Mit Ground Zeroes servierte uns Mastermind Hideo Kojima vor nunmehr gut anderthalb Jahren eine kleines, aber deftiges Appetithäppchen zum kommenden großen fünften Teil der Metal Gear Saga. Zwar hatte man – wenn’s hochkam – gerade mal ein paar Stunden Spaß mit der verkappten Demo, doch dafür ließ uns das Ende umso atemloser zurück. Big Boss' Basis von einer gesichtslosen Armee zerstört, er selber in Folge einer Explosion schwer verletzt und im Koma …

Ein fieser Cliffhanger vor einer noch fieseren Wartezeit. Doch endlich ist es so weit, und wir erfahren in The Phantom Pain, wie es weitergeht. Halleluja!

Darum geht's:

Neun Jahre sind vergangen, die Big Boss im Koma verbrachte. Nun erwacht er in einem ihm fremden Krankenhaus, eine High-Tech-Prothese ersetzt den linken Arm, und wie es ja nun einmal das Schicksal des Mannes zu sein scheint, ist ihm der Krieg selbst bis hierhin gefolgt. Ein Militärtrupp stürmt das Krankenhaus und es folgt eine spektakulär inszenierte Flucht, welche dem Spiel als Tutorial dient. Kurz darauf findet ihr euch im kriegsgebeutelten Afghanistan der 80er wieder, beseelt von dem Ziel, eure Motherbase wieder aufzubauen und Rache zu nehmen. An den Leuten, die euch das alles angetan haben. Doch dazu gilt es zunächst einen alten Kameraden aufzuspüren, der hier irgendwo gefangengehalten werden soll. Wie ihr das bewerkstelligt, ist von nun an eure Sache.

Das ist gut:

Metal Gear Solid V: The Phantom Pain ist der erste Teil der langlebigen Serie, der euch in ein Open-World-Szenario entlässt. Wie ihr eine feindliche Basis infiltriert, ist folglich bloß durch eure eigene Spielweise begrenzt. Entscheidet selbst, wo euer Helikopter euch absetzen soll, ob bei Tag oder Nacht, welchen trainier- und ausrüstbaren Begleiter (Pferd, Hund, Robo-Läufer, oder Schafschützin Quiet) ihr an eurer Seite wünscht und welche Waffen ihr am Leib tragen wollt. Ein falsch und richtig gibt es dabei nicht, nur das Abwägen von Vor- und Nachteilen. Und natürlich eine gute Vorbereitung. So habt ihr bei Tag bessere Sicht, aber das gilt auch für die feindlichen Soldaten. Vielleicht also doch lieber im Dunkeln per Nachtsichtgerät? Und wer bereits im Vorfeld via Fernglas die Feinde markiert und sich im Idealfall zuerst um die Sniper auf den Wachtürmen kümmert, hat es später deutlich leichter.
Zudem bietet das Spiel neben den gut 50 Hauptmissionen an die 150 Nebenmissionen, welche zum Teil geschickt mit der Kampagne verwoben sind. Bevor ihr zum Beispiel die russisch sprechenden Soldaten im Verhör überhaupt verstehen könnt, müsst ihr zunächst einen Dolmetscher retten. Auch spezielle Waffen und Gimmicks schaltet ihr so frei, weshalb die Nebenmissionen alles andere als schmückendes, oder gar streckendes Beiwerk darstellen.

Daneben werkelt ihr anhand gefundener Rohstoffe und der in den Missionen verdienten Währung an euer begehbaren Motherbase, einer gigantischen Plattform mitten im Meer. Eine äußerst motivierende Angelegenheit, da ihr immer mehr Sektionen hochzieht, die euch im Spiel gewisse Vorteile gewähren. Die Forschungsabteilung entwickelt beispielsweise immer ausgefeiltere Ausrüstung, während ihr die stationierten Soldaten später auf autonome Missionen schicken könnt, um ordentlich Kohle zu scheffeln. Da ihr diese Soldaten aus dem Hauptspiel heraus rekrutiert, ist es wenig sinnvoll, eure Feinde im Dutzend niederzumähen, was den Stealth-Aspekt der Reihe wunderbar in den Vordergrund rückt.
Puh … wir könnten Seiten mit all den verschiedenen Möglichkeiten füllen, die euch The Phantom Pain bietet, verbleiben, bevor wir zur Kritik kommen, aber zunächst einmal damit, dass sich der fünfte Teil der Saga trotz seiner spielerischen Komplexität angenehm intuitiv spielt, die Gegner äußerst clever agieren, es eine wahre Freude ist, im Helikopter gefundene Kassetten mit 80er-Jahre-Songs abzuspielen, der serientypische Humor nicht fehlt und wir uns trotz so mancher Matschtextur über flüssige 60 Bilder pro Sekunde freuen.

Das ist schlecht:

Als AAA-Open-World-Titel muss man sich heutzutage mit dem Witcher messen, und da kackt auch ein Metal Gear ab. Zwei große Szenarien bieten einfach nicht genug optische Abwechslung. Und auch sonst ist leider nicht von der Hand zu weisen, dass The Phantom Pain zugleich auch für die Last-Gen-Konsolen entwickelt wurde, was der grafischen Opulenz eines Next-Gen-Titels bekanntlich ja nie zugutekommt.
Viel schwerer wiegt aber die Tatsache, dass ausgerechnet die bisher stets so ausladende und mit viel Bombast präsentierte Story etwas zu kurz kommt, und die Charaktere zu keinem Zeitpunkt die Tiefe und sagen wir mal „Kantenschärfe“ ihrer Alter Egos aus den Vorgängern erreichen. Außerdem hätten ein paar mehr denkwürdige Bossfights nicht geschadet.
Ach ja, ihr werdet ohne das ikonische Radar auskommen müssen. Das mag zwar deutlich realistischer sein, aber irgendwie fehlt es einem schon.
Dennoch:

Es ist das erhoffte Meisterwerk geworden! The Phantom Pain ist genauso umfangreich und vielseitig wie komplex und motivierend. Jeder noch so kleine Pinselstrich dieses Kriegsgemäldes erfüllt seinen Zweck und definiert Stealth in einer offenen Welt neu. Ganz klare Kaufempfehlung und für Fans sowieso ein Muss!