Freunde des gezielten Kopfschusses haben es in den gängigen Shootern nicht leicht. Als 'Camper' verschrien, wird einem in dynamischen Gefechten eher selten die Anerkennung zuteil, die man für die Kunst eines gekonnten Distanztreffers eigentlich verdient hätte. Doch glücklicherweise gibt es ja die 'Sniper Elite'-Reihe, eine Spielwiese, die sich ganz gezielt an leidenschaftliche Scharfschützen richtet. Und davon gibt es offenbar eine ganze Menge, immerhin geht die Serie nun bereits in die vierte Runde.

Darum geht's:

'Sniper Elite 4' schließt inhaltlich direkt an den Vorgänger an und schickt den Agent des 'Office of Strategic Service' Karl Fairburne vor dem Hintergrund des zweiten Weltkriegs diesmal an die Front in Italien, mit dem Auftrag, den hiesigen Widerstand bei der Bekämpfung des faschistischen Übels zu Unterstützen. Dazu bedient ihr euch in dem Stealth-Taktik-Shooter aus der Third-Person-Perspektive in erster Linie Karls Talent mit dem Scharfschützengewehr. Zwar tragt ihr auch Pistolen und Maschinengewehre mit euch herum, doch diese kommen naturgemäß eher selten zum Einsatz. Immerhin habt ihr in den riesigen offenen Arealen mehr als genug Platz, um euch eine günstige Position zu suchen, von dort aus in Ruhe mit dem Fernglas die Lage zu sondieren und dann einen Feind nach dem anderen auszuschalten. Natürlich erregt das irgendwann Aufmerksamkeit, weshalb ihr nicht stur an einer Stelle verharren solltet. Andererseits könnte man das Suchmuster der Gegner natürlich auch ganz bewusst für seine Zwecke nutzen, und diese gezielt in eine Sprengfalle locken. Denn neben den diversen Ballermännern tragt ihr auch einen ganzen Schwung explosiver Gimmicks mit euch herum, die sogar jeweils auf zwei verschiedene Arten benutzt werden können. So eine Stilgranate, die zum Beispiel am Rücken eines Soldaten kleben bleibt, der panisch in die Reihen seiner eigenen Laute stürmt, kann einen ganzen Pulk auf einmal ausschalten. Wie ihr die zahlreichen Haupt- und Nebenmissionen angeht ist aber letztlich eure Sache. Ein Katz und Maus-Spiel ist es immer.

Das ist gut:

Das ikonischste Merkmal der Sniper Elite-Reihe ist die ebenso derb wie effektvoll in Szene gesetzte Kill-Cam, die diesmal sogar bei Nahkampf-Manövern oder Explosionen zum Einsatz kommt. In einer fast schon zynisch anmutenden Schonungslosigkeit verfolgt ihr in Zeitlupe den Flug eurer Kugel und bekommt Einschlag in den Körper des Feindes in einer detaillierten Röntgen-Ansicht serviert. Knochen, Zähne, Gehirn, Augen, Lunge, Herz, Eingeweide, Nieren und selbst Hoden werden in Sniper Elite 4 hundertfach zerfetzt, durchbohrt oder durchstochen. In Deutschland ungeschnitten wohlgemerkt! Nun könnte man den Machern vorwerfen, damit selbstzweckhaft einen Gewalt-Porno inszeniert zu haben, aber aus Sicht eines Gamers könnte man sich kaum ein besseres und befriedigenderes Treffer-Feedback wünschen. Abgesehen davon hat das Spiel deutlich mehr zu bieten, als nur einen Kurs in destruktiver Anatomie. So ist Schleichen und Verstecken stets eine Option und angesichts der aufmerksamen KI zuweilen sogar die bessere Wahl.
Teil Vier lädt mit seinen ausladenden Arealen und den im Gegensatz zu den Vorgängern deutlich erweiterten Handlungsmöglichkeiten ausdrücklich und herzlich zum Experimentieren ein. Und das macht nicht zuletzt dank angenehm kurzer Ladezeiten bei einem Neustart ordentlich Laune. Die abwechslungsreich gestalteten Level bieten zig Möglichkeiten, ans Ziel zu kommen und locken neben diversen optionalen Missionszielen mit einem ganzen Schwung Sammelgegenstände. Dazu kommen noch Herausforderungen für jede einzelne Waffe, um deren Werte wie Schaden und Rückstoß zu verbessern und die obligatorischen Erfahrungspunkte, die uns im Rang aufsteigen lassen und damit immer mehr passive Fertigkeiten in einem Talentbaum freischalten. Für Langzeitmotivation ist also gesorgt. Wahre Scharfschützen gehen die Missionen ohnehin mindestens ein zweites Mal an, um ohne die Zielhilfe zu spielen, welche bei angehaltener Luft anzeigt, wo eine Kugel einschlägt. Gesellige Naturen gehen zudem online mit einem Koop-Kumpel auf die Pirsch, nehmen sich gegenseitig aufs Korn oder schlagen immer stärker werdende Wellen von Gegnerhorden zurück.

Das ist schlecht:

Grafisch reißt auch dieses Sniper Elite keine Bäume aus. Zwar versprüht die Umgebung mit ihrem Miniatur-Eisenbahn-Charakter durchaus Charme und bietet immer wieder schöne Panoramen und Lichteffekte, doch die Charaktermodelle wären in dieser Form sicherlich auch auf der vorherigen Konsolengeneration machbar gewesen. Des Weiteren kam es bei der von uns getesteten Xbox One Version speziell bei den Einspielungen der Kill-Cam immer wieder zu sogenanntem Tearing, also dem 'Zerreißen' des Bildes. Kurios muten außerdem die vielen seltsamen Übersetzungsfehler an. Dass die gesprochenen Texte nicht immer zu den Untertiteln passen ist natürlich noch zu verschmerzen, aber dass man das englische 'Kick' beispielsweise mit 'Rauschmiss' lokalisiert, ergibt recht wenig Sinn, wenn es darum geht, das angezeigte Ziel zu zertreten.
Inhaltlich bleibt 'Sniper Elite 4' aber ohnehin leider abermals recht belanglos. Es hat nicht lange gedauert, bis wir die Gespräche zwischen den Missionen ganz einfach weggeklickt haben, um endlich loslegen zu können. Und während die Sprecher der Hauptfiguren immerhin noch einen guten Job machen, fühlt man sich angesichts der teils hanebüchenen Vertonung der Soldaten im Spiel mitunter ins Mittelalter der Videospiel-Synchronisation zurückversetzt. Derart dilettantische und aufgesetzt klingende Samples haben wir lange nicht mehr gehört. Dafür können die KI-Soldaten aber zum Teil unglaublich gut sehen und hören und entdecken den Spieler schneller als diesem lieb sein kann und als es Glaubwürdigkeit und Logik eigentlich erlauben sollten. Aber angesichts der unmenschlich anmutenden Fähigkeiten von Karl ist das vielleicht auch wieder irgendwie fair.

Sniper Elite 4 ist abs sofort für Playstation 4, Xbox One und PC erhältlich!

So macht campen Laune! Sniper Elite 4 ist ein riesiger Spielplatz auf den sich passionierte Scharfschützen mal so richtig austoben dürfen. Experimentierfreude wird bei dem stets spannenden Katz und Maus-Spiel groß geschrieben, dafür solltet ihr aber inhaltlich nicht allzu viel erwarten. Den diversen technischen Schwächen wiederum stehen ansehnliche Areale und die faszinierend-derb inszenierte Kill-Cam gegenüber.