Die Wolfenstein-Reihe hat durch die Jahre hindurch ein paar interessante Aufhübschungen und Wiedergeburten erfahren. Nach id Software und Raven Software versuchen sich die Jungs von Bethesda jetzt mit Wolfenstein – The New Order an der altehrwürdigen Spieleserie. Moment mal ... Bethesda? Wie „Skyrim“-Bethesda!? Richtig, denn die Großmeister des Fantasyrollenspiels wollen ihrem Reboot der Serie eine aufwendigere Story und mehr Freiheit verpassen, als es früher noch der Fall war.

Darum geht’s:

Es ist Mitte der 1940er Jahre und die Entscheidung des Zweiten Weltkriegs steht kurz bevor. Überall in Europa gehen sich die Streitkräfte der Alliierten und des Dritten Reiches unter Hitler und seiner irren Führungsspitze an den Kragen. Erneut übernehmen Spieler die Rolle von B.J. Blaskowicz, einem amerikanischen Geheimagenten, der an einer Sondermission teilnehmen soll, um den Krieg zu beenden. Er und ein paar Marines sollen die Basis von General Wilhelm Strasse hochjagen. Strasse, alias Totenkopf, wandelt auf dem schmalen Grat irgendwo zwischen Frankenstein und daVinci und versorgt die Nazis mit fortschrittlichen Waffentechnologien, mutierten Supersoldaten und anderen Monstern. Die Mission geht schief, B.J. bekommt auf der Flucht ein Schrapnell an den Kopf und landet mit Trauma und Gedächtnisverlust in einer Irrenanstalt, wo er fortan vor sich hin dämmert. Eines Tages kreuzt ein SS-Kommando auf, um die Anstalt zu schließen. B.J., der das mit ansehen muss, erinnert sich plötzlich an seine Aufgabe und nimmt mit einer geretteten Krankenschwester und ihren beiden Großeltern den Kampf wieder auf. Da ist er zunächst allerdings auch der Einzige, denn inzwischen schreiben wir das Jahr 1960, die Nazis haben gewonnen und die Welt erobert ...

Das ist gut

The New Order ist immer noch beinharte Action, wo Gegner auch mal stückchenweise fliegen gehen, wenn sie von gewissen Waffen oder Granaten getroffen werden. Die Levels sind im Vergleich zu anderen aktuellen Shootern teils riesig und angenehm offen. Es gibt Geheimräume zu entdecken und viele unterschiedliche Wege, wie der Spieler sich seiner Gegner entledigen kann. Man hat die Freiheit, zu spielen wie man möchte, ob man sich von hinten anschleicht und lautlos das Messer benutzt oder alles mit Maschinengewehren niedermäht. Es gibt sogar ein kleines Talentsystem mit zehn freischaltbaren Fähigkeiten in vier Gruppen (Scharfschütze, Heimlichkeit, Schwere Waffen und Granaten). Erledigt man zum Beispiel eine bestimmte Anzahl Nazis von hinten mit schallgedämpfter Waffe, machen schallgedämpfte Waffen fortan mehr Schaden. Nette Idee!

Die größte Stärke des Spiels liegt aber in seiner Handlung und in seinen Charakteren. Die Wolfenstein-Reihe ist seit eh und je bekannt für ihren durchgedrehten Trash, noch bevor der durch Filme wie Iron Sky überhaupt salonfähig geworden ist. Supermutanten, gutgebaute Fascho-Bräute im schwarzen Lederfummel, Amerikapathos, usw. Bethesda behält das bei, bleibt dabei aber nachvollziehbarer als etwa id Software. Weniger grell und albern als zuvor, entspinnt sich die Handlung tiefsinniger und filmreifer als in den Vorgängern. The New Order ist angelegt wie ein Road Movie, mit Einlagen aus blutiger Action und schwarzem Humor. Das Spiel wirkt wie eine Liebeserklärung an die Filme von Quentin Tarantino und Robert Rodriguez.

Das ist schlecht

Obwohl insgesamt recht clever, gibt es auch öfter noch Fehler in der künstlichen Intelligenz der Gegner. Manchmal blieben Soldaten in der Anspielsession einfach stehen, während man direkt davor steht und sie Blei fressen lässt. Es kam auch ein paar Mal vor, dass ich einen Soldaten von hinten erdolchen konnte, ohne zu schleichen, während andere mich offenbar vom anderen Ende des Levels aus schon gesehen haben. Da muss dringend nachgebessert werden! Auch ist es teilweise nicht immer ganz verständlich, wo man eigentlich während einer Mission hin soll und was die Aufgabe ist. Nichts was man nicht noch vor Erscheinen beheben könnte. Übrigens gibt es keinen Mehrspieler-Modus, weil die Entwickler sich ausschließlich auf ein gutes Einzelspielererlebnis konzentrieren wollten.

Das Schlechteste am Spiel ist aber noch nicht einmal wirklich mies, sondern nervig und dafür kann Bethesda noch nicht einmal etwas. Es geht um die Zensur, die der deutschen Version auferlegt ist. Hierzulande werdet ihr das Teil ausschließlich und zensiert auf Deutsch bekommen können. Ich bin mir bewusst, dass das Ganze ein heikles Thema ist, Hakenkreuze zurecht verfassungsfeindliche Symbole sind, alles vernünftig und richtig. Warum aber geht das in Filmen und nicht in Spielen? Es hat damit zu tun, dass Filme wie „Der Soldat James Ryan“ Kunststatus und deswegen mehr Freiheiten in der Darstellung haben. Videospiele gelten als „Spielzeug“ und vor dem Gesetz nicht als Kunst. Trotzdem verstehe ich nicht, warum jede noch so kleine Anspielung an die deutsche Seite des zweiten Weltkriegs entfernt werden musste. „Wasch mich, aber mach mich nicht nass!“ Es handelt sich nicht um „das Regime“, sondern um das Dritte Reich. Nazis. Nazis, die für das alte Arschloch Hitler in den Kampf ziehen und ihm bei seinen widerlichen Plänen helfen. Ich fasse nochmal zusammen: Nazis. Hitler. Ich weiß es, ihr wisst es und jeder, der das Spiel auf Deutsch nach Erscheinen in die Hand nimmt, weiß es auch. Wer darüber allerdings hinwegsehen kann (oder gar gleich zur englischen Version greift) bekommt einen coolen, gut gemachten Shooter mit packender Story geboten. Die Wolfenstein-Lizenz ist bei Bethesda in guten Händen!