Das ist gut:

Das neue „Resident Evil 2“ ist ein mit enormem Aufwand umgesetztes Remake, eine Neuinterpretation, die sich viele Freiheiten herausnimmt, anstatt sich sklavisch an die Vorgaben des Originals zu halten. Üblicherweise wäre dies eine Hiobsbotschaft. Aber in diesem speziellen Falle wurde mit so unglaublich viel Sorgfalt an den richtigen Schrauben gedreht, dass bereits innerhalb kürzester Spielzeit alle Sorgenfalten von unserer Stirn verschwunden waren.

Gleich geblieben ist die gute alte Survival-Horror-Formel des Originals. Keine Bleigewitter wie in Teil 5 und 6, sondern allgegenwärtige Munitionsknappheit, das stete Gefühl von Bedrohung sowie ein der Notwendigkeit mit Bedacht vorzugehen geschuldetes, gemächliches Spieltempo. Wer das nicht mag, und pfeilschnelle Dynamik bevorzugt, braucht gar nicht weiterzulesen. Wer sich jedoch darauf einlässt, wird verblüfft sein, wie irre spannend ein 20 Jahre altes Spielkonzept auch heute noch sein kann.

Dies ist freilich auch der grafischen Frischzellenkur zu verdanken, die keinen Vergleich zu aktuellen Titeln scheuen muss. Die RE-Engine zaubert nicht weniger als die beeindruckendsten Zombies aller Videospielzeiten auf den Bildschirm, verwöhnt das Auge mit herrlich detaillierten und glaubwürdig animierten Charaktermodellen in den gut gespielten Zwischensequenzen, und sorgt mit schummerigen Lichtstimmungen für ordentlich Gruselflair. Gleiches gilt für die effektvolle Soundkulisse, die mit gezieltem Raumklang wohlig-schaurige Erinnerungen an „Dead Space“ aufkommen lässt. Und das alles sowohl auf der Xbox One als auch auf der Playstation 4 wunderbar flüssig und ohne Ladezeiten.

Zwar erleben wir das Spiel nun aus der Verfolgersicht und komplett in 3D, anstatt wie damals mittels fest vorgegebener Kameraperspektiven und vorgerenderter Hintergründe, die Mischung aus Erkundung, Rätseln und Kämpfen ist aber gleich geblieben. Die meisten Türen sind verschlossen, die passenden Schlüssel oder Werkzeuge zum Öffnen müssen erst gefunden werden. Medaillons wollen aufgespürt und eingesetzt, Regale verschoben und Dokumente nach Zugangscodes durchsucht werden.

Das geht freilich schlecht, wenn euch schlurfende Zombies, sprunghafte Licker oder gar der hünenhafte Tyrant auf den Fersen sind. Da jeder Fehlschuss euer ohnehin schon knappes Inventar belastet, müsst ihr die Kämpfe trotz aller berechtigten Panik sorgsam angehen. Da das Feindespack immens viele Treffer einstecken kann, vergewissert euch außerdem stets, ob ein Untoter auch wirklich endgültig das Zeitliche gesegnet hat, wenn ihr kein böses Erwachen erleben wollt.

Das Original setzte seinerzeit Maßstäbe in Sachen Gore-Faktor. Und auch diese Tugend hat das Remake übernommen. Bereitet euch also auf reichlich derben Splatter vor, aber auch auf ein entsprechend grandioses Trefferfeedback. Klar ist der Kopf dabei stets das zu bevorzugende Ziel. So wie die Jungs schwanken, ist dieser nicht immer so einfach zu treffen. Trennt den Beißern also ruhig auch mal die Beine oder die Arme ab.

Als Zugeständnis an die Moderne dürft ihr diesmal einen leichten Schwierigkeitsgrad wählen, der euch beim Zielen unterstützt, leichtere Gegner serviert und angeschlagene Gesundheit regeneriert. Doch auch im normalen Modus wird auf Farbbänder verzichtet, so dass ihr an einer Schreibmaschine jederzeit speichern dürft. Wer Eier hat, startet dagegen direkt als Veteran und bekommt die volle Packung Oldschool-Hardcore, inklusive Farbbänder!

Zwar werdet ihr nach rund zehn Stunden bereits den Abspann sehen, doch der Widerspielwert von „Resi 2“ ist immens. Immerhin gibt es zwei Figuren, deren Storylines sich ab und an überschneiden, die Protagonisten aber an unterschiedliche Orte führen, andere Rätsel und Figuren präsentieren und sogar unterschiedliche Waffen an die Hand geben. Dann gibt es für Leon und Claire noch das jeweils freizuschaltende B-Szenario, welches den Spielaufbau abermals variiert – und auch Hunk und Tofu sind auch wieder mit dabei.

Und wenn ihr, ähnlich wie wir, gedacht habt, dass ihr mit euren Kenntnissen des Originals auf alles vorbereitet seid, dann täuscht ihr euch. „Resident Evil 2“ gelingt das Kunststück, ebenso frisch wie vertraut zu wirken. Natürlich erkennt man Orte und Charaktere sofort wieder und doch ist alles anders arrangiert, sodass der Titel zuweilen wie ein komplett neues Spiel anmutet, ohne dabei an Charme oder Flair einzubüßen.

Ein riesiges Kompliment an die Macher, die mit dem neuen „Resi 2“ nicht bloß einem Meisterwerk einen neuen Rahmen verpasst, sondern auf Basis des Originals ein weiteres geschaffen haben. Das ist der neue Maßstab für Remakes!