Das ist schlecht:

So sehr die vergleichsweise knappe Spielzeit die Hemmschwelle für einen erneuten Versuch senkt, so sehr fehlt es der Erzählung an Zeit, um richtig Schwung zu holen. Es ist in dem Genre üblich, die Charaktere zunächst als latent unsympathische Abziehbilder gängiger Stereotypen zu inszenieren. Dem wesentlich ausschweifenderen „Until Dawn“ gelang es jedoch, den Figuren im späteren Spielverlauf interessante Facetten abzuringen. Man denke nur an legendäre Textzeilen wie „Lookie, Lookie, Feuer für mein Schnucki“ aus dem Mund des vermeintlich tumben Sportasses, das später überraschenderweise zum tragischen Helden werden sollte.

„Until Dawn“ wartete mit vielen solcher Wendungen auf, die „Man of Medan“ in der Kürze der Zeit verwehrt bleiben, die ihr zudem gerade zum Ende hin gefühlt nur noch mit Weglaufen verbringt. Wohl dem, der sich auf die teils fiesen und unvermittelt eingeblendeten Quicktime-Events versteht. Wer dieser Art von Spielelement nichts abgewinnen kann, ist hier definitiv falsch.

Rückblickend bliebt zudem der Eindruck, dass „Man of Medan“ sich seine vertraglich festgelegte Mindestzahl an Schockmomenten durch den inflationären Einsatz banaler Jump Scares erkauft. Zwar geht es in dem Schiff durchaus gruselig zu, aber wir haben uns gefühlt häufiger über hervorkriechendes Getier erschrocken, als vor irgendwelchen Geister-Zombie-Soldaten. Damit spielt „Man of Medan“ trotz des zweifelsohne hohen Produktionsaufwandes nicht in der gleichen Liga wie das hauseigenen „Until Dawn“.

Als kurzer Grusel-Happen für zwischendurch will und muss es das aber auch gar nicht. Wir haben uns trotz der genannten Mankos auf jeden Fall äußerst gut unterhalten gefühlt und verlangen von einer Story über ein Geisterschiff natürlich auch nicht die narrative Tiefe eines „Game of Thrones“. Etwas weniger oberflächlich darf es bei der nächsten Folgen aber gerne zugehen. Dann könnten wir nämlich eine emotionale Bindung zu den Figuren aufzubauen, um sie wirklich retten zu wollen, anstatt sie laut jauchzend bewusst in den Tod stürzen zu lassen.

Wunderbar altmodischer Horror-Trip zum selber spielen. Die Handlung von „Man of Medan“ mag nicht über B-Movie-Niveau hinauskommen, dafür beeindrucken die vielen möglichen Verzweigungen eurer Entscheidungen und Taten. Die überschaubare Spielzeit kann indes mit dem hohen Wiederspielwert entschuldigt werden und der Online-Koop-Modus ist sowieso schlicht genial! Ein vielversprechender Auftakt einer vielversprechenden Reihe, der aber noch Luft nach oben lässt.

„The Dark Pictures Anthology - Man of Medan“ ist für PlayStation 4, Microsoft Windows und Xbox One erhältlich.