Während sich moderne Ballerspiele immer stärker auf den Multiplayer-Part fokussieren und dabei oft nur einen halbherzigen Singleplayer-Modus bieten, bleibt sich der erste Ego-Shooter-Held überhaupt bis heute treu. „Wolfenstein: The New Order“ bewies 2014 eindrucksvoll, wie eine gute Kampagne in einem Ego-Shooter auszusehen hat und blies spektakulär zum Angriff auf die Faschisten. Doch der Kampf ist noch nicht vorbei. In „Wolfenstein 2: The New Colossus“ muss das Videospiel-Urgestein B.J. Blazkowicz abermals ran. Denn ebenso wie er selbst, sind die Nazis … Pardon, ist „das Regime“ einfach nicht totzukriegen.

Darum geht’s:

In der alternativen Zeitlinie von „Wolfenstein“, haben die faschistoiden Germanen die USA besiegt und das Land besetzt. Im Vorgänger gelang es Blazkowicz und seiner ebenso treuen, wie bunten Truppe von Widerständlern, den brutalen Bösewichten ordentlich zuzusetzen, doch der Preis dafür war hoch.

„The New Colossus“ knüpft nahtlos an das Ende des ersten Teils an. Unser Held ist von daher alles andere als ein kraftstrotzender Strahlemann und sitzt zu Beginn des Spieles sogar in einem Rollstuhl. Aber selbst das kann den Mann, der das Ego-Shooter-Genre erfunden hat, natürlich nicht schrecken. Mal abgesehen davon, dass ihm die sadistische Generalin Irene Engel gar keine andere Wahl lässt, als sich mit Waffengewalt seiner vernarbten Haut zu erwehren. Viva la Revolution!

Das ist gut:

Mittdreißiger, die schon in ihrer Kindheit mit Blazkowicz auf Nazi-Jagd gegangen sind, fühlen sich in dem kompromisslosen Shooter sofort wie Zuhause. Jüngere, von Deckungen und automatischer Gesundheitsregeneration weichgespülte Spieler müssen dagegen umdenken. Aber immerhin werden Medipacks und auch Munition nun automatisch aufgesammelt. Neu ist zudem, dass ihr zwei unterschiedliche Waffen im beliebten Akimbo-Stil sprechen lassen dürft und im Spielverlauf drei verschiedene Spezialfähigkeiten erhaltet, welche euch Zugang zu ansonsten unerreichbaren Level-Arealen gewähren.

Ansonsten ist alles beim Alten geblieben, was wir in diesem Falle als äußerst positiv empfinden. Der Engine-Motor schnurrt mit butterweichen 60 Bilder pro Sekunde, dass es eine helle Freude ist, und zaubert sauber gestaltete und weitläufige Areale auf den Schirm. Da die Feuergefechte jedoch äußerst fordernd ausgefallen sind, solltet ihr nicht immer den Weg der Baller-Overkills suchen. Schleicht, wann immer es möglich ist, und schaltet die Offiziere am besten mit einem brutalen Axthieb von hinten aus, bevor diese Verstärkung rufen könnt. Und denkt daran, die Lochkarten einzusammeln, welche euch nach der Dechiffrierung neue Attentats-Missionen bescheren.

Auch sonst gibt es allerhand zu entdecken, und wenn es auch nur ein Gespräch mit einem eurer Crewmitglieder auf dem als Basis fungierenden U-Boot „Hammerfaust“ ist. Denn neben den spaßigen Schießereien ist vor allem das grandios geschriebene und mit brillanter Ironie veredelte Drehbuch eine der größten Stärken des Spieles. Vor dem verstörenden Setting jongliert das Skript gekonnt mit Drama und Witz, ohne jemals die Tragik der Geschichte zu verharmlosen. Die Charaktere sind ebenso skurril wie tiefsinnig und ihr werdet an vielen Stellen erst laut lachen, nur um im nächsten Moment erschüttert schlucken zu müssen. In dieser Hinsicht reicht im Ego-Shooter-Genre kein anderes Spiel „Wolfenstein 2: The New Colossus“ auch nur annähernd das Wasser.

Das ist schlecht:

Zwar ist die deutsche Vertonung generell sehr gut gelungen, hat jedoch immer wieder mit der Lippen-Synchronität zu kämpfen. Zudem trägt die deutsche Tonspur der hierzulande gültigen Gesetzgebung in Sachen verfassungswidriger Symbolik Rechnung. Denn nicht nur die Hakenkreuze sind in der deutschen Version ersetzt worden, es ist – wie oben schon angedeutet – auch nicht von den Nationalsozialisten, sondern von „dem Regime“ die Rede. Aus dem Führer wird „der Kanzler“, aus arisch wird germanisch. Die Original-Tonspur ist daher gar nicht erst enthalten. Das rüttelt natürlich nicht ansatzweise an unserer Motivation, dem Regime gehörig in den Arsch zu treten, ist aber dennoch schade. Ansonsten ist das Spiel aber ungeschnitten, lässt viel Blut spritzen und Körperteile fliegen.

Wirklich schade fanden wir zudem, dass „Wolfenstein 2: The New Colossus“ mit um die zehn Stunden Spielzeit viel zu schnell wieder vorbei ist. Das ist im Genre natürlich nicht ungewöhnlich, und dank der im New-Game Plus zu absolvierenden Nebenaufgaben ist durchaus ein gewisser Wiederspielwert gegeben, einen motivierenden Mehrspieler-Modus sucht ihr jedoch vergebens.

„Wolfenstein 2: The New Colossus“ läuft sowohl auf der Xbox One als auch auf der Playstation 4 wunderbar flüssig über den Bildschirm. Auf der Microsoft-Kiste ist die Auflösung jedoch wohl zugunsten der hohen Bildrate etwas geringer ausgefallen und es fehlt so manches Detail.

„Wolfenstein 2: The New Colossus“ ist ab sofort für Xbox One, Playstation 4 und PC erhältlich. Eine Version für Nintendo Switch soll folgen.

Ein Action-Feuerwerk mit Sinn und Verstand. „Wolfenstein 2“ beweist nicht nur eindrucksvoll, dass knallharte Schießereien und eine gute Story sehr wohl Freunde sein können, sondern auch, wie gut Old-School-Gameplay mit moderner Technik funktioniert. Solisten werden bestens unterhalten, Multiplayer gucken dagegen in die Röhre.