Das ist gut:

Es ist gar nicht so leicht, sich bezüglich der Story auf wenig Raum zu beschränken. Alleine schon das Lager der Gang, das immer mal wieder den Standort wechselt, ist für sich genommen ein sozialer Mikrokosmos, der bis zum Schluss mit immer neuen Dialogen aufwarten kann. Diese sind durch die Bank so gut geschrieben und so treffsicher vertont, dass ihr mitunter vergesst, es mit einem Videospiel zu tun zu haben. Selbst popeligen NPCs wurde ein gewisses Mindestmaß an Charaktertiefe mit auf den Weg gegeben, was dem Treiben in der gigantischen Welt ein bislang ungekanntes Maß an Glaubwürdigkeit verleiht.

Im Wesentlichen wird dies aber natürlich durch die bombastische Optik erreicht. Was Rockstar hier aufbietet, ist nicht nur hinsichtlich des Detailgrades eine technische Wucht, das Ganze läuft auch noch flüssig über den Screen. Ob der irren Weitsicht und der fantastischen Lichtstimmungen ertappt man sich mitunter dabei, tief Luft zu holen, als stünde man gerade selber tatsächlich auf einem Hügel in der wilden Prärie.

Selbst auf der alten Xbox One oder PS4 sieht das Spiel fantastisch aus, lediglich die Auflösung ist etwas geringer. Auf der Pro kam es in unserem Test indes teils zu Einbrüchen in der Framerate, wo die Xbox One X als einzige Konsole selbst in stark belebten Szenen durchweg flüssig läuft und sogar mit nativem 4k aufwarten kann.

Abgesehen davon gilt konsolenübergreifend: Für jede noch so banale Handlung warten die Figuren mit passenden Animationen auf, die Mimik bringt die Emotionen wunderbar auf den Punkt, Kleidung und Waffen verschmutzen und verschleißen sichtlich, unzählige Tierarten bevölkern die Wildnis der verschiedenen Biotope von verschneiten Bergpässen bis hin in zu dampfenden Sumpfgebieten, die ihr alle vollkommen ohne Ladezeiten besuchen könnt, wenn euch gerade der Sinn danach steht.

Auch ein prima Motto für die freie Missionsstruktur. Neben den verpflichtenden Hauptmissionen, welche die Story voranbringen, gibt es am Wegesrand so viel zu entdecken, dass ein Spieleabend auf der Couch gerne man einen unerwarteten Verlauf nimmt. Nebenmissionen finden quasi euch, indem euch ein NPC plötzlich anspricht oder ihr unter einer Brücke eine bestialisch zugerichtete Leiche entdeckt.

Und da euer Lager mit Nahrung versorgt werden will, nimmt man die zufällige Begegnung mit einem Wildtier gerne zum Anlass, sich auf die Jagd zu begeben. Aus den dabei erbeuteten Fellen könnt ihr neue Klamotten und Taschen schustern lassen, achtet aber darauf, die Kadaver nicht allzu lange auf eurem Pferd herumzuschleppen, da diese bald zu verwesen beginnen.

Generell solltet ihr euch gut um euer Reittier kümmern, denn die Beziehung, die sich durch Pflege und Zuneigung immer weiter verbessert, wird mit wachsender Kraft und Zuverlässigkeit sowie neuen Manövern belohnt. Spätestens, wenn ihr mit einem erbeuteten Bärenfell nach langer Jagd durch die Pampa stapft, freut ihr euch über die immer größere Distanz, aus der ihr euren Vierbeiner herbeipfeifen könnt

Die Steuerung ähnelt indes stark der von „GTA V“, wobei ihr diesmal von Anfang an in der Ego-Perspektive zocken dürft. Ausgelegt ist das Spiel aber ganz klar als Third-Person-Erlebnis mit Schießereien, in denen Deckung auf Knopfdruck essentiell ist. Daneben macht euch die „Dead Eye“ getaufte Zeitlupen-Funktion das Leben und Zielen einfacher.

Jene steht jedoch nicht unendlich zur Verfügung, sondern muss, ebenso wie Ausdauer und Lebensenergie, regenerieren indem Zeit vergeht, ihr entsprechende Mittelchen und Nahrung zu euch nehmt oder schlaft. Wichtig dabei sind die Kerne der drei Attribute, die als Notration dienen, jedoch bei niedrigem Füllstand die Regeneration negativ beeinflussen.

Neu ist auch das kontextsensitive Kommunikationssystem, welches euch auf Knopfdruck eine Reihe an Interaktionsmöglichkeiten mit Mensch und Tier erlaubt. So könnt ihr eurer Umwelt gegenüber freundlich auftreten, oder Leute gezielt verärgern, was mit einem tödlichen Duell enden kann und eure Reputation beeinflusst. Wer mag, treibt das Moralsystem durch Überfälle und Brandschatzung tief in den roten Bereich, muss dann aber auch damit leben, ein allerorten gesuchter Mann zu sein.

Wobei es generell nicht leicht ist, als raubeiniges Mitglied einer Gangster-Bande ein netter Kerl zu sein. Aber davon macht ihr euch am besten selber ein Bild, indem ihr euch das Spiel in all seinen Facetten ausführlich zu Gemüte führt, derer es so verdammt viele gibt, dass es den Rahmen dieses Testes und eurer Lesebereitschaft sprengen würde. Davon, dass man die zig Ballermänner individualisieren und aufmotzen kann, dass ihr selbst die Farbe eurer Sättel anpassen dürft oder eure Haare und der Bart tatsächlich wachsen, fangen wir gar nicht erst an.