Ist ein Spielprinzip erfolgreich, wird es kopiert. Meistens gelingt das eher schlecht als recht, in der irrigen Annahme, der darbenden Spielergemeinde einfach schnell eine in der Mikrowelle aufgewärmte Version ihrer Lieblingsmahlzeit vorsetzte zu können. Dann gibt es allerdings auch wieder Köche, die es meisterhaft verstehen, die Grundzutaten eines Rezeptes mit einer eigenen Würznote zu versehen, ohne dabei den Geschmack des Originalgerichts zu verwässern. Genau dieses Kunststück ist Team Ninja mit ihrem neuesten Werk ‘Nioh’ gelungen. Einem spielerischen Gaumenschmaus für alle, die sich leidenschaftlich gerne an einem Brocken wie Dark Souls die Zähne ausgebissen haben.

Darum geht es:

Um zu erklären, worum es bei ‘Nioh’ geht, kommt man um den Vergleich mit der ebenso erfolgreichen wie bockschweren Action-Rollenspiel-Reihe ‘Dark Souls’ aus dem Hause From Software einfach nicht herum. Übers Knie gebrochen könnte man sagen, dass es sich bei ‘Nioh’ um ein ‘Dark Souls’ mit Asia-Setting handelt. Hüben wie drüben erlebt ihr ein episches Abenteuer aus der Third-Person-Perspektive, schnetzelt euch dabei in verwinkelten und abgeschlossenen Arealen durch Gegnerhorden, und hinterlasst auf dem Weg zum Endboss eine Spur aus Blut und Tränen. Denn der Tod des Spielers gehört hier ebenso zum Alltag, wie der eurer Gegner. Jeder noch so vermeintlich kleine Feind kann euer Aus bedeuten, wenn ihr einmal nicht aufpasst, was euch im schlimmsten Falle eure mühselig gesammelten Erfahrungspunkte kostet.
Bei Dark Souls waren es Seelen, bei Nioh ist es eine Substanz namens Amarit, welche in den kriegerischen Zeiten des feudalen Japans um 1600 herum über Sieg und Niederlage entscheidet. In der Rolle des englischen Seefahrers William begebt ihr euch deshalb auf die Jagd nach eurem Widersacher Edward Kelley, der sich das Amarit anzueignen versucht, nur um in Nippon angekommen festzustellen, dass dort Dämonen das Land unsicher machen. Team Ninja stützt sich dabei erzählerisch lose auf Ereignisse der realen Geschichte Japans, lässt es sich aber nicht nehmen ordentlich in den Topf der hiesigen Folklore zu greifen, um historische Figuren wie einen Hattori Hanzo neben gut- wie auch bösartigen Geistern agieren zu lassen. Und ebenso, wie man den Geschichtsbüchern ungezwungen eigene Seiten hinzufügt, macht man es auch mit der DNA eines ‘Dark Souls’. Denn ‘Nioh’ ist weit mehr als eine bloße Kopie!

Das ist gut:

Es beginnt schon beim Kampfsystem, welches euch mit jeder Nahkampfwaffe der fünf verschiedenen Gattungen in drei Haltungen kämpfen lässt. Haltet ihr beispielsweise das Katana hoch, landet ihr schwere wenn auch langsame Treffer, während die niedrige Haltung flinke Ausweichmanöver erlaubt, die eure Ausdauer nur vergleichsweise langsam abnehmen lassen. Diese kennen Souls-Spieler nur allzu gut, wenn sie in Nioh auch Ki genannt wird. Jede Aktion lässt den Balken schmelzen, bis ihr im schlimmsten Fall bewegungsunfähig und euren Gegnern damit auf Gedeih und Verderb ausgeliefert seid. Geschickte Spieler bedienen sich jedoch nach jeder Schlagkombo des sogenannten Ki-Impulses, der, richtiges Timing beim Knopfdrücken vorausgesetzt, augenblicklich einen ordentlichen Teil eures Ki wieder herstellt. Dazu kommen noch über diverse Talentbäume erlernbare Manöver für jede Waffe und jede Haltung, Fernkampfwaffen, Ninjitsu und Magie, Schutzgeister, zig verschiedene Items, Rüstungsteile und, und, und … Es hagelt quasi im Sekundentakt neues Equipment mit immer neuen Attributen, womit Tema Ninja das Dark-Souls-Süppchen mit einem ordentlichen Schuss ‘Diablo’ anreichert. Freut euch also auf ausgiebige Sessions im Menü, bei denen ihr eure Ausrüstungs-Sets immer weiter optimiert, bis sie zu eurem Spielstil passen.
Auf die vielen Möglichkeiten und Aspekte einzugehen, würde den Rahmen dieses Tests sprengen. Lasst euch von daher gesagt sein, dass hinter der technisch sauberen und stimmungsvollen Dark-Fantasy-Oberfläche in bester Dark-Souls-Tradition ein äußerst komplexes Rollenspiel-Uhrwerk tickt, in dem unzählige Rädchen ineinandergreifen.
Das bedeutet allerdings auch, dass ihr den Willen mitbringen müsst, ‘Nioh’ zu erlernen. Ihr braucht jetzt zwar nicht zwangsläufig so etwas wie die Feinheiten der optionalen Schmiedekunst zu meistern und könnt euch ruhigen Gewissens auch mit dem zufriedengeben, was die Gegner in den Haupt- und Nebenmissionen fallenlassen. Doch habt ihr nicht zumindest das Kampfsystem verinnerlicht, werdet ihr kaum von einem Schrein zum nächsten kommen, den Äquivalenten zu den allseits beliebten Oasen der Leuchtfeuer. Und spätestens bei einem der 30 Endbosse zeigt sich dann, ob ihr das Zeug für ‘Nioh’ habt. Dabei muss allerdings auch betont werden, dass es nie unfair wird, Sieg oder Niederlage letztlich nur eine Frage der Konzentration sind. Und da ist ‘Nioh’ wieder ganz ‘Dark Souls’. Dazu noch ein äußerst umfangreiches. Plant für den ersten Durchgang ruhig mal 70 Stunden Spielzeit ein. Die vielen Tode nicht mit eingerechnet.

Das ist schlecht:

Was Souls-gestählte Zocker jubeln lässt, ist für den vermutlich größeren Rest der Spieler wohl eher ein Ausschlusskriterium. Denn trotz der nützlichen Hilfsunktion in den Menüs und diversen Tutorial-Missionen im Dojo werden sich viele zunächst von der Komplexität eines ‘Nioh’ erschlagen fühlen. Es dauert eine ganze Weile, bis man begreift, wie das Spiel tatsächlich funktioniert, wenn man es denn überhaupt so lange spielt. Mit einem Kumpel im Online-Koop-Modus hat man es natürlich einfacher, aber in dem Falle hat man sich einen eher nervigen Aspekt des Originales abgeguckt und den Einstieg eines anderen Spielers ähnlich kompliziert gestaltet. Zudem macht die Optik zwar technisch eine saubere Figur, erreicht aber unterm Strich nicht die fantasievolle Design-Klasse des großen Vorbildes. Insofern können wir unterm Strich nur all denen eine Kaufempfehlung aussprechen, welche die Zeit und den Willen haben, sich durchzubeißen. Denen sei ‘Nioh’ aber wärmstens an Herz gelegt. Seit ‘Dark Souls’ und ‘Bloodborne’ lagen Frust und Freude nicht mehr so nahe beieinander.

Unbarmherzig, komplex und irre motivierend. ‘Nioh’ würzt die besten Zutaten von ‘Dark Souls’ mit einer gehörigen Prise ‘Diablo’ und serviert das Ganze auf einer Schlachtplatte der japanischen Folklore. Frustgestählte Spieler können sich wochenlang an dieser äußerst umfangreichen Henkersmahlzeit sattessen. Wer jedoch nicht willens ist, sich durchzubeißen, geht hungrig ins Bett.