Wenn von einem Mittelalter-Rollenspiel die Rede ist, denken die meisten sicherlich spontan an Drachen und Zauberer, womöglich auch an Orks und Zwerge. Dank „Kingdom Come: Deliverance“ wird man, was das betrifft, in Zukunft jedoch sehr viel genauer differenzieren müssen. Denn die Akkuratesse, mit der die tschechischen Entwickler Warhorse Studios die Spielwelt in Szene gesetzt haben, grenzt fast schon an Geschichtsunterricht. Kann so etwas Spaß machen? Ja verdammt, das kann es! Meistens jedenfalls…

Darum geht’s:

Das erklärte Ziel hinter dem ursprünglich auf Kickstarter gestarteten Projekt bestand darin, ein realistisches Rollenspiel auf die Beine zu stellen, welches das Mittelalter in all seinen Facetten möglichst glaubwürdig nachbildet. Und so ereignete es sich auch tatsächlich, dass im Jahre 1402 ein kleines böhmisches Örtchen namens Skalitz von einem Heer angegriffen wurde, um der örtlichen Silbermine habhaft zu werden. Der Hintergrund ist ein Machtkampf zwischen dem rechtmäßigen aber unfähigen König Wenzel von Böhmen und dessen Halbbruder Sigismund. Letzterer ist der Anführer besagter Truppen und damit gewissermaßen Schuld am Tod der Eltern unseres Protagonisten Heinrich. Denn dieser lebt ein behagliches Leben als Schmiedesohn in Skalitz, welches mit dem Angriff von Sigismunds Truppen ein jähes Ende findet.

In der Folge treibt euch der Durst nach Rache in die Dienste verschiedener Adelsleute, welche euch eine Ausbildung zuteilwerden lassen. Denn in „Kindgom Come: Deliverance“ seid ihr zunächst alles andere als ein strahlender Held, der das Schwert schwingt wie sein Vater zu Lebzeiten den Schmiedehammer. Ganz im Gegenteil, ihr startet als ganz, ganz kleines Licht. Und wenn ihr nicht im gleichen Maße wie Heinrich willens seid, zu lernen, wird sich daran auch nichts ändern.

Das ist gut:

Anstatt mit Punkten um euch zu werfen, werdet ihr nur in den Attributen besser, die ihr auch anwendet. Wer häufig spricht, wird redegewandter, wer viele Schlösser knackt geschickter, wer oft kämpft stärker. Klingt nach genreüblicher Kost, doch die Einstiegshürde ist bei „Kingdom Come: Deliverance“ ungleich höher, da ihr alles von der Pike auf mühsam lernen müsst. Bis ihr euer erstes Schloss geknackt habt, werdet ihr viele teure Dietriche zerbrechen, und erwartet auf keinen Fall, als Sieger aus den anspruchsvollen Schwertkämpfen hervorzugehen. Sogar das Lesen müsst ihr erst lernen, so es euch denn wichtig ist.

Damit durchbricht „Kingdom Come: Deliverance“ gewissermaßen die vierte Wand zum Spieler, dem es ähnlich ergeht wie seiner Figur. Die Mühsal des Werdeganges überträgt sich förmlich über das Pad, was bisher kaum einem anderen Spiel so sehr gelungen ist. Klingt anstrengend, und das ist es auch, aber genau das macht eben die besondere Faszination des Spieles aus, in dem nichts selbstverständlich ist, außer der ungemein dichten Atmosphäre.

Das Setting ist so dermaßen detailverliebt inszeniert, dass man anfangs auf die Schnellreisefunktion gerne verzichtet, nur um in dieser ungewohnt heimatnahen Kulisse spazieren zu gehen. Die Dialoge sind wunderbar glaubwürdig geschrieben, die Figuren in der Spielwelt gehen ihrem Alltag nach und über all die vielen kleinen Geschichten, die ihr in Heinrichs Haut erleben werdet, schwebt der drohende Schatten des Krieges.

Wie ihr im Zuge der unzähligen und abwechslungsreichen Quests ans Ziel kommt, bleibt dabei euch überlassen, wobei Kämpfe einen überraschend kleinen Anteil des Spielgeschehens einnehmen. Natürlich könntet ihr auf eure Redegewandtheit verzichten und die Keule schwingen. Aber spätestens gegen einen oder gar zwei gerüstete Gegner seht ihr zu Beginn kein Land mehr, weshalb eine durchdachte Vorgehensweise stets dem kopflosen Voranstürmen vorzuziehen ist. Ganz wie im wahren Leben.

Ebenso könnt ihr nicht einfach so Leuten mitten auf der Straße die Taschen leer räumen. Wollt ihr euer Einkommen als Dieb aufbessern, müsst ihr euch schon etwas mehr Mühe geben. Und selbst als Wilderer hat man es nicht leicht, steht euch beim Bogenschießen doch keinerlei helfendes Fadenkreuz zur Verfügung. Doch umso größer die Befriedigung, wenn man erst mal merkt, dass man tatsächlich mit jedem Schritt, den man in „Kingdom Come: Deliverance“ tut, Erfahrungen sammelt und immer besser wird. Und das nicht nur aufgrund von irgendwelchen Zahlenspielereien im Hintergrund.

Habt ihr erstmal die lange Einführung hinter euch gebracht, beginnt sich eure Geduld allmählich auszuzahlen und es setzt eine Sogwirkung ein, die euch für viele Stunden eins mit eurem Protagonisten werden lässt. Nicht zuletzt, weil Heinrich regelmäßig essen und schlafen muss, um seine Werte oben zu halten. Vernachlässigt ihr diese Grundbedürfnisse ganz, stirbt eure Figur irgendwann an den Folgen. Eure Kleidung verschleißt zudem sichtbar und muss regelmäßig geflickt werden, auch das beste Schwert will irgendwann geschliffen werden und wer sich nicht wäscht, beginnt penetrant zu stinken. Abhilfe schaffen Wassertröge, Badehäuser und Handwerker, von denen ihr unter anderem auch die nötigen Fähigkeiten zu reparieren erlernen könnt. Doch all das kann schnell teuer werden, von dicken Panzerrüstungen und durchschlagskräftigen Waffen, von denen „Kingdom Come: Deliverance“ eine breite Palette zur Auswahl stellt, ganz zu schweigen.

Wie gesagt, als jemand der es gewohnt ist, auserwählt zu sein, und die Welt zu retten, ist „Kingdom Come: Deliverance“ zunächst eine bittere Pille. Aber wer sich der Herausforderung stellt, wird mit einem der motivierendsten und mutigsten Rollenspiele der letzten Jahre belohnt.

Das ist schlecht:

„Kingdom Come: Deliverance“ wird die Spielergemeinde in vielen Punkten spalten. Einer davon ist das Kampfsystem, welches die Schwertduelle möglichst glaubwürdig nachzuempfinden versucht, was jedoch auf Kosten der Zugänglichkeit geht. Stechen und Schlagen in Richtung Kopf oder den vier Gliedmaßen, Ausweichen und Blocken, Paraden und Combos… all das ist möglich, aber es wird viel Zeit vergehen, bis ihr das System verinnerlicht habt. Zumal euren Gegnern das gleiche Repertoire zur Verfügung steht, nur dass diese eben wissen, was sie tun.

Vor dem Hintergrund der Realitätstreue kann man das anspruchsvolle Kampfsystem mögen oder eben als unnötig kompliziert abtun. Dass auf technischer Seite noch nachgebessert werden muss, steht jedoch außer Frage. Regelmäßig werden Texturen erst spät geladen, NPCs und ganze Gebäude ploppen auf einmal ins Bild, Clippingfehler sind an der Tagesordnung. Zudem gerät die Bildrate auf der alten Playstation 4 vor allem im Schlachtgetümmel häufig ins Stocken, während es auf der Xbox One auch in ruhigen Szenen und selbst in den Zwischensequenzen zu unschönen Rucklern kommt. Ansonsten sind optisch kaum Unterschiede zu erkennen. Auf Pro und One X läuft es zwar flüssiger und detaillierter, auch hier kommt es zu Pop-Ups und unschönen Texturen, die verzögert laden.

Obgleich die deutschen Sprecher ihren Job verdammt gut machen, stoßen des Weiteren die fehlerhafte Lippensynchronität, die in Sachen Lautstärke schwankende Soundabmischung und das Fehlen ganzer Tonspuren negativ auf. Hinzu kommt, dass das gesprochene Wort immer wieder von den Untertiteln abweicht. Dazu gesellt sich eine ganze Reihe Bugs, bis hin zum Absturz des Spieles.

Einen weiteren Streitpunkt stellt das Speichersystem dar. Jenes sichert nämlich nur an vorgegebenen Stellen automatisch, wenn ihr in eurem eigenen Bett schlaft oder euch das volle Programm im Badehaus gebt. Ansonsten bleibt euch nur, zu den anfänglich recht teuren „Rettungsschnäpsen“ zu greifen. Dank dieser könnt ihr zwar überall und jederzeit speichern, müsst aber mit den Nachteilen leben, die der Alkoholkonsum mit sich bringt – oder den Vorteilen, je nachdem.
Dieses System hat ebenso wie das knifflige Schlösserknacken für viel Unmut bei den Spielern gesorgt. Im Hause Warhorse hat man aber ein offenes Ohr für die Kundschaft und Nachbesserung via Patch in Aussicht gestellt. Doch auch wenn in den nächsten Wochen sicherlich ordentlich poliert und gefeilt wird, bleibt „Kingdom Come: Deliverance“ ein Rollenspiel-Erlebnis mit Ecken und Kanten abseits des Mainstreams, das wohl nicht jedem schmecken wird. Und Kruzifix noch eins: Das ist auch ganz verdammt gut so!

„Kingdom Come: Deliverance“ ist ab sofort für Playstation 4, Xbox One und PC erhältlich.

Hart, rau und realistisch – ein Rollenspiel für Erwachsene! „Kingdom Come: Deliverance“ besticht mit einer ungemein dichten Atmosphäre und setzt in puncto Authentizität neue Maßstäbe. Eine ordentliche Prise Lernwillen vorausgesetzt, ziehen Motivation und Spielspaß mit zunehmender Spieldauer und Erfahrung immer wieder an, bis ihr irgendwann vollends der enormen Sogwirkung dieses faszinierenden historischen Abenteuers erlegen seid.