Als alter Sack höre ich immer häufiger den Satz: „Früher war alles besser.“ Wenn ich dann frage, warum früher alles besser war, erhalte ich fast immer die Antwort: „Es gab weniger Idioten“. Gefühlsmäßig würde ich das sofort unterschreiben, aber hält diese Behauptung auch einer objektiven Betrachtungsweise stand?

Ich befinde mich im Supermarkt und hoffe, dass einer meiner Mitschlangesteher ausflippt: „Jetzt macht gefälligst eine zweite Kasse auf, sonst bring ich euch alle um!“ Mein Wunsch bleibt unerfüllt und ich selbst bin für derartige Power-Sätze nicht selbstbewusst genug. Plötzlich kommt von schräg links eine stark übergewichtige junge Frau mit Kinderwagen angeschossen. Sie bremst abrupt und sieht aus wie ein großes Raumschiff, das den Hyperraum verlässt. 

„Ich frag’ nur kurz den Typen an der Kasse, was des kostet!“, kreischt sie, mit einer Packung Nudeln und einer Dose Tomaten wedelnd. 

Die Kassiererin brüllt zurück: „Ich bin kein Typ, ich hab’ bloß eine burschikose Frisur und der Preis steht doch überall groß drauf!“ 

Die korpulente Dame verdreht die Augen und erwidert ganz cool: „Ich weiß schon, dass der Preis draufsteht, aber ich will ja wissen, was beides zusammen kostet!“

Den Blick der Kassiererin werde ich niemals vergessen. Ihr wurde just in diesem Moment bewusst, dass Gott nicht existiert. „Zusammen 1,75 Euro“, krächzt die arme Frau ohne jede Lebensfreude.

Erhobenen Hauptes antwortet die junge Mutter: „EIN EURO FÜNFUNDSIEBZIG? Ihr spinnt doch. Naja, geh’ ich halt zur Konkurrenz. Und Tschüss!“

Diese extrem selbstzentrierte Scheiß-drauf-Attitüde hätte ich vielleicht von einer erfolgreichen Hollywood-Schönheit erwartet, aber nicht von der untersetzten RTL2-Guckerin und das hat mich zwei Dinge gelehrt: 1. Ich bin ein oberflächliches Schwein, das nur attraktiven Menschen narzisstische Tendenzen durchgehen lässt. 2. Dumme Menschen treten heute viel zu laut und selbstbewusst auf.

FÜR DAS BESTE IM DARM

Ein weiteres Beispiel ist der Shitstorm um den neuen Gillette-Werbespot. Er prangert Bullying sowie Sexismus an und triggert dadurch eine Menge Idioten. Diese fühlen sich in ihrer Männlichkeit angegriffen und schlagen zurück, indem sie den Werbespot in sozialen Netzwerken teilen. Sie protestieren also gegen eine Werbebotschaft, indem sie die Werbebotschaft weiterverbreiten. Gillette und die verantwortliche Agentur sind bestimmt sehr traurig darüber.

Die Zahl der im Web aktiven Idioten ist erstaunlich. Wie viele Menschen teilen pseudojuristische Texte, um den Facebook-AGBs zu widersprechen? Die Antwort lautet: Zu viele. Dabei möchte ich klarstellen, dass Intelligenz nichts mit der Schulbildung zu tun hat. Ich kenne Leute, die bei der Müllabfuhr arbeiten oder Pakete ausliefern und trotzdem schlauer sind als so mancher Hochschulabsolvent. Ich habe auch kein Abi und würde mich trotzdem als intelligent bezeichnen. Andererseits wissen Dumme in der Regel nicht, dass sie dumm sind.

Kurz: Ich kann mich nicht auf meine eigene Expertise verlassen. Darum habe ich einfach Freunden und Kollegen die Frage gestellt: „Gibt es heute mehr Idioten als früher?“

Joachim Hesse, Gronkh-Chefredakteur und Twitter-Promi:
Idioten gab es schon immer, da reicht mir ein Blick in den Spiegel. Während ich dem Großteil früher leicht aus dem Weg gehen konnte, indem ich einfach keine Konzerte der Kelly Family besucht oder mich vom Hockey-Verein ferngehalten habe, müsste ich heute schon das Internet sprengen. Es gibt meines Erachtens nicht mehr Idioten, sondern sie sind lauter geworden. Falls sie dann noch in politische Ämter gewählt werden, kommt oft jede Hilfe zu spät.

Christian Eisert, Autor und Comedy-Coach:
Damals wie heute gilt: Erst durch Idioten können sich viele für schlauer halten, als sie sind. … Was für Idioten…

Florian Simbeck, Schauspieler und Comedian
Ich glaube schon, dass es heute mehr Idioten gibt als früher. Junge Menschen machen weniger aus ihrem Potential, da die Ablenkung an allen Ecken lauert. Viele, die früher Bücher gelesen hätten, verbringen heute die Zeit vor der Spielkonsole oder YouTube. Auch Sportvereine, die früher oft als quasi Ersatzfamilie bei der Sozialisierung geholfen haben, verzeichnen immense Rückgänge. Das macht sich bemerkbar.

Matratzo Kellerstecher, Autor und Gastronom:
Es gibt heute an sich nicht mehr Idioten als früher: Das Internet und die technischen Möglichkeiten machen sie nur sichtbarer. Es war halt vor ein paar Jahren für intellektuelle Minderleister noch schwieriger, sich Hasenohren zu montieren. Dementsprechend halte ich schnelles und überall verfügbares Internet für die wahre schmutzige Bombe des 21. Jahrhunderts. Es verleiht den Schamlosen und Dummen unverdiente Reichweite und stellt ihnen damit eine mächtige Belästigungswaffe zur Verfügung. Es ist, als wäre den ADHS- Kindern meiner Weichwurst-Nachbarn ein überdimensioniertes Megaphon geschenkt worden. Deswegen Breitbandausbau jetzt stoppen und schnelles Internet und Mobilfunknetz nur noch für Privilegierte und Handverlesene, die von mir ausgewählt werden.

SAME SAME BUT DIFFERENT

Die Frage lässt sich offenbar nicht pauschal beantworten. Die Zahl der Plattformen, auf denen Idioten ihre Dummheit zur Schau stellen können, ist definitiv gestiegen. Facebook, Instagram, Twitter und YouTube sind nur die Spitze des Eisbergs. Gleichzeitig gibt es immer mehr Unterhaltungsangebote, die unsere niedersten Instinkte ansprechen. Plump gesagt: „Fortnite“ und Dschungelcamp, statt Kultur und Sozialisierung. 

Kommt es am Ende vielleicht nur auf die Betrachtungsweise an? Sind „Fortnite“ und Dschungelcamp – objektiv betrachtet – kulturell und sozial wertvoll? Brauchen wir Idioten, damit sich der Rest von uns besser fühlen kann? Sollten wir uns als Gesellschaft einfach darauf einigen, dass „Doof“ das neue „Smart“ ist? Warum ist Intelligenz in Zeiten von Google und Co. überhaupt erstrebenswert? 

Leider bin ich zu dumm, um diese Fragen zu beantworten.