Wenn man in Sachen Videospiele von einer deutschen Kultschmiede sprechen kann, dann ist es zweifelsohne Piranha Bytes. Nein, die bisherigen Werke waren weiß Gott nicht perfekt! Und doch konnten sowohl „Gothic“ als auch „Risen“ eine treue Fangemeinde um sich zu scharen, die zugunsten einer enormen Entscheidungsfreiheit gerne bereit ist, auf AAA-Bequemlichkeiten zu verzichten. Für alle, die sich dazuzählen, haben wir nun eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Schlechte zuerst: Bei „Elex“ handelt es sich nicht um eine Fortsetzung einer der beiden genannten Titel, sondern um eine komplett neue Welt. Und nun die Gute: Es ist die beste, welche die Mannen von Piranha Bytes jemals erschaffen haben!

Darum geht’s:

Das Studio bleibt seinen Tugenden treu und serviert euch auch mit „Elex“ ein gigantisches Rollenspiel-Büffet mit Selbstbedienung. Die dabei zu erkundende Open-World befindet sich auf dem Planeten Magalan, dessen Zivilisation vor gut 160 Jahren beinahe einem Kometeneinschlag zum Opfer fiel. Doch ausgerechnet das zuvor unbekannte Material, aus dem das Himmelsgeschoss besteht – das namensgebende Elex – half der Menschheit, wieder auf die Beine zu kommen.

Mit dem Zeug lässt sich nämlich nicht nur allerlei technisches Gerät befeuern, auch Magie lässt sich dank Elex wirken. Entsprechend unterschiedlich der Umgang, den die verbliebenen Menschen mit dem Zeug pflegen. Und so erhoben sich drei Fraktionen aus der Asche der Zivilisation: Die Berserker, welche auf Magie setzten, die Outlaws mit ihrem Hang zu Stimpacks und Sprengstoff sowie die Kleriker, die auf Psychotricks und Hightech setzen. Und dann wären da noch die Albs. Jene Menschen, die sich Elex pur reinpfeifen und dabei ihre Emotionen auf dem Altar gesteigerter Leistungsfähigkeit geopfert haben.

Als ein eben solcher startet ihr, werdet in der Rolle des raubeinigen Protagonisten Jax jedoch gleich zu Beginn von euren eigenen Leuten aufs Übelste verraten. Kurz darauf steht ihr zwar ohne Ausrüstung und Elex dar, dafür wartet aber fortan nicht nur eine riesige Welt voller Abenteuer und Geheimnisse darauf, von euch entdeckt zu werden, sondern auch die eigenen Gefühle, die für Jax auf Elex-Entzug ebenso völliges Neuland sind. Und der Durst nach Rache ist, wie er bald erfahren muss, ein Benzin mit extrem hoher Oktanzahl.

Das ist gut:

Nachdem euch das Spiel in den ersten Stunden an die Hand genommen hat, um euch die Grundlagen zu vermitteln, steht es euch frei, zu tun worauf ihr Lust habt. Ihr könntet euch gleich zu Beginn den Berserkern anschließen, oder euch auf Schusters Rappen machen, um bei den anderen Kandidaten vorstellig zu werden. Wichtig dabei ist, dass jede getroffene Entscheidung Auswirkungen auf euer Ansehen hat. Überlegt also im Vorfeld gut, welchen Auftrag ihr annehmt.

Derer gibt es viele. Sehr viele! An allen Ecken und Enden der enorm abwechslungsreichen Welt möchte irgendjemand, das ihr ihm oder ihr einen Gefallen tut. Welche Aufträge ihr erhaltet, und wie ihr diese angehen könnt, hängt im Spielverlauf stark davon ab, für welche der Fraktionen ihr euch entschieden habt. Ausrüstung, Fähigkeiten und auch die Questgeber unterscheiden sich nämlich teils deutlichst voneinander. Und im Gegensatz zu einem „Skyrim“ kann man in einem Durchgang nicht alles erledigen und zum strahlenden Alleskönner werden. Denn habt ihr euch einmal für eine Fraktion entschieden, dürft ihr nicht mehr wechseln.

Doch keine Sorge. Egal ob als Kleriker oder Outlaw, zu tun gibt es mehr als genug. Plant für „Elex“ schon mal Urlaub ein, denn neugierige Naturen werden um die 100 Stunden beschäftigt sein. Und selbst wer es eilig hat, sollte noch mindestens um die 50 Stunden für seinen Rachefeldzug einplanen.

Aber warum hetzen, wenn es doch so schön ist? Magalan ist ein aufregendes Plätzchen, welches förmlich danach schreit, erkundet zu werden. Es macht richtig Laune, immer wieder Neues zu entdecken und einer postapokalyptischen Welt, die vor interessanten Geschichten, derben Charakteren und wunderschönen Panoramen nur so strotzt, ihre Geheimnisse abzutrotzen.

Der auf den ersten Blick seltsam erscheinen Genre-Mix aus Fantasy und Science-Fiction gedeiht in dieser Kulisse überraschend gut, so dass aus einem anfänglich noch zarten Pflänzchen der Neugier bald ein dichter Dschungel geworden ist, aus dem ihr so schnell nicht entkommen werdet.

Das ist schlecht:

Zwar kann man durchaus behaupten, dass Piranha Bytes in Sachen Spielwelt ihr bisheriges Meisterstück abliefern, aber eine dichte Atmosphäre aufbauen konnten die Herrschaften ja schon immer. Ebenso wie es ihnen jedes Mal aufs Neue gelingt, das Kampfsystem zu versemmeln.

Zwar wird euch von Kettensägenschwert über Granatwerfer bis hin zu Offensivmagie ein bunter Strauß Waffen vorgesetzt, doch die Kämpfe sind bestenfalls steif zu nennen und weit ab von der spaßigen Dynamik vergleichbarer Titel. Besonders zu Beginn werdet ihr diesbezüglich auf eine harte Frustprobe gestellt und solltet selbst vermeintlich kleinen Gegnern soweit möglich aus dem Weg gehen. Wie gut, dass ihr ein praktisches Jetpack umgeschnallt habt. Doch selbst das lässt sich nur enttäuschend hakelig bedienen.

Die Bedienung des Inventars, dessen Aufmachung bestenfalls als zweckmäßig zu bezeichnen ist, gestaltet sich ebenfalls sperrig und fummelig. Die Animationen und Charaktermodelle sind nicht zeitgemäß und die Texte in den Menüs etwas zu klein.

Doch bei all den genannten (typischen) Piranha-Bytes-Macken sei an dieser Stelle noch eines betont: Von gravierenden Bugs blieben wir bisher verschont. Und das will bei einem solchen Mammutwerk schon was bedeuten!

„Elex“ ist ab sofort für Playstation 4, Xbox One und PC erhältlich!

Mit „Elex“ liefert die deutsche Kultschmiede Piranha Bytes ihr bisheriges Meisterstück ab. Der erstaunlich gut funktionierende Mix aus Science-Fiction und Fantasy überzeugt durch eine riesige Welt voller Geheimnisse, interessanter Geschichten und enorm viel spielerischer Freiheit. Das hakelige Kampfsystem und die teils altbackene Technik lassen jedoch noch viel Luft nach oben.