Manch vielversprechendes Spiel hat es nicht leicht in dieser Welt. Denn dem ambitionierten Raven's Cry erging es wohl ähnlich wie einem begabten Kind, welches nicht seinem Potential entsprechend gefördert wird. Haben wir uns auf der gamescom einst noch recht angetan gezeigt, müssen wir nun bereits vorwegnehmen, dass der Entwicklerwechsel und finanzielle Probleme seitens des Publishers dem fertigen Produkt nicht gut getan haben.

Darum geht's
In dem Action-Adventure spielt ihr den heißblütigen Piratenkapitän Christopher Raven, der in seiner Kindheit nicht nur eine Hand, sondern auch seine Eltern verlor. Die Jahre haben sein Gemüt nicht abkühlen lassen, so dass ihr nun als erwachsener Mann die Karibik zu einer Zeit unsicher macht, welche nur in unseren Köpfen romantisch erscheint. Um Christophers Rachefeldzug gegen die Mörder seiner Erzeuger ansprechend zu inszenieren, legten die Entwickler von Raven's Cry Wert darauf, das Zeitalter der Freibeuter nicht nur architektonisch möglichst glaubhaft darzustellen. Und so herrscht fernab jeder verklärten Disney-Piratenfilmästhetik ein rauer Ton in den dunklen Gassen der drei großen Städte und vielen Dörfer. Dem gegenüber steht das Flair der vielen zu entdeckenden Inseln mit ihren grünen Palmen und weißen Stränden. Doch spätestens auf See zeigt sich, dass die Natur ebenso rau sein kann wie jeder Pirat.



Das ist gut
Womit wir auch schon beim besten Feature von Raven's Cry wären: den Seeschlachten. Werdet ihr angegriffen, oder ergreift eurerseits die Offensive, findet ihr euch an Deck eures Kahns wieder, um die gegnerische Flotte in ihre Einzelteile zu zerlegen, was durch ein feines Schadensmodell ansprechend in Szene gesetzt wurde. Dafür stehen euch verschiedenen Munitionsarten zur Verfügung, was der Ganzen Sache zudem eine Prise Taktik verleiht. Euren schwimmenden Untersatz dürft ihr im Laufe des Spieles zudem upgraden und sogar wechseln, bis ihr am Ende mit einem mächtigen Kriegsschiff die Wellen durchpflügt. Schade nur, dass man die Meere nicht frei befahren darf. Eure Reise verfolgt ihr lediglich auf einer Karte und steuert auch darüber die verschiedenen Häfen an, um unter Ausnutzung des gut funktionierenden Handelssystems Geld in eure Kassen zu spülen. Dabei entdeckt ihr viele abwechslungsreiche Settings, aber wie das ja nun mal so ist, fangen viele Probleme in dem Moment an, in dem ihr euren Fuß an Land setzt.

Das ist schlecht
Fakt ist: Ravens Cry ist nicht fertig! Noch lange nicht! Bugs ziehen sich durch das gesamte Spiel, Tonspuren fehlen, die akustische Abmischung ist häufig völlig neben der Spur, unsichtbare Wände bremsen auf den Inseln euren Forscherdrang, eine Fauna gibt es nicht, Gegenstände verschwinden aus eurem Inventar, so manche Quest lässt sich nicht beenden, und, und, und ...

Nichts, was nicht gepatcht werden könnte, doch das Spiel krankt an noch sehr viel tiefgründigeren Problemen. So ist das Kampfsystem schlichtweg ein Witz. Es genügt vollkommen, den Angriffsknopf zu malträtieren. Und wem selbst das zu viel ist, der wechselt einfach mitten im Getümmel in den Schleichmodus und meuchelt die Gegner, die einen in der Hocke natürlich nicht mehr sehen können, von hinten. Hinzu kommt, dass Christopher Raven äußerst unsympathisch daherkommt, was vor allem daran liegen mag, dass der Kerl einfach nicht den Mund halten kann, und einem damit sogar die an sich tollen Seegefechte vergrätzt. Andauernd wird geflucht, beleidigt und geschimpft, was das Zeug hält. Das mag ja glaubwürdiger sein, als so manch andere Interpretation des Piratenthemas, in Raven's Cry haben es die Macher ab schlichtweg übertrieben. Die inflationäre Nutzung des Wortes „Ficken“ mutet bald schon clownesk an und nervt nur noch. Mal abgesehen davon, dass die strunzdämlichen Dialoge ganz grundsätzlich wesentlich schwerer zu ertragen sind als alle Bugs zusammen. Vielleicht gar nicht so schlecht, dass laut dem Entwickler selbst nach dem Patch noch 190 Tonspuren fehlen. Liebe Mannen von den Reality Pump Studios: Konzentriert euch für den nächsten Patch lieber auf die vielen anderen Fehler des Spieles. Welche Schwuchtel gerade wessen Eingeweide fickt, interessiert nämlich niemanden.

Wüstes Piratenabenteuer, in dem der Ton so rau ist wie die Wellen. In seiner jetzigen Form kann Raven's Cry zwar kaum als fertiges Produkt zum Vollpreis gelten, doch mit dem ersten Patch hat sich schon vieles gebessert. Ob so etwas wie erzählerische Qualität nachgereicht wird, bleibt jedoch fraglich.