Ein Testbericht über ein Bethesda-Rollenspiel zu schreiben, stellt immer eine besondere Herausforderung dar. Denn zum einen sind die spielerischen Möglichkeiten eines solchen Content-Monsters üblicherweise derart umfangreich, dass man gerne mal vergisst, wichtige Spielelemente zu erwähnen, und zum anderen ist so ein Tester ja auch nur ein Zocker und möchte – jetzt wo das Spiel endlich da ist – viel lieber spielen, als zu tippen. Gott, wie schön wäre jetzt Urlaub …

Darum geht's:

Wir schreiben das Jahr 2077. Zu Beginn findet ihr euch in eurem schnuckeligen Heim der Fallout-typischen Fünzigerjahrevariante einer heilen Welt wieder. Euer kleiner Sohn Shaun schläft in seinem Babybettchen, während ihr im Bad vor dem Spiegel steht, wo ihr zunächst anhand eines mächtigen Editors euren Charakter zusammenschraubt. Bereits hier könntet ihr Stunden investieren, aber irgendwann will man ja auch mal anfangen. Kurz darauf klingelt es also an der Tür und ein Vertreter sichert euch einen Platz im Atomschutzbunker „Vault 111“ zu. Gutes Timing, denn kurz darauf fallen die Bomben. Ihr hetzt also mit der Familie im Schlepptau zur Vault und lasst euch ein wenig widerwillig in den Kälteschlaf versetzen, nur um gut 200 Jahre später aufzuwachen und hilflos mit ansehen zu müssen, wie ein glatzköpfiger Kerl euer Kind aus der Kälteschlafkammer gegenüber entführt und dann auch noch eure Frau erschießt. Eingreifen könnt ihr wie gesagt nicht, doch immerhin gelingt es euch, der Kälteschlafkammer und auch der Vault zu entfliehen.
Tja, und was dann geschieht, ist eure Sache.

Das ist gut:

Also wenn ein Attribut die Bethesda-Rollenspiele treffend beschreibt, dann wohl „spielerische Freiheit“. Ohne ausufernde Erklärungen entlassen euch die Macher in die heruntergekommene Welt des Commonwealth, die postapokalyptische Version von Boston plus Umland im Jahre 2287. Das Ballern im Ego-Shooter Stil und die Anwendung des V.A.T.S.-Systems, welches die Zeit extrem verlangsamt, um gezielt die Körperteile eurer Gegner anvisieren zu können, habt ihr schon erlernt, eine erste Waffe bereits in der Hand, als der Fahrstuhl euch an die Oberfläche bringt, und Fallout 4 den riesigen Teppich einer untergegangenen Zivilisation vor euch ausrollt.
Doch ihr seid mitnichten der einzige Überlebende. Das Commonwealth ist voll von Siedlern, Plünderern, mutierten Monstrositäten, Robotern und auch ein treuer Schäferhund gesellt sich als einer von vielen möglichen Begleitern alsbald an eure Seite.
Sinnigerweise begebt ihr euch erst einmal zu den Resten eures einstigen Heimes, wo euer alter Haushaltsroboter euch bereits erwartet. Ein weiterer dieser übrigens unsterblichen Begleiter, die euch das Überleben im Ödland erleichtern. Solange ihr nicht gegen deren moralische Vorstellungen handelt, was im schlimmsten Falle dazu führt, dass euer Begleiter euch verlässt.

Recht früh erhaltet ihr zudem eure erste Powerrüstung, einen Panzer zum Anziehen, die zwar mächtig ist, aber eben nicht unzerstörbar. Achtet also darauf, die einzelnen Bestandteile an entsprechenden Stationen rechtzeitig zu reparieren, ansonsten ist Schluss, und ihr müsst das Teil irgendwo stehen lassen. Im Laufe des Spieles dürft ihr die Rüstung aber immer weiter modifizieren und damit effektiver machen. Gleiches gilt für die Vielzahl an Waffen und Rüstungen, die ihr finden, erbeuten, kaufen oder eben selber bauen könnt. Und natürlich erntet auch ihr für alles, was ihr tut, Erfahrungspunkte, die ihr auf dem wohl coolsten Skilltree aller Zeiten in zig Fähigkeiten investiert. Wollt ihr lieber schleichend euren Feinden in den Rücken fallen? Bitte sehr! Probleme mit Charisma und Worten lösen oder euch als Hacker verdingen, um Wachroboter für euch arbeiten zu lassen? Kein Problem. Seid ihr vielleicht eher so der keulenschwingende Barbar? Auch das ist möglich, ebenso wie ein Hybrid aus allem. Und haben wir schon erwähnt, dass ihr an Werkbänken in ein Crafting-Menü wechseln könnt, anhand dessen ihr ganze Siedlungen aus dem Boden stampft? Dieses Tool ist zwar eine Wissenschaft für sich, da ihr dafür aber eine Menge Material benötigt, wird der übliche Schrott im Spiel plötzlich zu einer wichtigen Ressource, jedes kleine begehbare Haus zu einer potentiellen Schatzkammer.

Natürlich stoßt ihr beim Herumstöbern und -stromern auch immer wieder auf zig Nebenaufgaben, die euch ebenfalls von der Hauptgeschichte ablenken. Dazu gesellen sich die Questreihen von vier Fraktionen, auf die ihr im Laufe des Spieles trefft, und die euch zu einem von vier möglichen Enden führen.
Puh, irgendetwas vergessen? Ja sicherlich, denn ihr könnt auch noch an Kochstationen euer eigenes Essen zubereiten, müsst auf Verstrahlung achten, habt in den gut vertonten Dialogen mehrere Auswahlmöglichkeiten und, und, und. Wir könnten ewig so weitermachen.
Aber um zu einem Ende zu kommen halten wir ganz einfach fest: Fallout 4 ist ein gigantisches schwarzes Loch, welches euch mit seinen unzähligen Möglichkeiten gnadenlos aufsaugt und wohl erst nach Wochen wieder freigeben wird.

Das ist schlecht:

Angesichts der inhaltlichen Stärken des Spieles sind wir zwar in der Lage, über die mäßige Optik mit ihren vereinzelten Bugs hinwegzusehen, totschweigen kann man diese Mankos aber nicht. Zudem ist das, was euch geboten wird, nicht wirklich neu, und hebt sich im Wesentlichen durch das neue Crafting-System vom Vorgänger ab.
Außerdem müsst ihr bereit sein, euch in das Spiel einzuarbeiten. Manches erklärt sich von selbst, manches wird euch beigebracht, vieles müsst ihr aber selber herausfinden. So auch, wie das oftmals störrische sogenannte „Housing“ funktioniert, womit der Siedlungs-Baukasten gemeint ist. Glücklicherweise kann man dieses Spielelement aber komplett ignorieren. Und wer es blöd findet, in einer vermeintlich übermächtigen Dose durch die Gegend zu stapfen, kann auch die Powerrüstung getrost stehen lassen und trotzdem zum Ziel kommen. Jeder eben auf seine Weise. Ein treffendes Motto für Fallout 4.

Nehmt euch Urlaub, denn Fallout 4 ist der erhoffte Actionrollenspielkracher geworden. Die Fülle an spielerischen Möglichkeiten ist gewaltig, jedes Spielerlebnis ein anderes. Gut vertonte Dialoge und denkwürdige Charaktere tragen dabei zu einer glaubhaften postapokalyptischen Welt bei, deren schierer Umfang uns über Macken in der Technik hinwegblicken lässt.