Nein, Ubisoft ist nicht unbedingt für innovative Spielkonzepte bekannt. Vor allem die hauseigenen großen Marken werden ungern dem Risiko einer radikalen Veränderung ausgesetzt. Doch eines muss man den Franzosen lassen: Sie sind gut darin, unverbrauchte Schauplätze zum Leben zu erwecken. Und „unverbraucht“ darf man im Falle vom Ego-Shooter 'Far Cry Primal' durchaus ernst nehmen, das nun für Xbox One, Playstation 4 und PC erschienen ist. Denn hier hat der Mensch die Natur noch nicht zu seinem Sklaven gemacht.

Darum geht's:

Na ja gut, irgendwie schon. Denn in der Rolle des Kriegers und Jägers Takkar vom Stamm der Wenja seid ihr in der Lage Tiere gefügig zu machen. Eine der (wenigen) Neuerungen im Far-Cry-Universum, welches uns diesmal in die Steinzeit schickt. 10.000 Jahre vor Christus bevölkerten Mammuts die Erde, Säbelzahntiger streiften durch die raue Wildnis und die Menschen der damaligen Zeit hatten alle Hände voll damit zu tun, am Leben zu bleiben. Dementsprechend erleben wir Takkar und seine Stammesbrüder gleich zu Beginn bei der Jagd, die sich allerdings bald ins Gegenteil kehrt. Der junge Krieger überlebt, wird jedoch von seinen Gefährten getrennt und findet sich als gestrandeter im Land Oros wieder. Nachdem er erfahren hat, dass sein Stamm mittlerweile in alle Winde zerstreut ist, macht er sich auf, die Wenja wieder zu vereinen. Das passt anderen Clans in der riesigen Open World allerdings so gar nicht, weshalb ihr euch alsbald nicht nur gegen die Tücken der Natur (wir sagen nur Dachse!) zur Wehr setzen müsst. In Ermangelung technischen Fortschrittes natürlich mit Stöcken und Steinen.

Das ist gut:

Eines gleich vorweg: Auch wenn es zunächst danach klingen mag, entfernt sich Primal spielerisch nicht sonderlich weit von seinen Vorgängern. Das muss angesichts der Qualität der Vorgänger nicht unbedingt etwas Schlechtes sein, aber dazu später mehr.
Logischerweise wirkt sich das neue Setting in erster Linie auf die Waffenwahl aus. Mit Keule und Speer kämpft es sich nun einmal anders, weshalb Primal eine angenehm frische Nahkampfnote erhält. Und auch wenn das Zähmen der Tiere etwas plump und einfach ausfällt, ist es ein ungleich cooleres Gefühl, auf dem Rücken eines Säbelzahntigers durch die Steppe zu reiten oder Seite an Seite mit einem Bär zu kämpfen, wenn die Gegner einen nicht mit einem Raketenwerfer den Wind aus den Segeln nehmen können. Des Weiteren fügen sich das Sammeln von Rohstoffen sowie das Crafting nun organischer in die Spielwelt ein als zuvor. Da eure Waffen nicht ewig halten, ergibt das Sammeln zudem auch noch dann Sinn, wenn man bereits jeden Munitionsbeutel am Leib trägt, den das Crafting-Menü hergibt.
Auch wenn Videospiele zwangsläufig nie wirklich authentisch sind, ist die Umsetzung der steinzeitlichen Welt von Oros die größte Stärke des Spiels. Da stört es auch nicht, wenn man Untertitel lesen muss, da die primitiven Menschen eine fiktive Sprache sprechen und sich zum Teil benehmen wie die Steinaxt im Walde. Nein, angesichts einer derartigen Grafikpracht, einer derartigen Fülle an Details, wunderbarer Lichteffekte und unvergesslicher Panoramen vergisst man vieles und verliert sich im Rausch des Far-Cry-typischen Sammeln und Jagens.

Das ist schlecht:

Wenn man denn nicht schon genug davon hat. Denn im Kern ist alles beim Alten geblieben. Ja gut, wir dürfen ein Dorf aufbauen, doch das ist durch das bloße Sammeln von Ressourcen reichlich unspektakulär ausgefallen. Okay, wir haben eine Eule mit der wir aus der Luft Gegner markieren können, aber irgendein Ersatz für das Fernglas mussten die Macher ja finden. Im Kern nehmen wir abermals repetitive Haupt- und Nebenaufträge entgegen, um unsere störrischen Clanmitglieder zum Mitkommen zu überreden, erobern Außenposten, wo die Wachen nun mit Hörnern Verstärkung rufen, und aktivieren Leuchtfeuer, die den gleichen Zweck erfüllen wie alle Türme in Ubisofts Open-World-Riege. Daneben sammeln wir Unmengen an Zeugs ein und Leveln fleißig, um den Skilltree zum Blühen zu bringen.
Wem das reicht, der wird in dem zweifellos grandios in Szene gesetzten Oros viel Spaß haben. Wer sich am bewährten Far-Cry-Menü dagegen bereits sattgegessen hat, der sollte sich vor dem Kauf ernsthaft fragen, ob er eine weitere (große) Portion möchte, bloß weil diese auf einem anderen Teller serviert wird.

Primitiv und doch so schön wie nie! Far Cry Primal schickt euch in die Steinzeit und inszeniert dazu eine wilde Welt, die einen mit ihrer rauen Schönheit immer wieder zum Staunen bringt. Leider wirkt sich der eigentlich mutige Wechsel des Settings kaum auf das spielerische Grundkonzept aus. Verschenktes Potential … aber wie gesagt: Es sieht echt geil aus!