Denkt man an EA, kommen einem zunächst einmal jährliche Updates mit minimalen Änderungen in den Sinn. Innovation oder Mut gehören dagegen nicht unbedingt zu den Attributen, die man dem Publisher zuordnen würde. Doch offensichtlich hat irgendjemand im Hause Electronic Arts beschlossen, dass es endlich mal an der Zeit ist, aus dem Firmennamen auch Programm zu machen. Und so präsentierte der Sportgigant auf der E3 mit dem märchenhaften Unravel ein Spiel, welches so ganz und gar nicht in das übliche Portfolio passen möchte. Und das ist auch gut so!

Darum geht's:

In Unravel begleitet ihr ein lebendig gewordenes Häufchen Garn namens Yarny, welches in insgesamt elf verschiedenen Kapiteln nach den verblassten Erinnerungen einer alten Dame sucht. Mit jedem abgeschlossenen Level erblüht das vergilbte Fotoalbum zu neuem Leben und ihr erfahrt mehr über die bewegte Vergangenheit der Frau.
Yarnys Suche präsentiert sich dabei als verträumtes Jump 'n' Run mit einer ordentlichen Prise Umgebungsrätsel. So weit, so Limbo. Doch Yarny hat aufgrund seiner Beschaffenheit eine Art Handicap, das zugleich auch seine größte Stärke darstellt: das Garn, aus dem er besteht.
Dieses schwingt ihr als Lasso, um Abgründe zu überwinden oder Schalter zu betätigen, zieht damit Gegenstände oder baut Brücken, die gleichzeitig als Trampolin dienen, und löst so die vielen cleveren Rätsel. Allerdings steht euch nicht unendlich davon zur Verfügung, da ihr immer weiter aufribbelt, bis Yarny irgendwann ohne Körper dasteht und ihr nicht weiterkommt. Von daher gilt es den Einsatz seines begrenzten Körpervolumens klug zu planen, um bis zum nächsten Speicherpunkt zu gelangen, wo euer Garnvorrat wieder aufgestockt wird.

Das ist gut:

Unravel verzaubert von der ersten Minute an. Die fantastische Grafik, die verträumte Musik und die emotionale Geschichte wickeln euch förmlich ein und entfalten als Gesamtkunstwerk eine ästhetische Magie, der man sich kaum entziehen kann. Yarny, als erstaunlich glaubwürdig animierter Hauptcharakter wächst einem dabei so sehr ans Herz, dass man das Überwinden der vielen Gefahren fast schon persönlich nimmt. Und so begleitet ihr das flauschige Bündel durch nahezu fotorealistische Landschaften, die sich allesamt an skandinavischen Motiven orientieren. Kein Wunder, hat der Entwickler Coldwood Interactive doch seinen Sitz in Schweden. Und so wurde auch die Musik mit Instrumenten eingespielt, die in kultureller Hinsicht für diese Breitengrade typisch sind. Das Ergebnis wirkt entsprechend wie aus einem Guss.

Das ist schlecht:

So einzigartig die Optik auch sein mag, die Rätsel sind dann doch eher gewohnte Kost und neigen im späteren Spielverlauf zu Wiederholungen. Leider führt zudem die etwas schwammige Steuerung zu diversen Frustmomenten. Insbesondere dann, wenn sie der Lösung eines Rätsels im Weg steht. Die Folge sind frustige Trial-and-Error Momente sowie nerviges Backtracking, wenn man kurz vor dem Speicherpunkt nicht mehr genug Garn auf den Rippen hat. Da kann einem der Geduldsfaden schon mal reißen.

Unravel ist das wohl schönste digitale Märchen aller Zeiten! Tolle Optik, eine emotionale Geschichte und stimmungsvolle Musik werden hier zu einem Garn verknüpft, von dem man sich nur allzu gerne einwickeln lässt. Der Drang, die sympathische Hauptfigur zu beschützen, wiegt dabei stets schwerer als Mängel in der Steuerung und diverse Frustmomente. Unravel ist ab sofort für PlayStation 4, Xbox One und PC verfügbar.