Das ist gut:

Wer nun befürchtet, dass das neue „Metro“ aufgrund dieser Prämisse seinen bislang so wohltuend gradlinigen Charakter verliert, der sei beruhigt. „Exodus“ präsentiert uns Artjoms neues Abenteuer als eine Art Rail-Trip durch Russland, mit diversen Stops, die meist den Umständen geschuldet sind. Mal müsst ihr kaputte Gleise reparieren, mal mangelt es an Wasser oder an Treibstoff, und stets es ist an euch, eine Lösung zu finden.

Zu diesem Zweck werdet ihr in offene Areale entlassen, die zwar von der Fläche bei weitem nicht mit einem „Red Dead Redemption“ oder „Far Cry“ mithalten können, aber dennoch viel  Bewegungsfreiraum und noch mehr Erkundungsanreize bieten. Und immer dann, wenn das aktuelle Szenario zu langweilen droht, geht es auch schon weiter in ein thematisch vollkommen anders Gebiet.

Mal dümpeln wir auf einem Boot über die ölschimmernde Wolga und erkunden das verschneite Ufer, nur um wenig später am Kaspischen Meer Schutz vor einem Sandsturm zu suchen oder in der Taiga das angenehm herbstliche Wetter zu genießen. Klingt nach einigermaßen heiler Welt, ist es aber nicht. Denn nach wie vor streunen mutierte und verdammt zähe Monsterrudel durch die Nacht, zehren verstrahlte Zonen an den Filtern unserer Gasmaske, machen uns angriffslustige Banditen das Leben schwer.

Entsprechend wichtig ist die Pflege der eigenen Ausrüstung vor bzw. das fleißige Aufsammeln von Ressourcen während der Missionen. Denn verschmutze Waffen müssen gereinigt werden, wenn ihr nicht plötzlich mit Ladehemmungen einem mit scharfen Zähnen bewehrten Mutanten gegenüberstehen wollt. Die Filter eurer Gasmaske müssen regelmäßig gewechselt werden und Munition wächst auch nicht auf Bäumen. Über diese Karten spielt „Metro: Exodus“ seine Survival-Elemente aus, die sich dank des auf zwei Ressourcen beschränkte Craftings aber wohltuend im Hintergrund halten, ohne dabei an Wichtigkeit einzubüßen.

Denn wie es sich für die Postapokalypse gehört, zählt jede Kugel. Überlegt euch also genau, ob ihr einen offenen Schlagabtausch riskiert, oder lieber schleichend die Gegner von hinten meuchelt, um deren Reihen im Stealth-Modus heimlich, still und leise zu dezimieren. Im Idealfall findet ihr an den fallengelassenen Waffen sogar noch Bauteile, um euer eigenes Arsenal mit Zielfernrohr oder Schalldämpfer upzugraden.

Habt ihr schließlich genug Fieslinge über den Jordan geschickt, kann es sogar sein, dass die restlichen Kämpfer sich euch ergeben und ihr über deren Schicksal zu urteilen habt. Daumen hoch oder Daumen runter. Bedenkt aber, dass eure Entscheidungen Auswirkungen haben, da das Spiel über mehrere Enden verfügt.

Obwohl ihr die über 20 Stunden lange Story wortwörtlich wie auf Gleisen abfahrt, nimmt euch „Metro: Exodus“ im eigentlichen Spiel kaum an die Hand. Fundstücke verkünden sich nicht durch auffälliges Blinken, sondern wollen aufgespürt werden. Wegemarkierungen gibt es ebenso wenig wie dauerhaft eingeblendete Munitions- oder Lebensenergieanzeigen. Wollt ihr wissen, wo es weitergeht, müsst ihr schon die Karte zücken, nützliche Geräte wie Taschenlampe und Nachtsichtgerät müsst ihr mit dem mobilen Generator immer wieder ankurbeln und nebenbei den Geigerzähler am Handgelenk im Blick behalten.

Nachtsicht? Taschenlampe? Jawohl, im Laufe des Spieles werdet ihr immer wieder wie in guten alten Zeiten dunkle Tunnel und enge Gänge erkunden und dabei das in den Vorgängern etablierte Survival-Horror-Flair in all seiner Spannung genießen dürfen. Trotz begehbarer Oberfläche ist es also immer noch ein waschechtes „Metro“.

Und wer als alter Hase ob der neuen Oberwelt anfänglich womöglich mit der Nase rümpft, der wird sicherlich mit Blick auf die äußerst schicke Grafik bald seine Meinung ändern und begeistert jeden Winkel der einzelnen Zonen durchsuchen. Sei es um Ressourcen, Hilfsmitteln, Nebenmissionen oder anderen Überlebende aufzuspüren, oder einfach nur, um sich von der mit viel Liebe zum Detail gestalteten Postapokalypse gefangen nehmen zu lassen.

Überall erzählen Orte eine Geschichte, Tiere flüchten vor uns ins Unterholz, sichere Verstecke locken mit einem Schlafplatz, die es uns erlauben, den dynamischen Tag- und Nachtwechsel zu unserem taktischen Vorteil zu nutzen, und die subtile Musik entfaltet gemeinsam mit der treffsicheren Soundkulisse in genug den richtigen Momenten ihre Wirkung.

Die von uns getestete Xbox-One-Version von „Metro: Exodus“ mit opulenten Lichteffekten sowie aufwändig gestalteten Charaktermodellen und Arealen sieht prächtig aus und liefert eine ordentliche Performance ab, wobei es auf der potenteren One X natürlich deutlich knackiger und flüssiger lief. Immerhin war "Metro: Exodus" schon im Vorfeld als Vorzeigetitel für Microsofts Kraftpaket angekündigt worden. Und so hat die Xbox One X dann auch im direkten Vergleich zur Playstation 4 Pro, mit einer stabileren Bildrate und schärferen Texturen, klar die Nase vorn.