Armes Deutschland! Schon traurig, dass nach vier Wochen Turnier, Monaten der Vorbereitung, unzähligen Beispielen für mustergültiges Verhalten gegenüber Gastgeberland, Brasilianern und Gegnern eine Aktion, die es so bereits seit Jahren gibt und die nicht mehr als ein Spaß ist, so eine Diskussion auslöst. Das haben unsere Jungs echt nicht verdient – und die Reaktionen zeigen eigentlich nur, wie tief wir Deutsche in unserem Selbstwertgefühl gesunken sind. Kein Land der Welt hat so eine Angst davor, mal nicht 100%ig politisch korrekt zu sein und aus sich herauszugehen. Man hat stattdessen mittlerweile das Gefühl, dass man als Gewinner eines Wettkampfs wohl eher dem Gegner gratulieren und sich für das Endergebnis entschuldigen sollte, damit man sich bloß keinen Fehltritt leistet.

Ein Balotelli zieht sich beim letzten Turnier nach einem Treffer gegen die Deutschen und damit beim Besiegeln ihres Ausscheidens das Trikot aus – in provokanter Haltung. Das Bild geht um die Welt, allen voran feiern die deutschen Medien diese Aktion! Dann lese ich auf Facebook Lobeshymnen auf andere Nationen. Lese, dass die Spanier nach ihrem Titelgewinn absolut faire Sieger waren. Das kommt davon, wenn man nach der Pokalübergabe die Glotze ausschaltet und das sage ich als Halbspanier. Die Meister des Tiki-Takas haben nämlich damals gemeinsam mit den Fans noch ganz andere Lieder gesungen – und dabei auch über die Gegner hergezogen und sich selbst in den Himmel gelobt! Na und? Das ist meiner Meinung nach als WM-Gewinner auch erlaubt. Soviel zum Thema „Alle anderen sind gut, nur wir Deutschen sind das Übel auf Erden“.

Passiert genau dasselbe in der Bundesliga, finden es Kommentatoren und Zuschauer lustig. Es wird in Berichten gezeigt, geschmunzelt und fleißig auf Youtube verteilt. Machen es aber fünf Spieler unserer Nationalelf, von denen sich manche bereits von Gegnern ich weiß nicht was an Schmähungen gefallen lassen mussten und die trotzdem nie etwas Abfälliges sagten, dann ist es ein Skandal. Geht's noch!?

Woanders kein Problem, in Deutschland ein Skandal!

Uns Deutschen steckt echt ein dermaßen kolossaler Stock im Allerwertesten, daraus könnte Ikea ein ganzes Jahr lang Möbel tischlern. In keinem Land der Erde reiten die Bürger so sehr auf sich selber herum, suchen nach Kritikpunkten, statt sich am Positiven zu erfreuen. Nimmt man die Titelseiten in England vor Spielen gegen Deutschland, so werden dort spaßige Vergleiche gezogen und Spitzen am laufenden Meter ausgeteilt. Oder etwa Holland bei dieser WM – die spielten gegen Australien: Prompt gab's eine Känguru-Collage in den Printmedien zu sehen. Vor dem Spiel gegen Mexiko konnte man sich auf den Titelseiten vor Sombreros nicht retten. Nur Spaß, oder? Stimmt! Die Holländer fanden es witzig – und der Rest der Welt sicher auch. Und dasselbe in Deutschland? Hier heißt es: „Rassistisch!“ oder „Respektlos!“

Hierzulande wird ein Kommentator ja schon dermaßen an den virtuellen Pranger gestellt, dass selbst die Jungs aus „Das Leben des Brian“ laut rufen: „Jehova! Jehova!“. Und das nur, weil er es gewagt hat, bei zwei Anlässen von „Wir“ zu sprechen. Im Gegenzug sieht man Kommentatoren wie auch Moderatoren aus anderen Ländern in den Trikots ihrer Favoriten, gerne auch der eigenen Mannschaft, herumlaufen. Man hört während des Spiels, wie sie von „Wir“ sprechen und dass deren heimischen Zuschauer dies fordern. Bei einem Tor ihrer jeweiligen Nationalmannschaft gehen diese Rundfunksprecher dermaßen ab, als hätten sie grad einen 12-stündigen, multiplen Orgasmus. Und wir feiern das! Wir schauen uns die Youtube-Videos an und finden es toll. Wir sehen in den Medien Bilder der anderen Kommentatoren und Moderatorinnen in Trikots ihrer favorisierten Nationalelf und liken, bis der Daumen glüht. Aber wehe, ein Deutscher macht so etwas. Pöse! Ganz pöse!

Das Traurigste an der ganzen Sache ist: Die Kritik kommt vor allem von Leuten, die vielleicht nie oder nur selten in einem Stadion waren. Die sich alle zwei Jahre Fußball anschauen, wenn die Public-Viewing-Arenen geöffnet haben. Wenn es plötzlich cool ist, eine Deutschlandfahne zu schwenken. Genau die Flagge, die sie an den 730 Tagen dazwischen schön auf dem Dachboden in der hintersten Ecke, gleich hinter der Skiausrüstung von 1984 verstaut haben. Damit ja keiner mitkriegt, dass sie ihr Land gar nicht so bescheiden finden. Das sind die Leute, die während Bundesligaspielen auf Sky eifrig dem Kommentator zunicken, wenn dieser von einer grandiosen Stimmung spricht, während man im Hintergrund die Fanchöre vernimmt, die über die Mütter der Gegner singen.

Verdammt nochmal, Deutschland ist Weltmeister geworden und war nun zehn Jahre lang in der Weltspitze vertreten. Die DFB-Elf hatte sieben Spiele, am Ende stand sie als Sieger da und das verdient. Während Trainer, Ersatzbank und wahrscheinlich auch die Spielerfrauen von Ländern wie Mexiko oder Kolumbien reihenweise in jedem Spiel gelbe Karten gefordert haben – was absolut unsportlich und respektlos ist –, haben es die Deutschen wie oft gemacht? Genau. Komisch, dass dies nie erwähnt wird, oder? Während argentinische Fans Neymars Ausscheiden mit einer Wirbelsäule in der Hand feiern, haben die Deutschen nach dem 7:1, dem sensationellsten Sieg in der Geschichte eines WM-Halbfinales, nochmal was gemacht? Richtig, sie gingen als Allererstes zum Gegner und haben diesen getröstet und aufgebaut. Zu keiner einzigen Minute(!) haben sie auf dem Platz ihren klar unterlegenen Gegner bloßzustellen versucht. Selbst am nächsten Tag gab es aufmunternde Botschaften in mehreren Sprachen an die Gastgeber und ihre Fans. Was in dieser Form wohl ziemlich einmalig gewesen sein dürfte. Redet oder ereifert sich darüber jemand? Nein!

Ich habe keine Lust darauf!

Ich habe keine Lust darauf, dass Spieler sich mittlerweile nach dem Erreichen eines großen Zieles selbst beim Feiern noch überlegen müssen, ob Wortwahl und Gesten wohl die richtigen sind – nur weil wir Angst haben, die Welt könnte abermals über uns herziehen. Ich habe keine Lust darauf, dass Rivalitäten einerseits gewollt sind, andererseits verteufelt werden. Ich habe keine Lust darauf, dass ich als arrogant gelte, nur weil ich mich über einen Sieg freue und mit viel Hoffnung auf ein Weiterkommen tippe, während andere ihre eigene Mannschaft eh schon als Weltmeister sehen. Es war nicht mal eine beleidigende Aktion. Keine rassistische Aktion. Es war einfach eine spaßige Aktion – gemeinsam mit den Fans.

Wenn es echt so weit gekommen ist, dass man sich nach einem Titelgewinn zum Lachen in den Keller verkriechen muss, dann haben nicht die Spieler ein Problem, sondern wir! Denn wir sind nicht mal im Stande, über uns selbst zu lachen, Stolz zu zeigen, ohne auch nur eine Sekunde den Knigge zum Thema „Was ist Spaß und was ist unpassend“ beiseitezulegen.

Diese Mannschaft hat Deutschland fantastisch vertreten – seit ihrer Vorbereitung bis zum gestrigen Nachmittag! Und das Einzige, was dieses Team beschämen könnte, ist wohl das Verhalten der eigenen Landsleute. Die sich lieber über etwas aufregen, das nirgendwo sonst auf der Welt(!) überhaupt Erwähnung fände, statt sich einfach zu freuen und es den Jungs zu gönnen.

Und nur mal so als Info: In diesem Jahr, 2014, waren wir besser als die anderen Mannschaften. So eine Aussage zu machen traut sich niemand, weil es gleich heißt, es sei arrogant und respektlos. Nein! Es gibt nun mal Turniere und somit dort „besser“ und „schlechter“, Sieger und Verlierer. Wir waren 24 Jahre lang nicht besser als die anderen, sondern schlechter. Ein einziges Mal sind wir nun besser gewesen, die anderen schlechter und haben nicht mal die Eier in der Hose, dies auch zu sagen und uns darüber zu freuen. Es ist nicht respektlos, seine eigene Leistung anzuerkennen – es ist respektlos, es nicht zu tun.

In zwei Jahren kann es nämlich wieder ganz anders aussehen …

Hinweis: Dies ist ein Kommentar und spiegelt die Meinung des Autors wieder.