Seit einiger Zeit schmücken Werbeplakate den westdeutschen Raum, die in sympathischer Mundart ein Action-RPG 'von umme Ecke' anpreisen. Gemeint ist Risen 3: Titan Lords, das neue Mammut-Rollenspiel aus dem deutschen Hause Piranha Bytes. Falls ihr mit dem Entwickler nichts anfangen könnt: Das sind die Jungs, welche die Gothic-Reihe gemacht haben. Na klingelt's jetzt?!

Darum geht's

Als Pirat hat man es ja nicht so leicht. Nicht nur das die äußerst gut gebaute und vollbusige Dame, mit der wir da gerade einen malerischen Strand entlang laufen, unsere Schwester ist, nein, es muss natürlich auch noch ein bösartiger Schattenlord auftauchen, der uns unsere Seele raubt. Aber immerhin haben wir gute Kumpels, welche der Voodoo-Magie mächtig sind, und uns wieder ins Leben zurückholen. Wobei 'Leben' vielleicht falsch formuliert ist, wenn man bedenkt, dass unser Geist immer noch im Schattenreich weilt. Ärgerlicherweise wird das auf kurz oder lang dazu führen, dass wir auch die Kontrolle über unsere körperliche Hülle verlieren und endgültig dem Wahnsinn anheimfallen. Das Ziel ist von daher also klar: Wir müssen unsere Seele retten. Und dazu brauchen wir Magie!

Das ist gut

Also auf, Kameraden, es gilt, die gesamte Südsee zu durchforsten, und das ist durchaus wörtlich gemeint. Im Gegensatz zum Vorgänger, welcher euch zuweilen doch sehr an die Hand nahm, steht es euch in Risen 3 frei, zu tun und zu lassen, was ihr wollt. An Quests herrscht weiß Gott kein Mangel, bereits nach kurzer Zeit quillt euer Logbuch förmlich über. Davon sind zwar einige typische Bring- und Laufdienste im Stile von „Sammle so und so viele Gegenstände“, der Rest überrascht allerdings mit cleverer Verzahnung der Aufgaben und erfreut durch den freien Ansatz, wie wir an die Sache herangehen wollen. Und der Möglichkeiten gibt es viele, so wie ihr auch euren Charakter sehr vielfältig entwickeln könnt. Das beginnt damit, dass ihr euch im Laufe des Spieles für eine von drei Fraktionen entscheiden müsst, woraufhin ein jeweils eigener Talentbaum und besondere Waffen freigeschaltet werden, und endet damit, dass ihr als Handwerker eigene Waffen zimmert, oder als Alchimist eigene Heiltränke braut. Nebenbei heuert ihr eine Crew an, um mit eurem Segelschiff Meeresungeheuer zur Strecke zu bringen, lauscht während eurer Ausflüge in die teils äußerst ansehnliche Pampa den kontextsensitiven, mitunter recht derben Sprüchen eurer Begleiter, oder verprügelt mittels eines auf Timing ausgelegten und mit Erwerb bestimmter Fähigkeiten überraschend komplexen Kampfsystems Monster und Diebe. Zu tun gibt es auf alle Fälle genug, sodass man die eigentliche Mission gerne mal aus den Augen verliert.

Das ist schlecht

Allen, die bei 'Schiff' und 'Meeresungeheuer' aufgehorcht haben, müssen wir leider wortwörtlich den Wind aus den Segeln nehmen. Unverständlicherweise hat man das durchaus vorhandene Gerüst nicht ausgebaut, so dass ihr euren Kahn nicht frei zum Umherreisen lenken dürft. Schade. Zwar ist die Schnellreisefunktion komfortabel, aber wir wissen nicht erst seit den späteren Assassin's-Creed-Teilen, wie lustig so eine Seefahrt sein kann.
Dafür, dass man sich in einem Rollenspiel mit seinem Charakter identifizieren soll, bleibt unser Alter Ego in Risen 3 zudem erstaunlich blass und nimmt sein an sich dramatisches Schicksal unnatürlich stoisch hin. Leider verhunzt Piranha Bytes auch sonst so manchen an sich dramatischen Augenblick mit einer zuweilen dilettantischen Inszenierung, aber das kennen wir ja schon.
Und wo wir schon bei der Inszenierung sind, auch in technischer Hinsicht müssen die deutschen Entwickler noch mal zum Nachsitzen. Ausgerechnet das Tutorial führt dem Spieler gleich zu Anfang die Schwächen der betagten Engine mit grauenhaften Texturen, Tearing und derben Rucklern gnadenlos vor Augen. Danach wird es besser, keine Frage, aber nicht jeder wird seine Motivation über den unsäglichen Anfang hinweg retten können.

Endlich wieder ein richtig großes Rollenspiel aus deutschen Landen. Wer sich mit technischen Schnitzern arrangieren kann, erlebt eine überraschend motivierende Jagd nach der eigenen Seele, die euch auf dem Weg zum Ziel angenehm viele Freiheiten lässt. Dreckig, düster - ein echter Rollenspielspaß made in Germany!