Ähnlich wie die damalige Protagonistin selbst, kam das Episoden-Adventure Life is Strange seinerzeit zunächst eher unscheinbar daher und setzte sich still und unauffällig an seinen Platz zwischen all den anderen bekannten, beliebten und lauten Titeln in den digitalen Gaming-Stores. Wer sich allerdings die Zeit nahm, Max Caulfield und die Stadt Arcadia Bay etwas näher kennenzulernen, der wurde mit einem der emotional nachhaltigsten Spielerlebnisse der letzten Jahre belohnt. Während uns Max im Laufe der fünf Episoden wie ein echter Kumpel ans Herz wuchs, waren wir heimlich ein ganz klein bisschen in ihren rebellischen Sidekick Chloe Price verliebt. Wie gut also, dass wir im Prequel Before the Storm eben jene nun etwas näher kennenlernen dürfen.

Während die Macher des ursprünglichen Titels an einem offiziellen zweiten Teil werkeln, wurde die Vorgeschichte den behutsamen Entwicklerhänden von Deck Nine Games anvertraut. Eine äußert gute Wahl. Immerhin ist es den Herrschaften bereits mit der ersten Episode des auf drei Folgen ausgelegten Before the Storm gelungen, uns abermals vollständig in diese ganz spezielle verträumte Atmosphäre einzuhüllen, die wie eine schillernde Seifenblase durch die bittere Realität des Erwachsenwerdens schwebt und jederzeit zu zerplatzen droht. Das übergeordnete Thema von Life is Strange.

Das Ende der Kindheit

Chloes Seifenblase ist indes schon längst geplatzt. Das Spiel setzt zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters an und präsentiert uns eine junge Frau, der nichts mehr geblieben ist, als die dicke Hülle ihres Schutzpanzers, hinter den sie sich verkrochen hat. Ihre beste Freundin Max ist verzogen, der neue Mann im Haus unerwünscht und sowieso hat sich die ganze Welt gegen sie verschworen. Ihr werdet dabei rasch merken, dass Chloes Coolness einen herben Kontrast zu Max' seinerzeit bedachten und umgänglichen Art darstellt und sie sich dementsprechend anders spielt. Doch letzten Endes ist jeder bittere zynische Kommentar, jedes Aufbegehren nur ein automatischer Reflex, um die immer noch blutenden Wunden zu schützen.

Wer sich zumindest noch ein wenig an die eigene Pubertät erinnern kann, wird noch wissen, wie unglaublich wichtig Freunde sind, die in dieser emotionalen Achterbahn neben einem sitzen und mit denen man schreien, lachen und ja … Händchenhalten kann. Eine eben solche findet Chloe in der aufgeweckten Rachel, die sie bei einem nächtlichen Konzert in einem alten Sägewerk kennenlernt. Wer mit dem Original vertraut ist, kennt die im Gegensatz zu Chloe äußerst beliebte Schülerin nur aus Erzählungen, und weiß, welch wichtige Rolle sie für Chloes gespielt hat. Entsprechend interessant ist es, deren Geschichte erfahren zu dürfen, die wir euch hiermit wärmstens ans Herz legen!

Before the Storm setzt den Zug wieder fest auf die emotionale Schiene, ohne dabei jedoch ins Kitschige abzugleiten. Die Glaubwürdigkeit wird dabei im Gegensatz zum Original sogar noch gesteigert, da diesmal auf Max' mysteriöse Fähigkeit, die Zeit zurückzudrehen, verzichtet wird. Stattdessen hat man Chloes verbale Schlagfertigkeit in den Vordergrund gestellt, mit der sich so manches Problem doch noch unerwartet lösen lässt, indem ihr einfach nur zuhört und die richtigen Worte findet.

Wobei es mit Attributen wie „richtig“ und „falsch“ in einem 'Life is Strange' natürlich so eine Sache ist. Alles was ihr tut, hat Konsequenzen – mit denen ihr werdet klarkommen müssen. Und nicht alle davon offenbaren sich sofort. Aber so ist das Leben halt … seltsam.