Fumito Ueda ist kein Videospiel-Designer der für das schnelle Geld unzählige Soldaten über die Klinge springen lässt. Fumito Ueda ist eher ein Maler, ein Bildhauer, einfach ein Künstler, dessen Werke deren Spieler nachhaltig berühren sollen. Und das ist dem Mann vor allem mit  „Shadow of the Colossus“ bravourös gelungen. Ein guter Indikator dafür ist der frenetische Jubel, der seinerzeit aufbrandete, als das Folgewerk „The Last Guardian“ angekündigt wurde. Zwar lässt sich sich Ueda somit völlig zurecht mit Designer-Rockstars wie Shigeru Miyamoto und Hideo Kojima in einem Atemzug nennen, allerdings können seine Werke traditionell hinsichtlich der spieltechnischen Brillanz nicht mit denen der genannten Kollegen mithalten. Aber was nicht ist kann ja noch werden! Wir befinden uns schließlich im Zeitalter der Neuauflagen. Und warum sollte man einem Kunstwerk nicht 12 Jahre später den finalen Pinselstrich verleihen?!

Darum geht’s:

Nicht mehr, aber auch nicht weniger hat Sony mit dem Remake von „Shadow of the Colossus“ getan. Anstatt aber wie im Zuge der HD-Neuauflage aus dem Jahr 2011 nur die Auflösung anzupassen, hat man diesmal alles fein säuberlich auseinandergenommen, auf Hochglanz poliert und dann aufs penibelste genau wieder so zusammengesetzt, wie es vorher war, ohne das ursprüngliche Werk durch unnötigen zusätzlichen Krimskrams zu verzerren. Inhaltlich bleibt also glücklicherweise alles beim Alten. Aber worum geht’s bei „Shadow of the Colossus“ überhaupt und was macht es so besonders?

Ihr schlüpft in die Haut des jungen Kriegers Wander, der sich auf dem Rücken seines treuen Rosses Agro in eine verbotene Welt aufmacht. Dort erhofft er sich die Gnade einer gottesähnlichen Entität, die Legenden zufolge die Macht besitzen soll, seine verstorbene Geliebte Mono wieder zum Leben zu erwecken. Wander findet, was er sucht, doch das gestaltlose Wesen verlangt eine Gegenleistung. Der junge Krieger soll zunächst nur mit magischem Schwert und einem Bogen bewaffnet 16 Kolosse zu Fall bringen, die als Inkarnation der jeweiligen Götter jene verbotene Welt durchstreifen. Erst dann sei ihm sein Wunsch gewährt.

Also schwingt ihr euch ohne zu Zögern aufs Pferd und prescht auf der Suche nach eurem ersten Gegner durch eine fast schon tot anmutende, karge Landschaft, deren erhabene Stille einen melancholischen Gegenentwurf zu den gängigen Videospielwelten darstellt. Während ihr das Schwert gen Himmel reckt, um euch von den gebündelten Sonnenstrahlen den Weg zum Ziel anzeigen zu lassen, begleiten euch nur der Wind und das Klappern von Agros Hufen. Bis sich schließlich der erste Koloss donnernd vor euch erhebt und die Leere auf einen Schlag füllt, als habe diese von Anfang an nur als Rahmen gedient. Und spätestens wenn ihr euren ersten Gegner erlegt habt, habt ihr verstanden, was es mit „Shadow of the Colossus“ auf sich hat!

Das ist gut:

Um dieses auf den ersten Blick schier unmögliche Kunststück zu vollbringen, gilt es, die Kolosse quasi zu entern. Dazu müsst ihr die gewaltigen Viecher, die wie lebendige Bauwerke aus Fleisch, Fell und Stein anmuten, jedoch zunächst studieren, um deren Schwachpunkt auszumachen und herauszufinden, wie ihr da überhaupt hochkommt. Lassen sich die ersten Riesen noch relativ bequem erklettern, indem ihr euch einfach im dichten Fell festkrallt, wird die Nummer im Verlauf des Spieles zunehmend komplizierter. Hinzu kommt, dass Wander nur über eine begrenzte Ausdauer beim Klettern und Festhalten verfügt, die sich umso schneller dem Ende neigt, je mehr sich der Koloss schüttelt und aufbäumt, um euch loszuwerden.

Habt ihr die leuchtende Achillesferse erreicht, rammt ihr das Schwert tief in den Schädel oder Leib des Wesens. Immer und immer wieder, bis der Gigant schließlich leblos zusammenbricht. Zunächst möchte man freudig triumphieren, immerhin hat man gesiegt und einen Riesen gefällt. Doch aus irgendeinem Grund bleiben die inneren Fanfarenklänge aus und stattdessen mischen sich leise Töne in den wirbelnden Strudel an Gedanken und Emotionen. „Was habe ich getan?“ und „War es das wert?“ Und genau deshalb ist das Spiel bereits in Museen ausgestellt worden.

Wer bisher noch nicht in den Genuss gekommen ist, Wander auf seiner beschwerlichen Reise zu begleiten, der hat gewissermaßen Glück. Doch auch Kenner des Originals sollten unbedingt einen zweiten Blick wagen. Denn dank der optischen Frischzellenkur sieht die aktuelle Version dramatisch besser aus als die HD-Neuauflage. In knackescharfer 4K-Grafik kommen die Kolosse noch bedrohlicher, noch gewaltiger, noch erhabener daher. Dichteres Fell (welches in der Urversion schon beeindruckend animiert war), detaillierte Verzierungen auf den Rüstungen und der verfallenen Architektur, keine Nebelbänke mehr, die den Blick auf die weite Ferne der wehmütig schönen Landschaft trüben. Selbst an heutigen Maßstäben gemessen sieht das Spiel fantastisch aus und entspricht damit vermutlich der ursprünglichen Vision, der sich das (zu) ambitionierte Team ICO zu Zeiten der PS2 technisch lediglich annähern konnte. Und das Beste: Bei all der Pracht ist nicht ein Tropfen der Essenz verloren gegangen, welche das Original so unvergesslich gemacht hat.

Das ist schlecht:

Leider bedeutet das aber auch, dass die ursprünglichen Macken abermals ihren Weg ins Spiel gefunden haben. Da wäre zum einen die störrische, teils wirre Kameraführung und zum anderen die fast schon legendär hakelige „Uedo“-Steuerung. Zwar habt ihr nun die Wahl aus drei verschiedenen Button-Layouts, an den teils ungenauen und schwer einzuschätzenden Sprüngen ändert das aber nichts.

„Shadow of the Colossus“ ist ab sofort für Playstation 4 erhältlich.

Ein Meilenstein der Videospielgeschichte in seiner bisher besten Version. Das Remake von „Shadow of the Colossus“ sieht schlichtweg umwerfend aus, was den Kampf David gegen Goliath noch dramatischer wirken lässt. Der emotionale Impact des digitalen Kunstwerkes ist dabei so wuchtig wie eh und je, denn inhaltlich hat sich zum Glück nichts geändert. Zwar gilt das auch für die fast schon traditionellen Macken, doch wer darüber hinwegsehen kann, wird mit einem wahrlich denkwürdigen Spielerlebnis belohnt, das in dieser Form bis heute einzigartig ist und an das ihr euch noch lange erinnern werdet.