Next-Gen-Frühkäufer haben es nicht leicht. Hochwertige Titel für frische Daddelkisten lassen traditionsgemäß auf sich warten, so dass man sich zunächst an die Starttitel klammert wie eine Bulimie-Kranke an die Kloschüssel. Irgendwann wird aber auch Killzone oder Dead Rising 3 langweilig und die Durststrecke beginnt. Von daher freuen wir uns über jeden neuen Titel, den wir euch vorstellen dürfen. Erst recht wenn es sich dabei um die Fortsetzung einer altgedienten Spielereihe handelt. Satte zehn Jahre mussten wir warten, um endlich wieder mit dem altgedienten Thief-Protagonisten Garret durch die Nacht schleichen zu dürfen, und wie gesagt: Der Meisterdieb kommt uns gerade recht!

Darum geht’s

Da sich die Hintergrundgeschichte erst im Verlauf des Spieles offenbart, wollen wir an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Was ihr aber wissen dürft, ist, dass Garret zunächst genauso ahnungslos ist, wie der Spieler. Kein Wunder, immerhin verbringt der gute Mann nach einem misslungenen Raubzug ein ganzes Jahr im Koma und findet seine Heimatstadt nach dem Erwachen von Krankheit, Elend und einem faschistoiden Regime zerfressen vor. Zwar ist das dem Kleptomanen offenbar ziemlich wurscht, aber wie es mit Videospielhelden nun mal so ist, gerät er bald unweigerlich in den Strudel der Ereignisse.
Dabei möchte Garret doch nur das tun, was er am besten kann: Klauen. Sackt also die überall verteilten glitzernden Wertgegenstände ein, um euren Geldbeutel zu füllen, und lasst euch dabei nicht erwischen. Bewegt ihr euch vorsichtig und wohlüberlegt durch die Schatten, habt ihr wenig zu befürchten. Wer aber blind für seine Umgebung durch die Nacht stürzt, hat rasch einen ganzen Pulk Wächter an der Backe kleben.

Während gewisse Assassinen nun ein Klingen-Ballett beginnen und ganze Armeen im Alleingang niedermetzeln, bleibt dem Meisterdieb nur die Flucht. Garret ist nun mal kein Kämpfer, wie er immer wieder selber betont, und schafft es gerade noch, sich gegen einen Feind mit dem Knüppel zur Wehr zu setzen. In der direkten Konfrontation mit mehreren Opponenten seht ihr jedoch kein Land mehr. Lenkt also bereits im Vorfeld Wächter mit gezielten Flaschenwürfen ab, löscht Fackeln mit Wasserpfeilen oder zieht euch per Greifwerkzeug an Häuserkanten hoch, und umgeht so potentielle Gefahrenherde. Zwar sind die verschiedenen Areale, wie Fabrik und Bordell, in sich geschlossen, aber immer noch weitläufig genug, um verschiedene Lösungswege anzubieten. Zwischen den Missionen könnt ihr zudem durch die Gegend streunen, um euer unrechtmäßig erworbenes Hab und Gut in verschiedene Pfeilsorten, lebensspendende Nahrung oder diverse Hilfsmittel zu investieren. Nur mit einem Schraubenzieher könnt ihr wertvolle Plaketten von Wänden lösen, und nur mit dem Rasiermesser teure Kunstwerke aus dem Rahmen schneiden.

Das ist gut

Thief zeichnet ein düsteres Gemälde zwischen Industrie und Mittelalter. Gepaart mit den atmosphärischen Soundeffekten und stimmungsvoller Beleuchtung offenbart sich dem Spieler eine äußerst bedrückende Kulisse, in der auch ihr kein glänzender Held seid. Aufgrund des klaren Schwerpunkts auf das pure Schleichen bleibt Thief dabei angenehm eigenständig. Denn wo das hauseigenen Deus Ex: Human Revolution ausdrücklich erlaubt, das Spiel auch mit reiner Feuerkraft für sich zu entscheiden, ist Kampf für Garret zu keiner Zeit eine Option. Dadurch ergeben sich äußerst spannende Missionsverläufe, so dass man selbst Nebenmissionen dankend annimmt.
Fans der Reihe werden sich vermutlich an den Zugeständnissen an den Massenmarkt stören, welche dem Titel ein gehöriges Maß an Tiefe und Komplexität rauben. Jedoch lässt sich das Spielerlebnis umfangreich konfigurieren. Deaktiviert zum Beispiel die Fokussicht, welche relevante Objekte deutlich hervorhebt, oder wählt den Schwierigkeitsgrad so, dass eure Entdeckung augenblicklich zum Missionsabbruch führt. Insofern lässt sich die Herausforderung individuell an euer Können und eure Geduld anpassen.

Das ist schlecht

Gegen den Next-Gen-Hunger ist Thief leider nur bedingt zu empfehlen. Die Stadt kommt zwar recht gefällig daher, die Charaktermodelle hätte aber auch eine der alten Kisten hinbekommen. Speziell die Gesichtsanimationen sind so dermaßen altbacken, dass ein GTA V im direkten Vergleich sogar besser abschneidet. Zudem ist die deutsche Synchronisation zum Teil falsch abgemischt. So manches Mal werdet ihr euch erschrocken umdrehen, wenn ihr eine Stimme direkt neben euch hört, obwohl sich der Sprecher hinter mehreren Mauern befindet. Schade ist auch, dass das Spiel eine offene Welt und die Agilität eines Meisterdiebes nur vorgaukelt. Warum kann man nicht jede Hauswand erklimmen, sondern nur an festgelegten Stellen emporklettern? Garret darf nicht mal springen, wenn das Spiel es nicht vorsieht, womit wir wieder bei besagten Zugeständnissen an das moderne Publikum wären.
Wer die Wahl hat, greift übrigens zur PS4-Version, die schärfere Texturen und eine geschmeidigere Bildrate bietet. Durchweg flüssig läuft es aber auf keiner der beiden Konsolen.

Habt ihr vom tumben Dauerfeuer der allgegenwärtigen Ego-Shooter schon einen Tinnitus? Dann bietet Thief mit seinem klaren Fokus aufs Schleichen eine gelungene Abwechslung. Hier siegt der Verstand über das Schwert, denn wer sich entdecken lässt, hat schon verloren. Zumindest wenn man einen Funken Diebesehre im Leib hat und nicht die massenmarktkompatiblen Schwierigkeitsgrade wählt. Wer sich auf das spannende Grundprinzip einlässt, vergisst zudem die für Next-Gen-Verhältnisse enttäuschende Technik.