Das ist gut:

Der Plot klingt dramatisch und ebenso gestaltet sich auch die Spielerfahrung von „A Plague Tale: Innocence“. Als erfahrener Zocker badet man ja quasi tagtäglich im Blut seiner Feinde, hier begleiten wir aber keinen knallharten Helden, der sich seine Welt mit Waffengewalt untertan macht, sondern vermeintlich wehrlose und zutiefst verängstigte Kinder, die sich Aufgaben und Ängsten stellen müssen, an denen selbst Erwachsene zerbrechen würden.

Amicia erweist sich dabei als beeindruckend toughes Mädel, die ihren Bruder mal mit störrischer Beharrlichkeit, mal mit einfühlsamer Stimme wortwörtliche durch ein Leichenmeer lotst. Spielerisch blicken wir ihr dabei in Third-Person-Perspektive über die Schulter. Rufen wir Hugo, ergreift er unsere Hand – zumindest wenn er nicht gerade mal wieder beleidigt vor uns davonläuft – und folgt uns, ob wir nun rennen oder schleichen. Zuweilen ist es jedoch sinnvoll, ihn an Ort und Stelle verharren zu lassen, wenn es zum Beispiel gilt, Wachen abzulenken oder später gar mit einem Schlafmittel auszuschalten, wenn uns diese den Weg versperren.

Wir sind zwar mit einer Steinschleuder bewaffnet, in einer direkten Konfrontation mit Forken schwingenden Dorfbewohnern oder gerüsteten Rittern hat das junge Mädel jedoch generell das tödliche Nachsehen. Es gibt zwar einige unausweichliche Bosskämpfe, und Amicia lernt im Zuge eines solchen auch, wie man Feinde per Kopftreffer ausschaltet, die meiste Zeit werdet ihr euch euren Weg jedoch schleichend bahnen müssen. Versteckt euch dazu geduckt im hohen Gras, lenkt die Aufmerksamkeit der Ritter mit einem Steinwurf von euch ab und vermeidet Lärm, um zumindest vor Menschen sicher zu sein. Vor der zweiten großen Gefahr schützt euch das nämlich nicht: den Ratten!

In ihrer schier unfassbaren Zahl sind die Biester der wahre Horror und der morbide Star des Spiels. Wer sich nicht in einem schützenden Lichtkegel befindet, wird augenblicklich Opfer der wabernden Flut und bis auf die Knochen abgenagt, was euch in Sachen Wegfindung vor so manches Umgebungsrätsel stellt, jedoch auch zu eurem Vorteil genutzt werden kann, wenn es gilt, sich eines Feindes zu entledigen. Eine Wache mit einer Laterne befindet sich in einer schützenden Insel des Lichts. Wenn ihr diese jedoch mit einem gezielten Steinwurf löscht, wird‘s zappenduster, und ihr wisst ja nun, was das heißt.

Später könnt ihr dank der Wunder der Alchemie und des Crafting-Systems zudem nicht nur besondere Geschosse herstellen – um zum Beispiel aus der Distanz Gluthaufen zu entzünden oder Feinden die Helme vom Kopf zu ätzen, um sie anfällig für tödliche Treffer zu machen – sondern an Werkbänken mittels aufgelesener Ressourcen auch Schleuder, Kleidung und Beutel verbessern.

Während das Geschehen in spielerischer Hinsicht auf streng linearen Pfaden verläuft, die lediglich kleinere Abzweigungen auf der Suche nach Sammelkrams gestatten, ist die Erzählung äußerst vielschichtig ausgefallen. Amicia und Hugo werden wunderbar lebendig und glaubwürdig porträtiert. „A Plague Tale“ streut dazu immer wieder ruhige Momente ein, in denen es sich der Beziehung der beiden Kinder widmet. Gerade Hugo weiß sich auch noch an Kleinigkeiten zu erfreuen, während Amicia die Rolle der Beschützerin mit zunehmenden Selbstbewusstsein ausfüllt. Was die Charakterzeichnung betrifft, müssen sich die Macher jedenfalls nicht vor Größen wie „The Last of Us“ oder „God of War“ verstecken.

Auch grafisch hat das vergleichsweise kleine Studio abgeliefert. Die Szenarien laden mit ihren verträumten Lichtstimmungen immer wieder zum Verweilen ein und bieten dabei auch noch enorm viel optische Abwechslung. Und wenn dann auch noch die ungemein stimmungsvolle Musik stets die zur jeweiligen Situation passenden Akzente setzt, ist die Atmosphäre perfekt. Insbesondere in unheimlichen Momenten des Spieles haben uns die Streicher den einen oder anderen Schauer über den Rücken gejagt. Schön zudem, dass das Spiel komplett deutsch vertont wurde, und die Sprecher dabei einen tollen Job machen.

Zwar kann „A Plague Tale“ was Animationen und Mimik betrifft den ganz dicken AAA-Namen nicht das Wasser reichen, aber es ist ihnen zumindest auf den Fersen, in Sachen Texturqualität sogar verflucht nahe. Mal abgesehen davon, dass sich so einige namhafte Hersteller an dem nahezu fehlerfreien technischen Korsett ein Vorbild nehmen sollten.

Insbesondere, weil das Spiel auch auf den weniger potenten Ur-Modellen der Xbox One und PS4 eine äußerst ansehnliche Figur macht und hüben wie drüben angenehm flüssig läuft. Am dichtesten ist die Grafikkulisse auf der Xbox One X, wo die Umgebungen auch der Pro gegenüber deutlich detaillierter, schärfer und mit gefühlt satteren Farben am organischsten wirken. Dafür ist dann der Bildeindruck auf der alten Xbox im Vergleich auch der verwaschenste, während sich die Sony-Kisten wie üblich dazwischen einordnen.