1999 war in spielerischer Hinsicht ein ganz besonderer Jahrgang, an den man sich gerne zurückerinnert. Perlen wie „Age of Empires 2“, „System Shock 2“ oder „Homeworld“ verwöhnten weltweit die Zockergaumen. Doch ein visionäres Meisterwerk brannte sich seinerzeit ganz besonders tief in das kollektive Zockergedächtnis: „Outcast“! In vielerlei Hinsicht die Blaupause für heutzutage allgegenwärtige Standards war das Spiel beileibe nicht frei von Fehlern. Doch die Sogwirkung der für damaligen Verhältnisse revolutionären offenen Spielwelt war immens, so dass man kaum einen Spieler trifft, der von „Outcast“ nicht in den höchsten Tönen spricht. 18 Jahre später schickt sich nun das Remake an, diese Faszination aufs Neue zu entfachen. Ob „Outcast: Second Contact“ dieses Kunststück gelingt, verrät euch unser Test.

Darum geht’s:

Für alle, die anno 1999 mit anderen Dingen beschäftigt waren: Bei „Outcast“ handelt es sich um ein Action-Adventure in der Third-Person-Perspektive (Die optionale Ego-Perspektive des Originals fiel der Schere zum Opfer), welches neben den eingestreuten Schießereien seinen Fokus vor allem auf das Erkunden und Erforschen einer fremden Welt setzt.

In der Rolle des raubeinigen Navy-Commanders Cutter Slade bereist ihr eine Parallelwelt namens Adelpha. Eure Aufgabe besteht darin, eine Sonde zu bergen, welche die Regierung durch ein Dimensionstor schickte, um die Existenz weiterer Universen zu belegen. Dabei ist das Teil dummerweise kaputtgegangen und nun droht ein Energierückstoß, die Erde zu vernichten. In Adelpha indes hat man so seine ganz eigenen Sorgen und abermals seid ihr gefragt. Denn wenn ihr wollt, dass die Einheimischen euch eure verlorengegangene Ausrüstung wieder zugänglich machen, werdet ihr ihnen wohl oder übel erst mal bei ihren Problemen helfen müssen. Also macht ihr euch auf die Suche nach fünf Artefakten, um die unterdrückten Wesen von der Knute einer fiesen Kriegerkaste zu befreien.

Der perfekte Auftrag für jemanden mit einem derart schnittigen Namen und der deutschen Reibeisen-Stimme von Bruce Willis. Lasst euch, was das betrifft, übrigens nicht von den Trailern irritieren. Die gesprochenen deutschen Tonspuren sind im Spiel dieselben geblieben. Ebenso wie die immer noch fantastischen Orchesterklänge.

Das ist gut:

Die augenscheinlichste Neuerung gegenüber dem Original ist natürlich die gehörig aufgebohrte Grafik. Zugegeben, dem Charme der ursprünglichen Voxel-Grafik kann man nur schwerlich etwas entgegensetzen. Aber heutzutage ließe sich dieser wohl kaum in der Form reproduzieren. Dafür wird nun zeitgemäße HD-Grafik geboten, welche die Optik zwar etwas beliebiger wirken lässt, aber tatsächlich eine äußerst ordentliche Figur macht. Außerdem erkennen Fans unter den neuen Klamotten sofort das Original wieder, welches man erstaunlich werkgetreu in die Moderne gebeamt hat. 

Alte Hasen werden sich in Adelpha sofort wie zuhause fühlen, handelt es sich doch um genau denselben Ort, den sie schon 18 Jahre zuvor besucht haben. Neben der neuen Grafik sind zwar eine paar mehr oder weniger sinnvolle Komfortfunktionen – wie zum Beispiel ein freies Zielsystem mit optionaler Hilfe oder neue Hilfsanzeigen auf der Karte – hinzugekommen, ansonsten gibt sich „Second Contact“ sehr puristisch. Das bedeutet, dass ihr euch die fremde Dimension selber werdet erschließen müssen. Und genau das ist eine der größten Stärken von „Outcast“.

Der Star ist die Welt mit ihren teils schrulligen Einwohnern. Die mitunter richtig lustigen Dialoge funktionieren auch heute noch wunderbar und dem Spiel gelingt etwas, das in Zeiten allgegenwärtiger Questmarker rar geworden ist: Nämlich, euch neugierig zu machen. „Outcast“ fordert den Entdeckergeist heraus und hat damit aktuellen Titeln auch nach all der Zeit so einiges voraus. Zwar mögen die meisten Nebenaufgaben sich auf eher simple Bringdienste beschränken, doch die dafür nötigen Informationen wollen in den clever verzahnten Aufträgen zunächst einmal erarbeitet werden. Entsprechend groß das Gefühl des Triumphes, wenn man erfolgreich ist.

„Outcast“ ist etwas für aufmerksame Spieler, für alle, die sich gerne mit einer Welt auseinandersetzen, um mehr über sie zu erfahren, unabhängig davon, ob es einen im Spiel voranbringt oder nicht. Für alle, die sich nicht gerne an die Hand nehmen und durchs Spiel schleifen lassen, sondern gerne selber Richtung und Tempo vorgeben. Und obwohl es einer der ersten Open-World-Titel überhaupt war, ist das Maß an spielerischer Freiheit auch für heutige Verhältnisse noch mehr als vorbildlich.

Das ist schlecht:

Trotz all der erwähnten Stärken sollte man beim Spielen von „Outcast: Second Contact“ nicht vergessen, die Retro-Brille aufzusetzen. HD-Grafik hin oder her, die hoffnungslos veralteten Animationen erinnern eher an die Augsburger Puppenkiste. Das passt in gewisser Hinsicht allerdings zu der anstrengend hakeligen Steuerung, welche komplizierte Sprungpassagen nur dank der allgegenwärtigen Speicherfunktion überhaupt erträglich macht. Die zickige und mitunter sogar völlig willkürlich agierende Kamera macht die Sache nicht besser.

Dazu gesellt sich eine strunzdumme KI, welche all die zu findenden Gadgets im Spiel, – welche die Schießereien eigentlich taktischer machen sollen – nutzlos werden lässt. Wozu mich unsichtbar machen, wenn mir die Gegner wie in einer altertümlichen Schießbude vor die Flinte springen? Und obwohl es im Zuge des Tutorials als wichtiges Stilelement propagiert wird, mussten wir nie wirklich schleichen. Somit ist der Kampfaspekt bestenfalls als banal zu bezeichnen.

Kurios: Einige der Bugs, die das Spiel bereits vor 18 Jahren geplagt haben, sind immer noch vorhanden. Natürlich sollte man ein altes Juwel nur behutsam restaurieren, aber derartige Scharten dürfen bei aller Werktreue gerne ausgewetzt werden. Stattdessen sind aber sogar noch eine ganze Reihe neue Bugs mit an Bord.

Und über das neue Intro decken wir geflissentlich den Mantel des Schweigens.

„Outcast: Second Contact“ ist ab sofort für Playstation 4, Xbox One und PC erhältlich!

Ordentlich aufgehübschte Neuauflage eines Open-World-Pioniers, der man die Liebe zum Original anmerkt. Die fremdartige, glaubwürdig inszenierte Welt weiß auch nach all den Jahren zu faszinieren und weckt den Entdeckergeist. Die störrische Steuerung und miese KI hingegen sind selbst mit Retro-Brille nur schwer zu übersehen.