Marvel's Avengers – Hawkeye: Interview mit Synchronsprecher Giacomo Gianniotti – Mit dem zweiten DLC der ersten Saison erhält die Superheldentruppe „Marvel’s Avengers“ aus dem gleichnamigen Videospiel Zuwachs. Denn niemand Geringeres als der allseits beliebte Clint Barton, alias „Hawkeye“, spannt im DLC „Operation: Future Imperfect“ seinen Bogen.

Die Suche nach SHIELD-Boss Nick Fury führt den Helden dabei sogar auf eine zerstörte Erde der Zukunft, wo er auf den neuen Superschurken Maestro trifft, eine böse und ältere Version des Hulk. Wir hatten die Gelegenheit, mit Serien-Star und Schauspieler Giacomo Gianniotti zu sprechen, den manche von euch sicherlich als Dr. Andrew DeLuca aus der Erfolgsserie „Grey’s Anatomy“ kennen.

Er lieh in „Operation: Future Imperfect“ Hawkeye seine Stimme. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit als Synchronsprecher, über seine Interpretation von Hawkeye – und einiges mehr.

Wie unterscheidet sich Ihrer Meinung nach Hawkeyes „Marvel's Avengers“-Version von früheren Versionen der Figur?

Giacomo Gianniotti: Als ich meine erste Sitzung zu den Aufnahmen hatte, eigentlich noch bevor ich meine erste Sitzung hatte, wurde mir dieses Buch gegeben – „Hawkeye: My Life as a Weapon“. Es war so, als würden sie mir sagen: „Es gibt so viele verschiedene Versionen und Variationen von Hawkeye, und das ist diejenige, auf der wir unseren Typ von Hawkeye wirklich aufbauen wollen.“

Für alle Comic-Fans und Fans von Hawkeye, die ihn und all diese verschiedenen Versionen gelesen haben, ist „My Life as a Weapon“ effektiv das, worauf wir den Charakter im Spiel aufgebaut haben. Inklusive der darin enthaltenen Geschichten, die wir mit einzubeziehen versuchten. Ja, das war mein Leitfaden für die Sprecherrolle.

Hawkeye ist ein bisschen jünger, er ist ein bisschen hipper, er ist witzig, sarkastisch. Hinzu kommt die Figur Kate Bishop, sie ist der neue Schützling von ihm. Und obwohl er erfahrener ist, ist sie reifer und weiser als er, und das ist es, was meiner Meinung nach einen Großteil der Komik und des Spaßes ihrer Beziehung ausmacht.

Außerdem fühlt sich Hawkeye wie ein James Bond an, wenn man sich die sarkastische und weltmännische Art wegdenkt. Er ist alles andere als weltmännisch, aber sehr wohl witzig und charmant, ebenso gefährlich wie mitreißend. Er ist zum Beispiel großartig darin, sich in einem Ballsaal voller böser Leute zu verkleiden und alle möglichen Informationen zu erhalten – er macht eine Menge Spionagearbeit.

Und ich denke, das Wichtigste, das oft vergessen wird, ist, dass Hawkeye einfach kein Superheld ist. Er hat keine Superkräfte und ist anders als jeder andere Charakter bei den Avengers. Er kann schließlich sterben und ist eben „nur“ ein sehr, sehr talentierter, athletischer Bogenschütze. Darauf haben wir unseren Charakter für diese spezielle Version im Videospiel aufgebaut.

Wie war persönlich Ihre Vorbereitung auf den Spielcharakter Hawkeye? Was machten Sie, um sich in die Rolle einzufühlen?

Giacomo Gianniotti: Ich habe einfach dieses Comic unglaublich oft gelesen, weil ich nichts anderes haben wollte, mit dem ich ihn vergleichen kann. Ich wollte nichts nachahmen – also wollte ich keine anderen Fernsehserien oder Filme oder so Ähnliches anschauen. Ich wollte mich schlicht von nichts beeinflussen lassen. Also hielt ich mich einfach an den Comic, sozusagen als Drehbuch und als Leitfaden.

Auch als Prüfstein dafür, einzutauchen in seine Motivationen, seine Ängste, seine Traumata und die Dinge, die er durchgemacht hatte, um so die Figur Hawkeye zu formen, wer er war. Während der Aufnahmen konnten die Regisseure natürlich jederzeit sagen: „Er sollte das ernster nehmen.“ oder „Nein, das war eigentlich ein Witz.“ – so konnten wir all diese Dinge während der Aufnahmen ändern. Aber ich denke, ich war sehr, sehr gut vorbereitet und ziemlich nah dran.

Mussten Sie sich als Synchronsprecher in diesen Sessions strikt an das Skript halten oder durften Sie ab und zu improvisieren?

Giacomo Gianniotti: Ich bin berüchtigt dafür, zu improvisieren. Wenn jemand mit mir im Fernsehen oder am Theater oder so arbeitet, dann versuche ich immer, eine Art von Improvisation einzubauen. Manchmal ist das willkommen, manchmal nicht, aber am Ende des Tages versuchen wir alle nur, ein wirklich großartiges Produkt abzuliefern. So sollte das Beste oder das Lustigste immer gewinnen.

Ich denke, dass alle bei Square Enix in diesem Bereich wirklich fantastisch zusammengearbeitet haben und ich schätze sie wirklich dafür. Viele der Regisseure und Menschen, die in der Session gearbeitet haben, haben auch improvisiert, und auch wenn es etwas gab, das vielleicht nicht im Drehbuch stand, haben sie gesagt: „Weißt du was? Ich hatte gerade diese Idee, versuch es mal so, sag diese Zeile, die nicht im Drehbuch stand.“, also haben wir alle irgendwie improvisiert und zusammengearbeitet.

Und ich glaube, je mehr Sessions ich gemacht habe, desto mehr haben sie angefangen, diesen Charakter zu sehen, den ich vorbereitet und erschaffen habe. Sie haben angefangen, von ihm zu lernen, sodass sie anfangen konnten, Dinge zu erahnen, die mir Spaß bereiten könnten. Genau das hat dann wirklich Spaß gemacht.

Ist die schauspielerische Herausforderung, eine animierte Figur zu sprechen, größer als die Herausforderung, eine echte Figur vor der Kamera zu verkörpern?

Giacomo Gianniotti: Ich glaube, vor der Kamera muss man einfach viel mehr bedenken, wissen Sie. Als Synchronsprecher ist es nur Ihre Stimme. Aber vor der Kamera muss man sich um seinen Körper kümmern. Zu beachten, was Ihr Körper macht, was Ihre Hände machen, wie groß Ihr Mund und Ihre Augenbrauen sind – und dass sich alles bewegt.

Es eliminiert also eine Menge der anderen Zwänge, die mit der Filmschauspielerei einhergehen. Ich weiß also nicht, ob es einfacher ist, aber man muss sich weniger Gedanken machen. Du konzentrierst dich nur auf deine Stimme und das ist alles, also ist es in gewisser Weise schön. Es ist eine sehr fokussierte Kunst.

Immer mehr bekannte Schauspieler haben Auftritte in Videospielen – denken Sie nur an Ihren „Grey's Anatomy“-Kollegen Jesse Williams für „Detroit: Become Human“, oder Norman Reedus in „Death Stranding“. Wie schätzen Sie den Wert des Mediums Videospiel als Bühne für professionelle Schauspieler ein?

Giacomo Gianniotti: Ich sage das bereits seit einer Weile – als jemand, der ständig Material liest, das aus Hollywood kommt, sei es Fernsehen oder Film – die Qualität des Schreibens in Videospielen erreicht absolut unglaubliche Höhen. So gut, dass es meiner Meinung nach mit vielem mithalten kann und sogar übertrifft, was im Fernsehen und im Film passiert.

Für mich sind es die Stories, die den Künstler anziehen, die Schauspieler an anziehen. Wenn also diese Videospiele herauskommen, die diese unglaublichen Geschichten mit einem unglaublichen Drehbuch erzählen, ist es für mich keine Überraschung, dass all diese Schauspieler nun diese Plattformen entern, um solche Spiele zu machen.

Spielen Sie selbst Videospiele – und wenn ja, welche Genres mögen Sie am liebsten? Auf welchen Systemen spielen Sie am liebsten?

Giacomo Gianniotti: Ja sicher. Als ich ungefähr acht oder neun Jahre alt war, habe ich mit meinem älteren Cousin Super Nintendo gespielt. All die Mario-Spiele, Super Mario, das war meine Einführung in Videospiele. Dann wurde ich erwachsen und fing an, mich mehr mit Rollenspielen, Ego-Shootern und Abenteuerspielen zu beschäftigen.

Jetzt spiele ich eine Menge verschiedener Sachen, je nach Stimmung, in der ich bin. Manchmal will man Angst haben, manchmal will man Spannung erleben und manchmal will man etwas, das einfach nur leicht und entspannend ist: Wie Mario oder eine Art Plattformspiel, bei dem man nicht zu viel nachdenken muss, das mehr Spaß macht und eingängiger ist. Also ja, je nachdem, in welcher Stimmung ich gerade bin. Aber ich liebe Videospiele, habe eine große Hochachtung vor ihnen.

Wer ist Ihr persönlicher Lieblingscharakter in „Marvel's Avengers“ und warum?

Giacomo Gianniotti: Es wäre fahrlässig, an dieser Stelle nicht Hawkeye zu sagen, nachdem ich die Hälfte dieses Jahres damit verbracht habe, ihn zu spielen. Ich habe so viel über ihn gelernt. Ich schätze, meine Liebe zu Hawkeye rührt einfach daher, wie viel ich jetzt über ihn weiß aufgrund all der Nachforschungen, die ich angestellt habe. Hinzu kommt, wie ich vorhin erwähnte: Er ist ein Sterblicher, eben kein Superheld.

Er hält mit all diesen Typen mit, die fliegen und Laserstrahlen aus ihren Händen schießen und unglaubliche Dinge tun können – und ist buchstäblich bloß ein menschliches Wesen, das wirklich gut mit einem Bogen schießen kann. Es ist beeindruckend – ich finde, es hat etwas wirklich Cooles und Knallhartes an sich, wenn er kämpft. Er hat so viel mehr zu verlieren. Also, ja, ich denke, er ist definitiv mein Lieblings-Avenger. Er ist so etwas wie ein Außenseiter – und ich liebe es, den Außenseiter anzufeuern. Also versteht es sich, dass Hawkeye mein Favorit ist.