Die Larian Studios machten vor einiger Zeit Fans der alten Rollenspielschule den Mund wässrig: In einer Ankündigung hieß es, man habe ein heißes RPG-Eisen im Feuer, geschmiedet im Stile des altehrwürdigen Ultima 7. Nun, frisch aus der Glut genommen, kann das Kickstarter-Projekt Divinity: Original Sin endlich beweisen, dass diese Worte nicht bloß heiße Luft waren und der versprochene Funke auch zündet.

Darum geht's:

Original Sin versteht sich als das Prequel von ‚Divine Divinity‘ aus dem Jahre 2002. Inhaltliche Kenntnisse des Vorgängers – oder Nachfolgers, je nachdem wie man es sehen mag – sind folglich nicht vonnöten.
Zunächst bastelt ihr euch im ausführlichen Editor nicht bloß einen, sondern gleich zwei Charaktere, mit denen ihr das Spiel bestreiten werdet. Als sogenannte Source Hunter ist es eurer Job, abtrünnigen Magiern das Handwerk zu legen. Doch um einen solchen zu entlarven, bedarf es zunächst einer gründlichen Ermittlung. Und so startet ihr im ersten von vier großen Arealen der Fantasywelt Rivellon und seid die ersten Stunden mit der Aufklärung eines Mordfalles beschäftigt. Es wird einige Zeit vergehen, bis sich das Abenteuer öffnet, und ihr eure Charaktere, zwischen denen ihr jederzeit frei wechseln dürft, anständig hochleveln dürft. Das ist dann auch bitter nötig, denn zu Beginn werdet ihr euch selbst an den verhältnismäßig harmlosen Monstrositäten des stadtnahen Umlandes die Zähne ausbeißen. Habt ihr allerdings erst mal ein Gefühl für das taktische Kampfsystem entwickelt und das herrlich ausgeklügelte Physiksystem verinnerlicht, wird jeder Sieg zur wahren Freude.

Das ist gut:

Womit wir auch schon bei der größten Stärke des Titels wären: So ziemlich jede Idee, die euch beim Studieren eurer aus Büchern erworbenen Fähigkeiten kommt, lässt sich auch umsetzen. Ein einfaches Beispiel: Lasst es regnen, und setzt die dadurch entstandenen Pfützen unter euren Gegnern mit einem Blitz unter Strom. Darf es etwas komplexer sein? Gern: Lasst es regnen, verdampft die Pfütze, reichert die Dunstwolke mit Gas an und feuert einen Explosiv-Pfeil hinein. Flankiert Gegner zudem in aller Ruhe mit eurer zweiten Figur, welche nicht zwangsläufig in die Kampfhandlung von Charakter Eins hineingezogen wird. Nehmt euch die Zeit mit den vielfältigen taktischen Möglichkeiten herumzuexperimentieren und ihr werdet mehr als einmal jubeln, wenn der Plan tatsächlich aufgeht. Mit ein wenig Kreativität lassen sich dann auch vermeintlich unbesiegbare Gegner zu Fall bringen. Besonderen Spaß macht das Ganze natürlich im Koop-Modus via LAN-Verbindung oder Online.
Seid ihr erst mal in Form, füllt sich der Rucksack bald mit allerlei Kram, den ihr entweder verscherbelt, oder zum fröhlichen Handwerken nutzt. Bastelt Waffen nach eurem Gusto und erfreut euch auch hier am schier unüberschaubaren Variantenreichtum. Gekämpft, gelevelt, geforscht, gelabert, und was noch so zum Rollenspielalltag gehört, wird inmitten einer wunderschönen Grafik- und Soundkulisse. Die detailreiche Welt ist vollgestopft mit Geheimnissen, deren Entdeckung mit allerlei nützlichem Firlefanz belohnt wird. Wer will, kann natürlich auch stumpf der Hauptquest folgen, so er denn den Weg findet, denn …

Das ist schlecht:

… Original Sin macht es euch nicht leicht. Die Larian Studios haben ihr Versprechen gehalten und servieren euch ein Old-School-RPG, welches sich schlicht weigert, euch das Denken abzunehmen. Wegpunkte? Fehlanzeige. Wer wissen will, wo es langgeht, der sollte besser genau zuhören, bzw. lesen, da das Spiel nicht komplett vertont wurde. Und wenn wir es dann mal mit Sprachausgabe zu tun haben, geht diese gerne mal auf die Nerven. Ihr werdet verstehen, was wir meinen, wenn ihr auf den Markt kommt und die Verkäufer in Endlosschleife immer wieder den gleichen Satz von sich geben. Leider seid ihr dort recht oft unterwegs, da ihr zu Anfang des Spieles gnadenlos hin und her gescheucht werdet. Das gestaltet den Einstieg verhältnismäßig zäh, erst recht, wenn man die lahme Bewegungsgeschwindigkeit der Spielfiguren bedenkt. Die Tatsache, dass die Menüführung arg umständlich geraten ist, macht die Sache auch nicht einfacher. Ergo dauert es eine Weile, bis es Original Sin gelingt, euch in seinen Bann zu ziehen. Wenn ihr diese Hürde aber erst einmal überwunden habt, werdet ihr für eure Mühen mehr als belohnt.

Rollenspiel der ganz alten Schule, welches sich an historischen Größen wie Ultima 7 orientiert. Das vielfältige, taktische Kampfsystem lädt ebenso zum Experimentieren ein, wie die wunderschön gestaltete Welt zum Erforschen, was im Koop-Modus nochmal doppelt so viel Spaß macht. Der Preis dafür sind allerdings eine mangelnde Benutzerfreundlichkeit und ein zäher Einstieg.