Gott, was war das doch für ein Vorberichtserstattungsmarathon. Jede neue Ankündigung, die irgendetwas mit Call of Duty: Advanced Warfare zu tun hatte, war einen Bericht wert. Und je näher der Erscheinungstermin der nächsten activision‘schen Gelddruckmaschine rückte, desto mehr hatte der engagierte Videospielredakteur zu tun, um die nach jedem Infofetzen gierende Leserschaft satt zu machen. Und nun, wo das fertige Produkt endlich vorliegt, fragt man sich fast schon, was man überhaupt noch schreiben soll. Erst recht, da die ersten eigenen Gehversuche des neuen Entwicklers im Boot bei weitem nicht so innovativ daherkommen, wie erhofft.

Darum geht’s

Irgendwo auf der Welt knallt es immer. Im Jahr 2054 ganz besonders in Korea, wo der Norden über den Süden herfällt. Die USA lässt es sich natürlich nicht nehmen, in den Konflikt einzugreifen, und ihr seid in der Rolle des Jack Mitchell an vorderster Front live dabei. Allerdings verliert euer Protagonist gleich zu Beginn seinen linken Arm und wird dementsprechend als Soldat untauglich. Wenn da nicht die schlagkräftige und technisch hochgezüchtete Privatarmee unter der Führung des charismatischen Jonathan Irons (gespielt von Kevin Spacey) wäre, welche euch mit einer Prothese ausstattet, die weit mehr kann, als nur einen Kaffeebecher zu greifen, und fortan quer über den Globus scheucht.

Wie es sich für ein Call of Duty gehört, geht es dabei mit viel Krachbumm zur Sache. Allerdings ist die Kampagne nach ca. fünf bis sechs Stunden auch schon wieder vorbei, so dass man sie – Hollywoodgröße hin oder her – abermals lediglich als Training für den wahren Zeitfresser ansehen muss: den Multiplayermodus. Beiden Spielvarianten gemein ist das neue Exoskelett, welches euch übermenschliche Fähigkeiten verleiht. Werdet ihr was das betrifft im Zuge der Story arg gegängelt, und erhaltet bestimmte Funktionen wie Unsichtbarkeit, Bullet Time oder Sturmschild nur an festgelegten Stellen im Spiel, könnt ihr euch online so richtig austoben. Zumindest wenn ihr entsprechend viele Slots des Pick 13 Systems mit den gewünschten Funktionen belegt. Alternativ packt ihr eure favorisierten Scorestreaks ein, welche die Killstreaks durch ein Punktesystem ersetzen, oder tragt mehr Waffen auf das Feld. Mit diesen ballert ihr euch dann auf 13 Karten durch bewährte Modi wie Domination, Team-Deathmatch und Kill Confirmed, oder versucht euch im frischen Modus Uplink an einer spaßigen Mischung aus Football und Feuergefecht. Aus Black Ops 2 kennen wir Hardpoint und Capture the Flag, Momentum wiederum kommt Kennern von World at War sehr bekannt vor. Ein Koop-Modus ist auch mit an Bord, der sich jedoch darauf beschränkt, mit maximal drei Kumpels eine Feindeswelle nach der anderen niederzuringen.

Das ist gut

Hervorzuheben ist zunächst einmal, dass Call of Duty: Advanced Warfare stets vorbildlich stabil mit butterweichen 60 Bildern pro Sekunde läuft. Von einem CoD erwartet man das zwar, allerdings ist dies auch in der schönen neuen Next-Gen-Welt noch lange nicht Standard. Des Weiteren erfährt der ohnehin schon referenzstarke Mehrspielermodus durch Jetpack und Air-Dash eine gelungene Evolution des Spielgefühls, welches sich durch die dazugewonnene Vertikale deutlich von den Vorgängern abhebt (haha) und rasch in Fleisch und Blut übergeht. Ebenfalls neu: Das Loot-System. Soll heißen, dass ihr in regelmäßigen Abständen Beutekisten mit zufälligem Inhalt verschiedener Wertigkeit findet. Während die gut 1.000 verschiedenen Rüstungsteile lediglich optischen Wert haben, kommen die ca. 350 Ballermänner mit Werteverbesserungen daher, die jedoch stets mit einem Malus an anderer Stelle erkauft werden. Alles in allem ein äußert motivierendes Feature und ein Traum für all diejenigen, denen die Individualisierung ihres (nun auch weiblichen) Soldaten nur via Badges nicht weit genug ging.

Das ist schlecht

Den meisten Spielern dürfte es egal sein, wir finden es jedoch schade, dass die groß angekündigte Solo-Kampagne letztlich doch nur wieder im Call-of-Duty-Einheitsbrei versinkt. Die Story ist vorhersehbar wie ein Besuch der Eltern, die Figuren flach wie die Ausrede eines Teenagers, die Level bis auf einen spannenden Schleicheinsatz eng wie eine Jungfrau, die KI doof wie … na ja wie immer halt. Ja klar, es brennt an allen Ecken und Enden, die Golden Gate Bridge stürzt ein, ein Atomkraftwerk explodiert, ihr fahrt Panzer und fliegt einen Jet, aber wie so ziemlich jeder Testbericht eines CoD-Spieles am Ende resümiert, müssen wir auch diesmal festhalten: Die Klasse eines Modern Warfare wird abermals nicht erreicht. Optik als Wertungsretter? Leider nein, denn auch hier überzeugt Call of Duty: Advanced Warfare nur bedingt. Sähe die Ingamegrafik so schick aus wie die vorgerenderten Zwischensequenzen, wäre das eine ganz andere Nummer, leider haben wir es aber viel zu oft mit verspätetem Bildaufbau und wenig zeitgemäßen Texturen zu tun.

Wo Call of Duty draufsteht, da geht die Welt fast unter. Gewohnt kurze und krawallige Kampagne trifft auf gewohnt ausgefeilten Multiplayer-Modus, der über Monate hinweg unterhält. Das neue Exoskelett und das Loot-System pusten das dezent angestaubte Online-Spielgefühl ordentlich durch, der Solo-Modus enttäuscht jedoch an (fast) allen Fronten.