„Divinity: Original Sin“ war seinerzeit ein Traum für Computer-Rollenspieler. Ein Mammut-RPG aus der Draufsicht, in dem die Spieler sämtliche Freiheiten hatten, die sonst höchstens Tisch-Rollenspieler von „Das schwarze Auge“ oder „Dungeon & Dragons“ genießen. Vor kurzem ist mit „Divinity: Original Sin 2“ der ebenfalls über Crowdfunding finanzierte Nachfolger erschienen, der den Erstling in allen Belangen übertreffen will. Ob sich abzeichnet, dass dies gelungen ist, erfahrt ihr in unserem Überblick. Denn „Divinity: Original Sin 2“ ist erst am 14. September erschienen – und ein solches Umfangs-Monstrum, dass wir das Spiel unmöglich schon durchspielen konnten. Daher hier unser umfassender Eindruck.

Darum geht’s:

Es beginnt, wie viele Fantasy-Geschichten: Eine finstere Magie erwacht durch die Hand einer ebenso finster wirkenden, undurchsichtigen alten Zauberin zu Leben und verwüstet das Land. Die Folge: Jeder, der ebenfalls diese Kunst, Source genannt, beherrscht, wird einkassiert. Auf einer muckeligen Fregatte geht es in Richtung einer einsamen Felseninsel, wo die gefährlichen Zauberwirker ins Exil geschickt und erforscht werden können – damit sie keinen Schaden mehr anrichten. Der Spieler ist einer dieser Leute, die im Spielverlauf serientypisch absolute Freiheit bei der Erforschung einer gigantischen Welt genießen.

Die erlebt ihr RPG-typisch in bester Baldurs-Gate-Tradition aus der isometrischen Draufsicht – und natürlich stellt ihr euch eine Gruppe, im Rollenspiel-Jargon „Party“ genannt, zusammen. Dabei merkt ihr bei der erschöpfenden Charaktergenerierung: Hier ist alles andere als Einheitsbrei angesagt. So könnt ihr nicht nur einen eigenen Charakter mit entsprechenden Fähigkeiten konstruieren, sondern bereits fertige „Pakete“ mit Origin-Story als Charakter wählen. Darunter etwa „Biest“, einen schroffen, zwergischen Piratenkapitän, die von Geistern besessene, halb wahnsinnige Rockstar-Troubadourin Lohse sowie illustre Figuren wie den entthronten Echsenmenschen-Prinzen, eine kannibalistische Elfenseherin oder ein wandelndes Skelett voll wissenschaftlicher Neugier.

Danach entscheidet ihr euch für eine von über einem Dutzend Klassen: Vom Dieb oder Kämpfer über Waldläufer und etliche Zauberer-Klassen und Hybriden zwischen all dem Genannten ist alles dabei, sogar ein Musikinstrument für euer Alter Ego dürft ihr wählen und probehören. Während ihr die Welt erkundet, wird nicht nur Konversation geführt, was das Zeug hält, sondern eingebrochen, gestohlen, Schlösser geknackt, gezaubert und – rundenbasiert – gekämpft. Dabei könnt ihr mit verschiedenen Zaubern und Fähigkeiten die Oberflächen der Spielwelt in verschiedene Zustände versetzen und so euren Gegnern durch brachiale Elementar-Kombos einheizen. Oder sie einfrieren … oder sie in Säure baden … oder vergiften …

Klingt kompliziert? Ist es nicht: Wie im genialen Erstling könnte etwa der Magier in eurer Party eine Fläche unter einer Gruppe Banditen in eine Ölpfütze verwandeln, die euer Waldläufer mit einem Brandpfeil entfacht. Noch während die Schurken lodern, löscht euer Zwergenkrieger mit einem geworfenen Wasserfass den Brand – nur damit eure Beschwörerin als Letzte im Reigen einen Blitzstrahl in die Pfütze jagt und die bedauernswerten Gegner damit ordentlich durchgart …

Das ist gut:

Wie sein Vorgänger hält das Spiel sein Versprechen von absoluter Freiheit: Nahezu jede Tür kann geknackt, jede Kiste aufgebrochen, jeder Nichtspielercharakter (NSC) bestohlen oder umgelatzt werden – eine entsprechend mächtige Gruppe vorausgesetzt. Denn gerade die Anfangsstunden in „Divinity: Original Sin 2“ sind bockschwer. Ansonsten sind es vor allem der Ideenreichtum sowie die Liebe zum Detail, die das Spiel zu einem absoluten Spaßgaranten machen: NSC reagieren auf euer Geschlecht und eure Rasse bzw. eure Herkunft in den Dialogen, wirklich kein noch so kleines Detail eures Charakters ist nur kosmetische Makulatur. Ihr spielt einen Charakter – in jeder Hinsicht und mit einer Fülle, die man zuletzt in den 90ern bei Spielen wie besagtem Baldurs Gate oder „Planescape: Torment“ erlebte.

Der Soundtrack ist wunderschön, die Grafik strotzt selbst auf mittleren Rechner-Einstellungen mit einer Unzahl von Details, insbesondere die Kampf- und Partikeleffekte sind wuchtig und beeindrucken. Abstürze oder Fehler konnten wir keine verzeichnen, die lange Beta-Phase hat „Divinity: Original Sin 2“ gutgetan. Auch die Dialoge mischen in diesem an packenden Storys nicht armen Genre ganz vorne mit – selten erlebten wir in einem Rollenspiel so gut geschriebene, intelligente Texte wie hier – natürlich voll vertont! Multiplayer-Fans kommen dabei nicht zu kurz: Die Abenteuer lassen sich sowohl online als auch – Controller vorausgesetzt – an einem Bildschirm gemeinsam erleben. Online mit bis zu vier Spielern. Fantastisch!

Das ist schlecht:

Der einzige Wermutstropfen ist eigentlich keiner mehr. Denn während der Verfasser seine Zeilen in die Tasten hackte, kam just die Lösung daher: Die Texte und vertonten Dialoge waren allesamt nur auf Englisch – nicht jedermanns Sache. „Divinity: Original Sin 2“-Entwickler Larian hatte dieses Detail kurz vor Release zu erwähnen vergessen – aber sofort Abbitte geleistet und eine Lösung ist auch schon da: Die Texte wurden in einer Beta-Lokalisierung eingedeutscht, die bereits genutzt werden kann. Ab dem 21. September soll diese dann zur finalen deutschen Version werden, ab dann erklingt zwar nicht der Ton in unserer Muttersprache, dafür erstrahlen aber sämtliche Bildschirmtexte auf Deutsch.

Divinity: Original Sin 2, entwickelt von Larian, ist ab sofort für den PC erhältlich (Steam, Version getestet, sowie via gog.com). Konsolenversionen sollen folgen.

„Divinity: Original Sin 2“ ist ein Meisterwerk, das lässt sich nach „nur“ zwölf Stunden mit dem Titel sagen. Ob die komplette Handlung dabei von Anfang bis Ende bei der Stange hält, ist schwer abzuschätzen, doch sämtliche Aspekte des Spiels, mit denen wir uns in Ruhe befassen konnten, bewegen sich auf einem atemberaubenden Niveau: PC-Rollenspieler, die nach einem echten, komplexen Umfangs-Monster für den Herbst und Winter suchen, das sich in puncto Freiheit mit den Klassikern der 90er oder einem Tischrollenspiel messen kann, bekommen bei diesem Hochgenuss die Vollbedienung. Danke, Larian, dass ihr die Fahne des Genres so hochhaltet. SO muss ein PC-Rollenspiel aussehen.