„Survival Horror ist tot“, tönte es aus dem Hause Capcom ob der harschen Kritik bezüglich der zunehmend actionorientierten Neuausrichtung der Resident-Evil-Reihe. Das Genre verkaufe sich angeblich nicht mehr. Nun, vielleicht hätte der renommierte Entwickler besser nur für sich gesprochen. Denn ähnlich wie die brasilianische Nationalmannschaft ohne Neymar an der Spitze zerfiel, büßte die einstige Kultserie erst mit dem Weggang ihres geistigen Vaters Shinji Mikami nach Teil Vier nahezu alle Tugenden ein, welche Fans der ersten Stunde lieben gelernt haben. Nun ist Mikami allerdings zurück und schickt sich an, mit The Evil Within Capcoms düstere Prognose Lügen zu strafen.

Darum geht’s

In die Rolle des Klischee-Bullen Sebastian Castellanos beginnt ihr das Spiel mit einem Einsatz in der Beacon-Nervenklinik, wo ein Massaker stattgefunden hat. Kaum am Tatort angekommen werdet ihr auch schon von eurem Team getrennt, und verliert nach einem Schlag auf den Kopf das Bewusstsein. Ihr erwacht aufgehängt wie eine Schweinehälfte in einem Schlachthaus und dürft euch gleich zu Beginn mit einem entscheidenden Element des Spieles vertraut machen: Gegner, die ihr nicht besiegen könnt.
Wir wollen von der wirren Geschichte, die sich erst im letzten Spieldrittel zu klären beginnt, nicht zu viel vorwegnehmen, es sei jedoch verraten, dass es mit Castellanos geistiger Gesundheit offenbar nicht zum Besten steht. Ohne genau zu wissen warum, durchwandert er einen von Monstrositäten überbevölkerten Alptraum, und weiß nicht so recht, was wirklich ist, und was nicht.

Für euch als Spieler bedeutet dies ein Spielerlebnis in bester Resi-4-Tradition mit einem gehörigen Silent-Hill-Einschlag. Ihr blickt eurem Protagonisten über die Schulter und setzt euch mithilfe diverser klassischer Ballermänner, aber auch einer mit verschiedenen Elementpfeilen ladbaren Armbrust, gegen grausig designte Gegner zur Wehr. Bedenkt man jedoch die herrlich genretypische Munitionsarmut, ist dies nicht immer die erste Wahl. Alternativ schleicht ihr euch an Feinde heran oder lockt sie in die vielen Fallen, welche in den Levels verteilt unachtsamer Opfer harren. Damit nicht ihr selbst zu einem eben solchen werdet, habt ihr die Möglichkeit, die entsprechenden Geräte zu entschärfen, um aus den dabei gewonnenen Bauteilen neue Pfeile zu basteln. Wenn alle Stricke reißen, könnt ihr euch zudem immer noch in Schränken oder unter Betten verstecken. Und dann gibt es wie gesagt noch Situationen und Gegner, denen ihr nur heil entkommt, indem ihr die Beine in die Hand nehmt.

Das ist gut

The Evil Within bietet eher Splatter als Grusel. Das ändert jedoch nichts daran, dass euch stets eine Angst im Nacken sitzt, der ihr mit der knappen Munition kaum Herr zu werden glaubt. Spielt ihr nicht gerade den leichtesten Schwierigkeitsgrad, gilt es, seine Ausrüstung gekonnt zu rationieren, um den nach ruhigen Spielmomenten anstürmenden Gegnerwellen etwas entgegensetzen zu können. Und genau das ist es, was Survival-Horror eben ausmacht: ein Überleben, das zu keiner Sekunde garantiert ist. Die Story ist euch zwar schnell egal, dennoch entfaltet Mikamis neues Werk über den abwechslungsreichen Spielablauf sowie die fantasievollen Szenarien und Gegner einen Spannungsbogen, der euch bis zum Ende nicht mehr loslässt. Auch die tolle Soundkulisse tut ihr Bestes um euch bei der Stange zu halten, sodass man nach dem Durchspielen gerne noch einmal den somit freigeschalteten härteren Schwierigkeitsgrad angeht, ohne sich dabei zu langweilen. Insofern ist The Evil Within genau das geworden, was wir uns von Shinji Mikami versprochen haben: Survival-Horror der guten alten Schule.

Das ist schlecht

Dies jedoch auch in technischer Hinsicht. Teils matschige Texturen, die mitunter erst zu spät laden, wollen so gar kein Next-Gen-Flair versprühen, was durch das atmosphärische Design allerdings gekonnt wettgemacht wird. Und auch an die dezent schwammige Steuerung hat man sich auch irgendwann gewöhnt. An der kruden Story mit ihren platten Figuren dürften sich die Geister jedoch scheiden. Schade zudem, dass man nicht zur englischen Sprachausgabe wechseln darf, denn die deutsche Synchro mancher Charaktere kommt leider recht bemüht daher, was aber der beklemmenden Atmosphäre kaum schadet.

Altmeister Shinji Mikami hält seine Versprechen und präsentiert mit seinem neuesten Werk endlich wieder ein Spiel, das die Bezeichnung 'Survival-Horror' verdient hat. Genrefans kommen um The Evil Within nicht herum – und auch Neulinge sollten für diesen Oldschool-Ausflug den Spielhilfen-Rockzipfel moderner Games ruhig mal loslassen. Ein Horror-Erlebnis der Extraklasse!