Mit Videospielen ist es ein wenig wie mit Frauen: Wenn sie geil aussehen, kommt die Aufmerksamkeit von ganz alleine. So geschehen mit dem PS4-exklusiven The Order 1886, welches nach dem Auftauchen erster Videos aufgrund der fantastischen Optik quasi keiner PR mehr bedurfte. Kommt man besagter Frau dann aber etwas näher, kommen oft unschöne Dinge zu Tage, die das verlockende Äußere schnell relativieren. Insofern ist man gerne mal skeptisch, wenn etwas zu schön erscheint, um wahr zu sein. Aber lernen wir The Order 1886 doch erst mal kennen, bevor wir ein Urteil fällen.

Darum geht's:

The Order 1886 mag sich mit der Bezeichnung Action-Adventure schmücken, letzten Endes handelt es dabei aber zumindest in spielerischer Hinsicht um einen reinrassigen Deckungsshooter in bester Gears-of-War-Tradition. Stilistisch liegen allerdings wortwörtlich Welten zwischen den beiden Titeln. The Order nutzt den Kunstgriff einer alternativen Realität und spielt in einem hochindustrialisierten London im namensgebenden Jahr 1886. Die Technik, welche dort zur Anwendung kommt, ist mit kabelloser Kommunikation und moderner Waffentechnologie der Zeit, wie wir sie aus den Geschichtsbüchern kennen, weit voraus, und wie so oft in der Geschichte war es ein Krieg, der diese rasante Entwicklung begünstigte. Der Krieg zwischen den Rittern der Tafelrunde und einer monströse Mischform aus Mensch und Tier, die verdächtig nach Werwolf aussieht, und wohl auch genauso riecht. Besagte Ritter, beziehungsweise deren Nachfolger, stehen an vorderster Front dieses seit Jahrhunderten andauernden Konfliktes und können neben den neuartigen Waffen, die ihnen der berühmte Tüftler Nikola Tesla zur Verfügung stellt, vor allem das mysteriöse schwarze Wasser auf der Habenseite verzeichnen, welches ihnen eine enorm verlängerte Lebenszeit und erstaunliche Regenerationsfähigkeiten beschert.
Klingt schräg, ist aber so ...

Das ist gut:

... und funktioniert als Geschichte sogar erstaunlich gut. Die Ereignisse um unseren Protagonisten Grayson , welcher innerhalb des elitären Ritterordens den Namen Sir Galahad angenommen hat, kratzen mit ihren Intrigen und einer Rebellion der Arbeiterklasse lediglich an der Oberfläche eines Universums, welches euch von Anfang an wie ein schwarzes Loch gnadenlos in seinen Bann zieht. So seltsam die Mischung aus Rittern, Horror und Politik auf dem Papier anmuten mag, wirkt sie am Ende doch wie aus einem Guss.
Das ist wohl nicht unwesentlich der unglaublichen Optik geschuldet. Eine solche Detailverliebtheit habt ihr auf einer Konsole schlicht noch nicht erlebt. Das fängt bei den Nähten an den fantasievollen Uniformen an und hört bei der stilvollen viktorianischen Architektur noch lange nicht auf. Die Figuren kommen nahezu fotorealistisch daher, überzeugen mit glaubhafter Mimik und Animationen, und dann sind auch noch die deutschen Sprecher auf Referenzniveau. Das, und nichts anderes, ist Next-Gen!!!

Spielerisch gibt man sich eher konventionell und bietet mit der Geh-in-Deckung-und-schieß-wenn-sich-dir-eine-Gelegenheit-bietet-Mechanik in vielen anderen Titel ausgiebig erprobte Kost. Auch das Arsenal ist erstaunlich konservativ. Abgesehen von einer fiesen Thermit-Kanone, die eine Wolke aus entzündlichen Metallpartikeln verschießt, ballert ihr eher mit Genre-Standards um euch. Eine dicke Wumme, eine Pistole und zwei Granatentypen dürft ihr dabei mit euch führen, jedoch bei Bedarf das fallengelassene Arsenal besiegter Gegner an euch nehmen. Angereichert wird die Ballerei immer wieder von Quicktime-Events, die man angesichts der dabei stattfindenden tollen Choreographien gerne in Kauf nimmt. Denn unterm Strich ist The Order 1886 ein Actionblockbuster, der euch über acht bis zehn Stunden Spielzeit bestes Popcorn-Kino zum Mitspielen bietet und dabei ein erstaunliches Feingefühl für Charakterentwicklung, dramaturgische Tempowechsel und den Übergang zwischen Cutszenen und Spiel beweist.

Das ist schlecht:

Wie jeder spielbare Film wird auch The Order 1886 die Gemüter scheiden. Es ist nicht zu leugnen, dass euch das Game die gesamte Spielzeit über wie ein kleines Kind mit ADS an der Hand durch einen Freizeitpark zerrt, den ihr viel lieber in Ruhe erkunden würdet. Aber das ist in den engen Schlauchlevels nicht so vorgesehen. Zwar darf man diverse Gegenstände in Ruhe betrachten, spielerisch hat das jedoch nicht die geringste Relevanz und bleibt leider bis auf einen nüchternen Eintrag im Menü stets unkommentiert. Auch in optischer Hinsicht hat man zwar eine schöne Filmstadt aufgebaut, der es jedoch an Leben mangelt. Abgesehen davon, dass man sich fragt, wo all die Einwohner sind, ist es im Zuge der Feuergefechte nicht möglich, die schicken Texturtapeten zu durchlöchern, zerfetzen oder anzünden, was der ganzen Pracht einen statischen Beigeschmack verleiht. Seltsam ist zudem, dass Galahad sich weder in den unzerstörbaren Scheiben spiegelt, noch irgendwie auf Pfützen einwirkt. Des Weiteren sollte man mit nicht mit einer fordernden Gegner-KI rechnen. Allerdings passt diese mit ihrer stumpfen Schießbudenmentalität dann doch wieder irgendwie ganz gut in das Sinnbild eines aufregenden Freizeitparks.
Und man sollte schließlich nicht vergessen, dass die Bösewichte in Actionfilmen nun mal schlechte Schützen sind. Wäre ja auch blöd, wenn der Held gleich bei der ersten Schießerei stirbt. Wie das bei Blockbustern nun mal so ist, steht und fällt auch bei The Order 1886 letzten Endes alles mit den Erwartungen, mit denen man an die Sache herangeht. Wir wurden jedenfalls bestens unterhalten!

Was für eine Pracht! Visuell betörender Actionfilm zum Mitspielen, der endlich mal zeigt, wozu die PS4 fähig ist, und dazu noch mit einer atmosphärischen Story punktet. Die gelungene Dramaturgie wird zwar mit spielerischen Restriktionen erkauft, wir sagen aber: Na und! Hinsetzen, anschnallen – und ab die Post!