An diesem Wochenende startete die 1. Fußball-Bundesliga in die neue Saison. Doch ein im deutschen Fußball wohl einzigartiger Fall sorgt zurzeit vier Ligen tiefer für Schlagzeilen: Polizeibehörden verhindern nämlich sämtliche Gastspiele des Wuppertaler SV, der auch am dritten Spieltag der Oberligasaison nicht auswärts antreten durfte.

Dabei gibt es beim ehemaligen Bundesligisten eigentlich allen Grund zur Freude. Nach einem Zwangsabstieg wagt der Traditionsverein aus dem Bergischen Land den Neuanfang – und das mit Erfolg: Über 3000 Zuschauer pilgerten zum ersten Heimspiel, die Zahl der Dauerkarteninhaber hat sich verdreifacht und 250 Fans zahlten sogar zusammengerechnet fast 50.000,- Euro, um in dieser Saison als Sponsor das Trikot der Löwen zu zieren.

Jeder dritte Fan gewaltbereit?

Im Widerspruch zu dieser positiven Stimmung steht jedoch eine in Deutschland einmalige Situation: Die ersten zwei Auswärtsspiele des WSV wurden abgesagt, das dritte Gastspiel steht auf der Kippe und weitere Vereine haben bereits ihre Bedenken geäußert.

Grund hierfür ist eine Aussage der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) der Polizei, laut der sich unter den 1000 WSV-Fans, die zum ersten Auswärtsspiel bei Germania Ratingen erwartet wurden, 300 gewaltbereite Chaoten befinden sollten. Mit anderen Worten: Jeder dritte Wuppertaler Fan wurde als gewaltbereit eingestuft. Eine Zahl, die auch WSV-Vorstandssprecher Alexander Eichner nicht so hinnehmen will: „Wenn ich die Zahl 300 höre, muss ich unweigerlich an das Zitat von Winston Churchill denken: ‚Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe."

Daraus resultieren zudem strenge Sicherheitsauflagen für die gastgebenden Vereine, die sogar bauliche Änderungen an den Stadien mit sich ziehen und für die meisten Oberligisten finanziell nicht zustemmen sind. In der Kürze der Zeit sah sich bislang noch kein Verein im Stande, ein Ausweichkonzept auf die Beine zu stellen, was zudem mit zusätzlichen Kosten für Ordner und Sicherheitsdienste verbunden ist.

Die Einhaltung dieser neuen Sicherheitsbestimmungen ist allerdings Bedingung für die Austragung der Spiele, da sämtliche Auswärtsspiele des WSV in der Oberliga Niederrhein die Sicherheitsstufe 4 erhielten. Dies ist die höchstmögliche Sicherheitsstufe in Deutschland, wie sie sonst nur brisante Partien, wie beispielsweise Fortuna Düsseldorf gegen den 1. FC Köln oder Dynamo Dresden gegen Hansa Rostock, erhalten. Gerade dieser Umstand sorgt innerhalb der Oberliga für Kopfschütteln, da etwa das kommende Auswärtsspiel gegen den SV Hönnepel-Niedermörmter stattfinden sollte, der in der letzten Saison gerade mal einen Zuschauerschnitt von 138 vorweisen konnte. Auch Georg Mewes, Trainer des SV Hönnepel-Niedermörmter, sieht in dieser Situation einen unerträglichen Zustand und spricht von einer Vorverurteilung der WSV-Fans.

Eichner sieht die Problematik deshalb auch in der Kommunikation der ZIS: „Es ist umso wichtiger, dass die Polizeibehörde diesen Wert doch einmal transparenter und nachvollziehbarer für den Bürger macht. […] Und solange das Zustandekommen nicht ausreichend erklärt wird, bis dahin behalten wir uns das Recht vor, dies anzuzweifeln.“

Imageschaden für den Fußball

Doch was nun? Ist der WSV der erste Verein Deutschlands, der ausschließlich Heimspiele austragen wird? Werden die Vereine mit den Kosten durch die neuen Sicherheitsauflagen alleine gelassen? Die polizeiliche Behörde stellt jedenfalls zurzeit den Spielbetrieb einer ganzen Liga auf den Kopf und die Ungewissheit obsiegt.

„Es gibt unterschiedlichste Lösungen, nur jede dieser Optionen weist wieder irgendein anderes Problem auf und meistens ist dieses Problem finanzieller Natur.“ Möglich wäre etwa, so Eichner gegenüber mann.tv, „ ... dass man ein Stadion als Auswärtsspielort festlegt. In diesem Stadion würden dann sämtliche Auswärtspartien des WSV stattfinden, was wiederum Extrakosten erzeugt und für diese Mannschaften bedeutet, dass sie ihr Heimrecht auf eine andere Art aufgeben. Die einfachste Lösung von allem wäre vermutlich aber einfach die Auswärtsspiele durchzuführen.“ Zur Klärung der Problematik reisen Verantwortliche des Wuppertaler SV am 16. August ins Innenministerium in Düsseldorf, wo sie auf konstruktive Ergebnisse hoffen.

Aber selbst bei einer Neuregelung sind die entstandenen Folgen für die Liga und im Verein bereits spürbar. „Ein Imageschaden zeichnet sich ab, weil wir in erhöhtem Erklärungsdruck bei willigen Sponsoren kommen und wir möglicherweise durch diese massive Wettbewerbsverzerrung auch sportlich ins Hintertreffen geraten. […] Irgendein Problem musste ja irgendwann kommen. Dass es jetzt ausgerechnet diese ominöse Legende der 300 gewaltbereiten Fans sein musste, war trotzdem überraschend“, so der Vorstandsvorsitzende abschließend.

Eine ganze Fußball-Liga steht vor einer ungewissen Saison, die gerade erst begonnen hat. Solange es keinen Konsens zwischen Polizeibehörden und Vereinen gibt, solange wird es in dieser Saison für den Wuppertaler SV wohl kein Auswärtsspiel geben. Wie diese Geschichte auch ausgehen mag: Der Leidtragende ist am Ende der Fußballfan.

Foto: Rot-blau.com