Das arg ausgeschlachtete Genre der Onlineshooter befindet sich im Umbruch. Denn ähnlich wie Titanfall, wurde auch das neue Baby der Turtle Rock Studios bereits im Vorfeld äußerst aggressiv als eine Evolution in diesem Spielesektor beworben. Nun ist Evolve endlich im Handel erhältlich, und da lassen wir es uns natürlich nicht nehmen, der Kiste mal unter die Haube zu schauen.

Darum geht's

„Meine Mama sagte mir immer, es gibt keine Monster – keine echten jedenfalls. Aber es gibt sie.“ Recht hatte sie, die kleine Newt aus 'Aliens - Die Rückkehr'. Dieses Zitat hätte aber auch prima aus Evolve stammen können, da es den Kolonisten des Planeten Shear ähnlich ergeht wie denen auf LV-426. Um es kurz zu machen, und damit durchaus der mageren Hintergrundgeschichte von Evolve angemessen: Monster greifen an, die Siedler wollen verständlicherweise weg, ein Jägerteam wird zur Unterstützung geschickt.
Dieses besteht zurzeit noch aus zwölf Charakteren, die sich in vier Klassen aufteilen, wobei jede Figur auch innerhalb der Klassen ihre ganz spezielle Bewaffnung mitbringt. Im Spiel besteht das Team dann stets aus einer vierköpfigen Jäger-Gruppe, bestehend aus jeweils einem Vertreter jeder Klasse, welche gegen ein einziges, dafür aber umso imposanteres Monster antritt, das ebenfalls von einem menschlichen Spieler gesteuert wird. Wählt ihr die Rolle des Räubers, fangt ihr verhältnismäßig klein an und seid zunächst auf eure Schleichfertigkeiten angewiesen. Doch habt ihr erst einmal genug Vertreter der einheimischen Fauna gefressen und euch dabei natürlich nicht erwischen lassen, entwickelt ihr euch weiter, werdet größer, seid besser gepanzert und vor allem stärker. Im Prinzip war es das auch schon, was Evolve so besonders macht. Doch was auf dem Papier so einfach klingen mag, ist am Ende dann doch recht komplex.

Das ist gut

Das fängt schon damit an, dass ihr als Jägerteam aufgrund der cleveren Verzahnung der Klassen ohne Teamplay und gezielte Absprachen kein Land seht. Der Assault kann die fetten Wummen und sein Schild nicht zum Einsatz bringen, wenn der Trapper das Vieh nicht aufspürt und mit seinen Fallen festnagelt. Ist es dann so weit, steht man ohne heilenden Medic schnell dumm da und wer nicht im rechten Moment den Unsichtbarkeitsschild des Supporters nutzt, wird schnell selber zur Beute.
Als Monster hat man solche Sorgen freilich nicht. Hier seid ihr alleine in der Third-Person-Sicht unterwegs und müsst euch bloß auf euch selbst konzentrieren. Das ist auch bitter nötig, denn steht ihr am Anfang eurer dreistufigen Evolution, seid ihr für ein gut eingespieltes Team keine Herausforderung. Achtet also darauf, möglichst wenig verräterische Spuren zu hinterlassen, scheucht keine Vögel auf und wechselt so oft wie möglich die Position.
Zur Wahl stehen derzeit drei freischaltbare Monstertypen (ein Viertes ist fürs Erste Vorbestellern vorbehalten): der offensive Goliath, der fliegende Kraken und der auf Heimlichkeit fokussierte Wraith. Jede dieser Ausgeburten der Hölle bringt vier dreistufige Spezialattacken mit, die ihr vor Spielbeginn mit drei Skillpunkten frei belegen dürft. Darf es gleich der aufgepowerte Feueratem des Goliath sein und dafür nichts anderes? Oder lieber doch drei, aber dafür leichte Manöver? Mit jeder Evolutionsstufe erhaltet ihr weitere Punkte zum Verteilen, sodass ihr im Laufe der Matches zu einem wahren Killer herangereift.
Ebenso abwechslungsreich, wie sich das Spiel schon aufgrund der unterschiedlichen Rollenverteilung gestaltet, kommen auch die vier Spielmodi daher. In 'Jagd' müsst ihr als aufgepowertes Monster eine Einrichtung zerstören. 'Nest' verlangt vom Jägerteam in zehn Minuten alle Eier der Monsterbrut zu vernichten, während ihr in 'Rettung' fünf verletzten Kolonialisten zur Flucht verhelfen müsst, was es als Monster natürlich zu verhindern gilt, indem ihr besagte Zivilisten fresst. In 'Verteidigung' haben die Jäger die Aufgabe, ein Raumschiff vor der Zerstörungswut des Monsters zu schützen, und die Pseudokampagne 'Evakuierung' gestaltet sich letztlich als eine zufällige Aneinanderreihung benannter vier Modi.
Technisch macht Evolve insbesondere auf Seiten des tollen Sounds eine äußerst gute Figur ...

Das ist schlecht

... während die dann doch etwas einseitige und vor allem äußerst düstere Farbpalette der insgesamt 16 Maps die durchaus vorhandenen grafischen Qualitäten zu einer Art Einheitsbrei verkommen lässt. Das macht es zunächst schwer, sich auf den vielen Karten zu orientieren, da sie trotz des Abwechslungsreichtums im Aufbau auf den ersten Blick gar nicht so leicht auseinanderzuhalten sind. Doch es ist bezeichnend für Evolve in seiner Gänze, dass alles in diesem Spiel letztlich eine Frage der Übung ist. Die Einstiegshürde ist hoch angesetzt, sodass man als Anfänger auf beiden Seiten viele Frustmomente erleben und sich in seiner Rolle unterlegen fühlen wird. Da uns zum Zeitpunkt des Testes noch keine trainierte Community zur Verfügung stand, wird sich erst noch zeigen müssen, ob das Matchmaking gut funktioniert, und nur Spieler mit ähnlichem Erfahrungsstufen die Maps miteinander teilen, oder ob man als Novizenmonster von einer trainierten Jägergruppe gnadenlos erlegt wird. Dass Evolve Solospielern nicht zu empfehlen ist, kann man dem Titel nicht vorwerfen, dass frische Karten zwar umsonst nachgeliefert werden, neue Jäger und Monster aber nur für weiteres Geld zu haben sind, wird dagegen nicht jedem schmecken, der das Spiel bereits als Vollpreistitel erworben hat. Doch immerhin können auf diese Art und Weise auch DLC-Verweigerer mit jenen zocken, die kein Problem damit haben, dass sich die Turtle Rock Studios einen Teil der frischen Inhalte versilbern lässt. Wir finden's schade, denn gerade mal drei Monster empfinden wir dann doch als recht wenig.

Alle gegen einen, einer gegen alle. Äußerst spannender und vor allem frischer 4-gegen-1-Ansatz, der dem Onlineshooter-Genre gekonnt frischen Wind einhaucht. Das clever verzahnte Gameplay erschließt sich allerdings erst mit zunehmender Erfahrung, sodass Anfänger sich auf viele bittere Lehrstunden einstellen müssen. Ein monstermäßiger Multiplayer-Spaß!