Das ist gut/ das ist schlecht:

Schon zu Beginn unserer Reise wird klar, dass eine der wohl größten Stärken von „Road 96“ die immens dichte Atmosphäre darstellt. Obgleich sich das Spiel in einer vergleichsweise zweckhaften Comic-Optik präsentiert, kann man mit ein wenig Fantasie förmlich den Wind in den Haaren spüren, der einen am Rande einer Straße in den majestätischen Weiten des rauen Landes umweht. Das Gefühl von Freiheit ist als übergreifende Spielmotivation allgegenwärtig und stemmt sich damit rebellisch gegen die düstere Lore.

Guter Dinge machen wir uns also auf und treffen auf einem Campingplatz auf eine gleichgesinnte Tramperin, mit der wir den Abend an einem Lagerfeuer verbringen, ein schräges Posaunenspiel aufführen und letztlich vom Platz geschmissen werden. Es ist ein warmherziger, vertrauter Moment, der uns kurz darauf wie ein Eintrag in unser fiktives Tagebuch erscheint. Denn auf jeder weiteren Station unserer Reise lernen wir neue Menschen kennen und erleben andere Situationen, die mal lustig sind, mal zum Nachdenken anregen und zuweilen sogar schockieren.

Vorausgesetzt, es geht nichts schief, erlebt man auf dem Weg zur Grenze fünf bis sieben einzelne Episoden von etwa 10 bis 15 Minuten Länge, im Zuge derer wir in einem begrenzten Areal einer kleinen Geschichte aktiv beiwohnen. Mal müssen wir einem etwas unterbelichteten Verbrecherduo bei einem Einbruch helfen, mal gemeinsam mit einem Wunderkind an einem Videospiel tüfteln oder versuchen, einen Trucker während der Fahrt wachzuhalten. Jede Episode bringt uns unserem Ziel ein wenig näher und endet mit der Frage, wie wir unsere Reise fortsetzen wollen.

Verfügen wir über genug Geld, welches wir mit schnellen Jobs verdienen oder auch stehlen können, rufen wir uns ein Taxi oder nehmen den Bus. Wollen wir die Kohle lieber sparen oder sind blank, können wir trampen oder müssen im schlechtesten Falle laufen. Dabei gilt es stets, die Energieanzeige im Blick zu behalten, die es durch Essen, Trinken und ausreichend Schlaf zu Füllen gilt.

In unserem Falle hatte eine falsche Entscheidung bereits nach drei Episoden das Ende unserer Reise bedeutet, als wir während des erwähnten Einbruches lieber gierig den Tresor knacken wollten, anstatt zu fliehen. Wir landeten im Knast und der Trip war vorbei.

Da es allerdings noch genug andere Teenager auf der Flucht gibt, starteten wir an einem anderen Punkt der Map erneut, und trafen diesmal auf die wohl einzige freundliche Polizistin in Petria, der wir halfen, einen Reifen zu wechseln.

Die Entscheidung, den weiteren Weg zu Fuß anzutreten, war jedoch eine äußerst dumme. Denn jeder Teilabschnitt kostet eine gewisse Menge Energie, je nachdem welches Transportmittel wir wählen. Am Ziel angekommen kippten wir vor Erschöpfung und Hunger direkt um, wurden von einer Streife aufgelesen und landeten abermals im Knast.

Die Spielregeln verstanden, gestalteten sich die nächsten Runden deutlich erfolgreicher und allmählich wurde uns klar, dass „Road 96“ über acht verschiedenen Figuren, die wir immer wieder in unterschiedlichen Situationen treffen, eine in sich verzahnte Geschichte erzählt, die wir auf einem Zeitstrahl zwar chronologisch erleben, deren Zusammenhänge wir in zufällig zusammengestellten Sequenzen aber erst allmählich zu verstehen beginnen – ein wenig so, als würde man nach und nach ein Puzzle zusammensetzen.

Und bald wurde uns auch klar, dass wir nicht nur den Ausgang der kleinen Episoden mitentscheiden, sondern anhand diverser Dialogoptionen auch die Stimmung im Land beeinflussen können. Es geht nämlich steil auf den Wahltag zu, den ihr nach sieben bis neun Runs auf der Timeline erreicht habt und der damit ausgehen kann, dass mit der oppositionellen Florres ein Regierungswechsel ansteht, Tyrak an der Macht bleibt oder das Volk aufbegehrt.

Und so verändert sich auch zunehmend die Stimmung im Spiel, je näher wir dem Tag X kommen. Begann alles noch so romantisch, mehrten sich in unserem Falle die Proteste und Übergriffe zunehmend. Erst Recht, nachdem eine Entscheidung von uns dazu führte, dass unser Protagonist am Grenzübergang erschossen wurde. Derlei Ereignisse werden dann auch in einer (Pro Tyrak) TV-Show aufgegriffen, die als Bindeglied zwischen den Runs fungiert.