Mit dem ersten ‘Watch Dogs’ wollten die meisten Spieler seinerzeit nicht so recht warm werden. Das lag unter anderem wohl an den überbordenden Erwartungen im Vorfeld, die das fertige Spiel vor allem grafisch nicht erfüllen konnte, an dem bierernsten Helden und grauen Szenario eines tristen Chicagos. Schade eigentlich, denn die Idee, als allmächtiger Hacker in einem Open-World-Setting allerlei Schabernack zu treiben, hat viel Potenzial. Mit ‘Watch Dogs 2’ soll nun alles besser und vor allem lockerer werden. Wir haben das Spiel getestet, und verraten euch, ob sich der Ausflug nach San Francisco lohnt.

Darum geht's:

Schluss mit schlechter Stimmung! Für ‘Watch Dogs 2’ hat Ubisoft ordentlich in den Farbeimer gelangt und präsentiert uns einen Gute-Laune-Schauplatz, in dem sich ein Haufen hipper Leutchen tummelt. Einer davon ist Marcus Holloway, der bereits im Zuge der Einführungssequenz nach einer Sauftour in einem fremden Zimmer erwacht und seine Hose vermisst. Damit ist die Marschrichtung der Hacker-Thematik schon klar definiert, die sich diesmal selber ordentlich auf die Schippe nimmt. Statt eines Rachefeldzuges dient nun purer Idealismus als Motivation, den an Facebook und Google angelehnten Konzernen die Macht über unsere Daten zu entreißen. Dazu tretet ihr gleich zu Beginn der Hackergruppe „DedSec“ bei, von der ihr fortan Aufträge erhaltet, welche sich meistens dem Infiltrieren von Einrichtungen zwecks Datenklaus widmen. In Third-Person-Manier ist es an euch, ob ihr dies mit schierer Waffengewalt bewerkstelligt, oder die vielen Gadgets nutzt, die ‘Watch Dogs 2’ euch an die Hand gibt. Und es ist eigentlich doch klar, welchen Weg ein digitaler Krieger beschreitet, oder?!

Das ist gut:

Ja, die Schießereien funktionieren dank der guten Deckungsmechanik durchaus ordentlich. Doch gegen mehrere Gegner wird es sehr schnell recht kniffelig. Gut so, denn es macht deutlich mehr Spaß, mit dem Handy Kameras zu hacken, die Gegner zu markieren und aus sicherer Distanz in vorbereitete Fallen zu locken. Bis auf wenige Ausnahmen könnt ihr euch auch mittels eines ferngesteuerten zweirädrigen Jumpers oder einer Minidrohne Zugangscodes Zugriff auf allerlei Gerätschaften verschaffen und den Job somit bequem vom Laptop aus erledigen. Das alles geht nach einer kurzen Eingewöhnungszeit locker von der Hand, so dass ihr später sogar während wilder Fahrten Ampeln via Handy umschaltet und Verfolger damit in einen Unfall verwickelt. Der tragbare Alleskönner ist ohnehin euer bester Freund und fungiert neben den Hacking-Funktionen dank diverser Apps als komfortabler Wegfinder (Nudel Maps), Mediaplayer und Missions-Verwalter. Zu Letzteren gehören natürlich auch eine Vielzahl an Nebenaufgaben, die euch das flippige und schick in Szene gesetzte San Francisco näherbringen und sich angenehm vom üblichen ubisoft'schen Turm-Wahn abheben. Verdingt euch als Taxifahrer und helft beispielsweise einer Dame beim Geocaching, bestreitet Rennen mit diversen Gefährten wie Segelboot und Drohne, oder kleidet euch in Ruhe nach eurem Geschmack ein. Schön, dass auch die Nebenaufgaben stets eine kleine Geschichte zu erzählen haben und dabei allerlei aktuelle Themen augenzwinkernd aufs Korn nehmen.
Bei allem, was ihr tut, sammelt ihr Follower, die in ‘Watch Dogs 2’ quasi die Erfahrungspunkte ersetzen. Über einen Skill-Tree wählt darüber im Laufe der Zeit immer neue Fähigkeiten aus, um zum Beispiel Gabelstapler zu bedienen, hartnäckigen Wachen die Polizei oder sogar eine  Gang auf den Hals zu hetzen, oder Fahrzeuge mit einem Turbo auszustatten. Letztere könnt ihr in bester GTA-Manier jederzeit auf der Straße kapern, oder aber ihr springt und rennt per pedes durch die Stadt. Denn Marcus ist natürlich nicht nur ein brillanter Hacker, Schütze, Nahkämpfer und Fahrer, sondern auch ein Parkour-Profi …

Das ist schlecht:

… und deckt damit nicht nur einen ganzen Schwung typischer Videospielklischees ab. Denn eines ist mal sicher: Echte Hacker, die was auf sich halten, werden sich angesichts der teils arg aufgesetzten Hipster-Attitüde, welche die Mitglieder von „DedSec“ versprühen, vermutlich in Grund und Boden schämen. Natürlich erhebt ein ‘Watch Dogs 2’ keinen Anspruch auf Authentizität – oder habt ihr schon mal einen 3D-Drucker gesehen, der eine funktionstüchtige Drohne ausspuckt – doch wir haben eine Weile gebraucht, um uns an die arg überzeichnete Truppe zu gewöhnen und so manche Zwischensequenz auch einfach weggeklickt. Denn auch wenn die guten Sprecher durchaus Charme versprühen, verpasst ihr inhaltlich lediglich ein dünnes Story-Süppchen, welches das gesamte Spiel über lau vor sich hinköchelt und eher nebenbei gelöffelt wird, ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Mal ganz abgesehen davon, dass Marcus und seine Truppe über eine äußerst fragwürdige Doppelmoral verfügen. Denn einerseits will man sich angeblich selbstlos dem Kampf mit der Datenkrake stellen, andererseits werden aber quasi im Vorbeigehen die Konten argloser Passanten geplündert. Das macht es nicht unbedingt leichter, sich mit dem Protagonisten zu identifizieren. Tatsächlich war Aiden Pierce' von Rachegelüsten befeuerte Motivation im ungeliebten Vorgänger in dieser Hinsicht wesentlich nachvollziehbarer. Marcus dagegen jongliert aus purem Spaß mit den Daten anderer und zeichnet damit das Bild einer Jugend, der eigentlich alles scheißegal ist, außer das eigene Denkmal.

‘Watch Dogs 2’ ist ab sofort auf Playstation 4, Xbox One erhältlich. Die PC-Version folgt am 29. November.

So macht Hacken Laune! Ubisoft hat die Kritik am Vorgänger ernstgenommen und serviert mit ‘Watch Dogs 2’ einen locker-flockigen und abwechslungsreichen Trip ins toll inszenierte San Francisco. Die Stadt und die coolen Hacker-Gadgets sind der eigentliche Star des Open-World-Spiels, die pseudo-hippen Figuren hingegen Geschmackssache.