Ein neues 'Final Fantasy' ist mit Blick auf die alljährliche Veröffentlichungspolitik vieler Spielemacher dieser Tage quasi das andere Ende der Fahnenstange. Im Hause Square Enix will man die Marke nicht verbrennen und toppt sogar noch die Entwicklungszyklen eines 'Grand Theft Auto'. Doch das birgt auch gewisse Gefahren. Denn wenn man, wie im aktuellen Falle von 'Final Fantasy 15', satte zehn Jahre auf das fertige Werk warten muss, wachsen die Erwartungen natürlich exorbitant in die Höhe. Doch da ist es nun und muss sich sowohl dem Urteil alteingesessener Fans stellen als auch beweisen, dass eine der traditionellsten Videospielserien überhaupt, noch in der Lage ist, auch neue Generationen überzeugen zu können. Wir verraten euch, ob dem Rollenspiel-Epos dieser Spagat gelungen ist.

Darum geht's:

Ursprünglich als Ableger von 'Final Fantasy 13' geplant, hat sich die Geschichte um den jungen Prinzen Noctis Lucis Caelum zu einem gewaltigen, eigenständigen Universum aufgebläht, welchem die Aufgabe zukommt, in Zeiten zunehmend düsterer westlicher Rollenspiele die Nippon-Fahne hochzuhalten. Von daher ist es nur natürlich, wenn es gerade Serienneulingen, die nicht wie alte Hasen schon lange den Marotten östlicher Erzählkunst anheimgefallen sind, zunächst schwer fällt, sich mit der im Vorfeld oft spöttisch als Boygroup abgestempelten Heldengruppe zu identifizieren. Dabei treibt den jungen Prinzen doch ein überall auf der Welt verständliches Motiv: Rache! Denn kaum hat der Knabe sich mit seinen Kumpels auf den Weg zu seiner politisch motivierten Hochzeit gemacht, fallen die Truppen Niflheims über Noctis Heimat her, machen diese den Erdboden gleich und töten König Regis, Noctis' Vater! Das alles geschieht bereits sehr früh im Spiel, so dass ihr euch ohne große Umschweife in einer gigantischen offenen Welt voller Wunder, Geheimnisse und natürlich Unmengen von Monstern wiederfindet. Das Ziel ist klar, die Straße gehört euch!

Das ist gut:

Und das meinen wir wörtlich. Denn wohin ihr in eurem sogenannten Regalia-Königsgefährt fahrt, ist zunächst einmal eure Sache. Hier greift Final Fantasy 15 gängige Konventionen moderner Rollenspiele auf und lässt euch gleich zu Anfang von der Leine. In der zweiten Spielhälfte greifen dagegen wieder die Zahnräder eines klassischen J-RPGs, nämlich dann, wenn die Geschichte so richtig an Fahrt aufnimmt und achterbahnartig gen Finale peitscht. Bis dahin ist aber mehr als genug Zeit, seinem Forscherdrang freien Lauf zu lassen und sich diese fantastische Welt zu erschließen, welche die Liebe der Macher zum Projekt förmlich blutet. Das Land Eos ist einfach eine Klasse für sich, sowohl in optischer als auch in atmosphärischer Hinsicht und besticht daneben durch seine schiere Lebendigkeit in Sachen Einwohner, Flora und Fauna. Letztere besteht natürlich nicht bloß aus den beliebten Chocobos und harmlosen Riesen-Dinos, sondern vor allem aus Monstern. Und was das Gegnerdesign betrifft, macht auch diesmal niemand einem Final Fantasy etwas vor. Freut euch auf massig Abwechslung, turmhohe Feinde und ein flottes Echtzeit-Kampfsystem mit spektakulärer Inszenierung. Per Knopfdruck lasst ihr Kombos vom Stapel, weicht Attacken aus oder pariert diese gleich, überrascht den Feind per Warp-Angriff und entfacht gemeinsam mit euren autonom agierenden Kumpels mächtige Team-Manöver. Das alles in einem einzigen berauschenden Flow. Ist ein Gegner dennoch mal zu schwer, pausiert ihr und plant eure nächste Attacke oder tobt euch in der Open World noch ein wenig aus. Denn durch dabei gesammelte Erfahrungspunkte, die ihr in zehn Fertigkeitsbäumen investiert, werdet ihr genretypisch immer stärker, während die Gegner auf ihrem Level bleiben. Und bei der Gelegenheit könntet ihr doch gleich beim nächsten Händler neue Ausrüstung kaufen, schnell noch einen neuen Zaubertrank mischen oder in einem der vielen Dungeons nach einer der 13 zu findenden Königswaffen suchen, an einem Chocoborennen teilnehmen, ganz einfach der grandiosen Musik lauschen, eine Bestia bezwingen oder auch … ach, ihr seht schon, es gibt so verdammt viel zu tun!

Das ist schlecht:

Da bleibt es natürlich auch nicht aus, dass so mache Nebenmission eher mager ausfällt, und aus simplen Botengängen besteht. Dass so etwa deutlich besser geht, hat unlängst 'The Witcher III' bewiesen und sollte mittlerweile nun wirklich der Vergangenheit angehören. Zudem sind die Kämpfe – von einigen wuchtigen Bossfights abgesehen – nicht wirklich fordernd und mitunter auch mit plumpem Button-Mashing zu entscheiden. Alte Hasen werden ohnehin die taktische Komponente vermissen und sich im latenten Chaos des wuseligen Echtzeit-Gefechts etwas verloren fühlen. Aber auch wenn wir uns sicher sind, dass sich speziell an der zum Ende hin unleugbar gehetzten Erzählweise und der im Vergleich zu anderen Serienteilen zu kurzen und dünnen Geschichte die Gemüter scheiden werden: Dieses Spiel ist ein vollwertiges Final Fantasy! Beileibe nicht perfekt, aber so ist das nun einmal, wenn man neue Wege geht.

Final Fantasy 15 ist ab sofort für Playstation 4 und Xbox One erhältlich.

Square-Enix liefert ein lebendiges Rollenspiel ab, welches klassische Tugenden gelungen in die Neuzeit transportiert. Eine ebenso umfangreiche wie wunderschöne offene Welt zum Erforschen, dynamische Echtzeitgefechte gegen nahezu konkurrenzlos fantasievolle Gegner und Weggefährten, die einem im Lauf der Geschichte immer mehr ans Herz wachsen. Rollenspielerherz, was willst du mehr? Natürlich schwächelt es an einigen Stellen, aber dennoch: Final Fantasy 15 ist Bombast pur!