher – und die Tatsache, dass man die Tutorials nicht im Nachhinein nochmal einsehen kann. Gerade zu Beginn können diese nämlich ganz schön ermüdend sein, man wird unaufmerksam und verpasst ein Detail. Aber wie gesagt, wer nicht willens ist, sich einige Stunden lang einzuarbeiten, wird mit „Xenoblade Chronicles 2“ wohl ohnehin nicht warm und verpasst dafür eines der faszinierendsten Rollenspiele der jüngsten Zeit.

„Xenoblade Chronicles 2“ ist ab sofort exklusiv für Nintendo Switch erhältlich.

Die Switch hat ihren nächsten Hit! „Xenoblade Chronicles 2“ macht den Einstieg nicht unbedingt leicht, belohnt willige Spieler jedoch mit einer berührenden Geschichte voller sympathischer Figuren, einer faszinierenden und lebendigen Welt sowie einem durchdachten Kampfsystem mit enormer taktischer Tiefe. Das perfekte Abenteuer, um über den Winter zu kommen!