Die Politik ist ein doofes Thema, weil sie polarisiert und einfach zu emotional diskutiert wird. Ich bin da immer hin- und hergerissen. Einerseits würde ich mich gerne mehr damit beschäftigen, andererseits muss ich auf meinen Blutdruck achten. 

Ich habe den Chefredakteur gefragt, welches Thema die neue Kolumne anschneiden soll und er antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Politik zieht immer!“ Der Witz ist aber, dass Politik bei mir überhaupt nicht zieht. Ich meide politische Themen, so gut es geht, da sie nur selten zu einer Verbesserung meines Gemütszustands führen. Heutzutage sind Politiker entweder aalglatte Worthülsengeneratoren oder Klartext redende Arschlöcher. Manchmal auch beides.

Ich würde mich also definitiv als politikverdrossene Person einordnen und das ist eigentlich kein wünschenswerter Zustand. Meine vernünftige Seite würde sich gerne politisch engagieren, doch mein innerer Schweinehund weigert sich vehement. Welche Seite hat nun Recht? Um das herauszufinden, habe ich beide Ahmets zu einer Diskussion eingeladen.

Schweinehund-Ahmet: Ich vermeide Politik, so gut es geht. Ich habe sogar überlegt, nicht mehr zu wählen. Es frustriert mich einfach zu sehr. Außerdem habe ich mir bei vielen Themen noch keine finale Meinung gebildet. Beispielsweise sind Flüchtlinge so ein Thema. Die eine Seite bejubelt ankommende Flüchtlinge und schenkt ihnen zur Begrüßung Luftballons und Stofftiere, während die andere Seite Angst davor hat, von ihnen unterwandert und ausgelöscht zu werden. Es wird auf beiden Seiten heftig pauschalisiert, statt sich differenziert damit auseinanderzusetzen. Im Krieg zwischen Asyl-Gegnern und Befürwortern, stehe ich genau in der Mitte und halte ein Schild, auf dem steht: „Ich weiß doch auch nicht.“

Vernünftiger Ahmet: Wenn du nicht für Flüchtlinge bist, dann bist du gegen Flüchtlinge und das spielt den rechten Parteien in die Hände.

Schweinehund-Ahmet: Ich bin aber nicht gegen Flüchtlinge! Ich weiß nur nicht, welche langfristigen Auswirkungen die ganze Sache auf unsere Gesellschaft hat. Zumal die etablierten Parteien ständig von der Bekämpfung der Fluchtursachen labern und trotzdem Waffenexporte durchwinken. Wie kann ich diese Leute guten Gewissens wählen?

Vernünftiger Ahmet: Dann wähle einfach das kleinste Übel. Zum Beispiel die SPD. Das ist immer noch besser als gar nicht zu wählen. Nichtwähler stärken den rechten Pöbel!

Schweinehund-Ahmet: Ich weiß, dass Nichtwähler ihren Stimmenanteil verschenken und sich damit quasi dem Votum der übrigen Wähler ausliefern. Davon profitieren aber doch nicht automatisch die Rechten oder übersehe ich etwas? Müsste nicht die Partei mit den meisten Wählerstimmen am stärksten von den Nichtwählern profitieren?

Vernünftiger Ahmet: Das wäre dann die CDU und die würde ich schon dem rechten Spektrum zuordnen. Sicherlich nicht extrem rechts, aber definitiv rechts der Mitte. Hör dir doch mal an, was die Kramp-Karrenbauer aktuell wieder für eine Grütze verzapft.

Schweinehund-Ahmet: Ist dir schon einmal aufgefallen, dass AKK aussieht wie die Figur McLovin aus dem Film „Superbad“? Davon abgesehen kenne ich viele Menschen, die das kleinste Übel (SPD, FDP usw) wählen und weniger bekannte Parteien komplett ignorieren, weil „die sowieso keine Chance haben“. Statt wirklich etwas Neues zu wagen, geben sie ihre Stimme lieber einer alteingesessenen Arschloch-Partei, auch wenn sie sich von dieser nicht mehr repräsentiert fühlen.

Vernünftiger Ahmet: Das ist aber immer noch besser als die AfD zu wählen. Viele Politikverdrossene geben der AfD eine Stimme, weil sie jede Veränderung für besser halten als den Status quo. Wie gut das funktioniert, sehen wir ja gerade in den USA. Millionen gefrustete Amerikaner haben Trump gewählt und der Rest der Welt darf die Suppe auslöffeln.

Schweinehund-Ahmet: Und wie soll sich die deutsche Politik positiv verändern, wenn die etablierten Großparteien mit Stimmen überschüttet werden, weil die Wähler befürchten, dass die kleinen Parteien sowieso nichts ausrichten können? Das möchte ich auf keinen Fall. Dann wäre ich ja wie mein Nachbar, der unglücklich verheiratet ist, sich aber nicht scheiden lässt, weil er Angst hat, nix Besseres zu finden. Ehrlich gesagt halte ich die AfD auch nicht für schlimmer als die CSU. AfD-Wähler sprechen im Endeffekt doch nur offen aus, was die CSU-Wähler denken.

Vernünftiger Ahmet: Die Frage ist doch, wie man gute oder schlechte Politik definiert. Lieschen Müller setzt eine erfolgreiche Politik mit finanziellem Wohlstand gleich oder anders gesagt: „Ich habe zu wenig Geld, also hat unsere Regierung versagt!“ Die meisten Leute kritisieren das System aber nur so lange, bis sie selbst finanziell davon profitieren. Der französische Schriftsteller Joseph Marie de Maistre hat vor über 200 Jahren völlig richtig erkannt: „Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.“

Schweinehund-Ahmet: Wir haben also eine beschissene Regierung verdient, weil wir egoistische Schweine sind?

Vernünftiger Ahmet: Das ist etwas überspitzt formuliert, aber durchaus korrekt. Nehmen wir Facebook-Gewinnspiele als Beispiel. Die spiegeln den Egoismus des Durchschnittsbürgers perfekt wider. Ein Gewinnspielbeitrag kassiert immer unzählige Likes und jede Menge freundlicher Kommentare. Der Folgebeitrag, in dem die glücklichen Gewinner verkündet werden, kassiert kaum Likes und fast nur negative Kommentare. Statt sich für die Gewinner zu freuen, reagieren die meisten Teilnehmer enttäuscht oder aggressiv, weil sie leer ausgehen. Das ist der Bewei…

Schweinehund-Ahmet: Ja, aber was bringt mir diese Information jetzt? Was noch wichtiger ist: Was bringt sie dem Leser, der gerade vor seinem Bildschirm sitzt und auf eine wertvolle Erkenntnis wartet?

Vernünftiger Ahmet: Lass mich doch mal ausreden! Ich wollte noch anfügen, dass die meisten Menschen lieber gegen das System und seine unfähigen Politiker hetzen, als selbst etwas zu unternehmen. Das Volk hätte eine Menge Möglichkeiten, Dinge zu verändern, aber es nimmt sie nicht wahr. Es gäbe zum Beispiel morgen keine Massentierhaltung mehr, wenn wir alle heute aufhören würden, entsprechende Produkte zu kaufen. Und wenn du keinen Bock mehr auf die etablierten Parteien hast, dann solltest du der kleinen Partei, die deine Interessen vertritt, umso leidenschaftlicher beistehen.

Schweinehund-Ahmet: Hmm, ich weiß nicht. Es ist halt schon bequemer, die Verantwortung auf unsere Regierung abzuwälzen, und sie anschließend auf Twitter zu kritisieren. Ich weiß nicht, ob ich bereit dazu bin, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ich schaffe es ja nicht einmal, ein paar Kilo abzuspecken, obwohl ich genau weiß, dass sich mein Leben durch den Gewichtsverlust deutlich verbessern würde.

Vernünftiger Ahmet: Genau das meine ich! Du musst aktiv werden und selbst den Arsch hochkriegen, damit sich deine Situation verbessert.

Schweinehund-Ahmet: Ich gebe es ungern zu, aber du hast wahrscheinlich Recht. Ich darf nicht mehr passiv am Spielfeldrand sitzen! Ich muss selbst etwas gegen meine Probleme unternehmen! Ich werde Burger King, McDonald's und KFC verklagen, weil sie mich in eine fette Sau verwandelt haben! Danke, vernünftiger Ahmet!

Vernünftiger Ahmet: