Wisst ihr noch, wie es früher war? Als der 1. FC Kaiserslautern in der Saison 1997/98 als Aufsteiger überraschend die deutsche Meisterschaft gewann? Als der FC Schalke 04 im Jahr 2001 „Meister der Herzen“ wurde und der FC Bayern München in der Nachspielzeit den Titel gewinnen konnte? Als der FC St. Pauli im DFB-Pokal 2002 zum „Weltpokalsiegerbesieger“ gekürt wurde?

Dominanter als in jedem Sadomaso-Club!

Diese Zeiten sind lange her – und werden sich so bald nicht mehr wiederholen! Wir schreiben das Jahr 2015, der FC Bayern München steuert mit Vollgas auf seine vierte Meisterschaft in Folge zu. Es wären nicht nur vier Jahre in Folge, sondern auch vier Titel ohne jede Gefahr. 10 Punkte, 19 Punkte, … gar satte 25 Punkte Vorsprung standen in den letzten Jahren auf dem Konto. In diesem Jahr wird es nicht anders sein. Mittlerweile genießt der erfolgreichste deutsche Fußballverein bereits 8 Punkte Führung vor seinen Verfolgern – und wir haben noch nicht einmal Winterpause! Zahlen, die Bayern-Funktionären Freudentränen in die Augen treiben dürften. Aber damit sind sie wohl die Einzigen, die sich wirklich freuen.

Vorfreude ist die schönste Freude

Nur um das klarzustellen: Bayern München steht mit Recht an der Spitze. Es wurde jahrzehntelang professionell gewirtschaftet, Spieler, die gekauft wurden, schlugen großteils ein wie eine Bombe, und man ruhte sich auf den erreichten Erfolgen nicht aus. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Fußball von Emotionen und vom Wettbewerb lebt. Wenn auch nur einer dieser Faktoren abhandenkommt, ist das schon schlimm – fehlt beides, leiden am Ende alle.

Früher hat sich jeder Bundesligafan gefreut, wenn sein Team gegen den FC Bayern antreten durfte. Es war das Highlight des Jahres. Der Zeitpunkt, zu dem selbst die Rentner auf der Tribüne lauthals vor Spielbeginn sangen: „Zieht den Bayern die Lederhosen aus!“. Partien, bei denen man dem ehemaligen „FC Hollywood“ das Leben so richtig schwer machen, den Fußballriesen öfters auch in die Knie zwingen konnte. Man hat mitgefiebert, Daumen gedrückt und jede Sekunde Spielzeit genossen. Die Chancen auf einen Sieg waren vielleicht gering – aber sie waren stets da und machbar.

Wir haben gewonnen? Ach so, … ja …

Doch das ist Vergangenheit. Die Auswirkungen sind mittlerweile spürbar: In den Stadien liegt kein Knistern mehr in der Luft. Aus dem Fernseher hört man Woche für Woche, wie Moderatoren Floskeln der Marke „Wie nicht anders zu erwarten. …“ oder „Sie haben lange Zeit gut dagegengehalten, aber ...“ öfter verwenden, als Tim Wiese zu seinen Hanteln greift. Es ist schon bezeichnend: Schießt der FC Bayern ein Tor im eigenen Stadion, springt nicht einmal die Hälfte der Zuschauer überhaupt noch auf. Stattdessen erhebt man sich gemächlich und spendet routiniert Gefälligkeitsapplaus – aus blanker Gewohnheit.

Und auch von Vorfreude beim Gegner kann kaum noch die Rede sein, wenn es gegen „die Bayern“ geht. Stattdessen wird in Foren und auf Facebook großteils nur noch über die Höhe der Niederlage gerätselt oder diskutiert, wie man möglicherweise ein Null zu Null packen könnte. Bundesligavereine stellen teilweise B-Mannschaften auf oder nutzen eben jenes Spiel, um angeschlagene Spieler zu schonen. Am Ende wird eine knappe Niederlage vor der Kamera als Erfolg verkauft, weil sie wirklich als solcher empfunden wird. Das hat nichts mehr mit den Gründen zu tun, wegen deren wir alle Fußball so lieben!

Immer das Gleiche ...

Ich bin kein FC-Bayern-Fan. Aber ich bin Fußballfan. Ich habe mir immer gerne die Spiele der Bayern im Fernsehen angeschaut, ob in der Bundesliga oder international. Aber das ist spätestens seit dieser Saison vorbei! Ich empfinde keinen Neid gegenüber der Elf von der Säbener Straße. Ich missgönne ihr den Erfolg nicht. Sie hat ihn sich hart erarbeitet und verdient. Aber totale Dominanz stumpft eben ab. Und zwar jeden – die Konkurrenz, die Kommentatoren, die gegnerischen Fans, die TV-Zuschauer, sogar die eigenen(!) Anhänger.

Jedes Spiel läuft gleich ab. Der FCB hat Ballbesitz bis zum Erbrechen, nutzt irgendwann seine Chancen. Ist die Erste genutzt und verwandelt worden, macht der Gegner auf und die Bayern legen in der Regel noch das ein oder andere Tor nach. Es wirkt fast wie ein Automatismus – und das ist nicht nur in der Bundesliga so. Auch in der Champions League sichern sich die Münchener das Weiterkommen ohne nennenswerte Probleme. In dieser Saison alleine bisher schon mit einem Torverhältnis von 17:3! Kein Mitzittern oder Bangen, kein Hoffen und Bibbern. Das tritt erst frühstens ab dem Viertelfinale ein, wenn die deutsche Meisterschaft eh schon fix ist und die dicken Brocken, wie etwa FC Barcelona, Real Madrid und Co. kommen. Das kann es nicht sein, Freunde der Sonne!

Wenn die eigenen Fans sowohl Einzelsiege als auch Deutsche Meisterschaften als Selbstverständlichkeit empfinden, Gegner vor dem Anpfiff kapitulieren, Spielabläufe immer gleich sind, keine Spannung mehr spürbar ist; wenn alles zur Routine verkommt … Dann erlischt der Zauber des Fußballs, dann ist eben nicht mehr alles möglich. Und ist dieser Punkt erst einmal erreicht, macht Fußball auch keinen Spaß mehr … genauso wie die Spiele des FC Bayern.

Hinweis: Dies ist ein Kommentar, der die Meinung des Autors widerspiegelt. Diese Meinung muss nicht zwangsläufig mit der, der Redaktion übereinstimmen.