Wenn ein Spiel an seinem Erscheinungstag für knapp 30 Euro und nur als Download erhältlich ist, handelt es sich dabei üblicherweise um ein Indie-Game. Quasi das Gegenstück zu den gigantischen Hochglanzproduktionen namhafter Studios. Die Macher von 'DmC: Devil May Cry' und 'Enslaved: Odyssey to the West' haben mit ihrem aktuellen Titel 'Hellblade: Senua's Sacrifice' jedoch eine neue Sparte begründet und kurzerhand das „AAA-Indiegame“ erfunden. Aber kann ein Titel, den ein Studio ohne die Hilfe eines Publishers stemmt, tatsächlich in einer Liga mit den ganz Großen spielen? Unser Test verrät es euch!

Darum geht's:

In dem Action-Adventure 'Hellblade' durchstreift ihr gemeinsam mit der keltischen Kriegerin Senua eine düstere und beklemmende Welt der nordischen Mythologie. Ein wahrer Höllentrip, wie sich schnell erweist. Doch getrieben von der Motivation, die Seele ihres verstorbenen Geliebten Dillion den Klauen der Herrin der Unterwelt zu entreißen, steigt Senua immer tiefer in das Höllenreich Helheim hinab, so wie es einst Orpheus tat, um seine Eurydike aus dem Hades zu retten. Bevor sich Senua allerdings der Totengöttin Hel stellen kann, wollen zahlreiche Dämonen und  nicht weniger Rätsel überwunden zu werden. Dafür habt ihr zum einen euer Schwert und zum anderen euren Kopf. Und Letzterem kommt in 'Hellblade' die größte Bedeutung zu.

Das ist gut:

Denn neben der äußerst schicken Grafik, die vor allem durch das atmosphärisch gekonnte Spiel von Licht und Schatten brilliert, besticht das Spiel in erster Linie durch die innovative und in dieser Form einmalige Darstellung einer Psychose. Senua leidet unter Wahnvorstellungen, weiß nicht, ob sie ihren Sinnen noch trauen kann und hört unentwegt Stimmen in ihrem Kopf. Als Spiegel ihrer eigenen Empfindungen sind sich diese dabei nur selten einig. Manche flehen Senua ängstlich an umzukehren, andere wollen sie scheitern sehen, während die nächsten mal mehr mal weniger nützliche Tipps zu den Rätseln und Kämpfen geben.

Was hier zunächst lediglich nach einer neckischen Idee klingen mag, kann insbesondere beim Spielen mit Kopfhörern äußerst verstörend sein. Tatsächlich werdet ihr vor Spielbeginn sogar gewarnt. Da dieses besondere Feature jedoch in Zusammenarbeit mit Betroffenen und Ärzten entwickelt wurde, kann man den Machern nicht vorwerfen, ihre Hausaufgaben nicht gemacht zu haben.

Ihr werdet anfangen, auf die Stimmen zu hören. Denn 'Hellblade' bietet euch kein Tutorial, kein HUD, keine Karte. Die Areale und das Kampfsystem sind zwar recht überschaubar, doch mehr als das Tastenlayout im Optionsmenü wird euch als Hilfe nicht angeboten. Essentielle Funktionen, wie beispielsweise eine Zeitlupenfunktion nach einem Niederschlag, wurden uns förmlich eingeflüstert. Dumm nur, dass manche Stimmen lügen. Und so beginnt ihr allmählich an eurem Verstand zu zweifeln, und werdet mit diesem Erlebnis einer wahren Psychose wohl so nahe kommen, wie es als Nichtbetroffener überhaupt nur möglich ist.

Ermöglicht wird dies auch durch die fantastische Vertonung und Senuas verblüffende Glaubwürdigkeit, für deren Darstellung sich die Schauspielerin Melina Juergens die Nominierung für einen Videospiel-Oskar verdient hätte. Wenn es diesen denn gäbe.

Das ist schlecht:

Zwar funktionieren die Kämpfe recht gut und überzeugen durch eine befriedigende Wucht, doch die Tiefe eines 'Dark Souls' sollte man hier nicht erwarten. Zudem rückt die nicht justierbare Kamera zuweilen so nah an das Geschehen heran, dass ihr Feinde in eurem Rücken oft erst zu spät erkennt. Das ist umso ärgerlicher, da das Spiel euch zu Beginn noch vor einer weiteren Besonderheit warnt: Dem drohenden Permadeath!

Von einem solchen ist immer dann die Rede, wenn eure Figur den endgültigen digitalen Tod erleiden kann, ohne dass ein Speicherstand sie retten könnte. Senuas Arm wird nämlich recht früh von einer schwarzen Fäulnis befallen, die von dort aus mit jedem Ableben etwas weiter in ihren Körper kriecht. Ist diese schließlich an ihrem Kopf angekommen, ist der Ofen aus, euer Fortschritt wird gelöscht und ihr müsst wohl oder übel von vorne beginnen.

Wir könnten euch nun natürlich sagen, dass ein halbwegs begabter Spieler ob der überschaubaren Schwierigkeit wohl keine Probleme haben wird, das gut sechs- bis achtstündige Abenteuer zu überstehen, und dass wir trotz diverser Tode dem Permadeath nicht anheimfielen. Doch die Warnung gleich zum Einstieg hat einen erstaunlichen Einfluss auf das Spielempfinden und die Angst wird stets an euch nagen.

Vor allem, weil ein neuer Speicherstand bedeuten würde, all die perspektivischen Umgebungsrätsel abermals absolvieren zu müssen, deren Machart sich so oft wiederholt, dass man irgendwann genervt ist. Die zugrundeliegende Mechanik funktioniert an sich zwar gut, bremst das Spiel jedoch auf Dauer aus und ist der ansonsten so dicht gewobenen Stimmung als einziges Element abträglich.

'Hellblade: Senua's Sacrifice' ist ab sofort für Playstation 4 und PC erhältlich!

'Hellblade' ist ein wahres Atmosphäre-Monster, das euch gleich zu Beginn mit nur einem Happs verschlingt. Die Psychose der Protagonistin wirkt durch ihre verblüffend immersive Darstellung ansteckend und lässt euch damit so nah an eure Spielfigur heranrücken, wie in kaum einem anderen Spiel zuvor. Die treffsichere Vertonung und die stimmungsvoll düstere Grafik tun ihr Übriges. Das simple Kampfsystem ist dagegen „nur“ in Ordnung, die arg repetitive Rätselmechanik jedoch ein echter Dämpfer.