Virus in Hoden und Penis entdeckt: Macht Corona-Infektion Männer impotent? – Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Erschöpfung, Geruchs- und Geschmacksstörungen, Konzentrationsprobleme – Die Infektion mit dem Coronavirus bringt einen ganzen Katalog an Beschwerden mit sich, der mittlerweile über 200 Symptome umfasst. Dabei wird auch immer wieder darauf hingewiesen, dass bei Männern Potenz- und Fruchtbarkeitsstörungen als Langzeitfolge auftreten können.

Der Urologe Axel-Jürg Potempa aus München weiß „BR24“ beispielsweise zu berichten, dass er mittlerweile über 50 Patienten in seiner Praxis behandelt hat, bei denen sechs Monate nach einer Corona-Infektion eine signifikante Erektionsstörung aufgetreten ist.

Potempa hatte schon eine düstere Vorahnung, als im letzten Jahr bekannt wurde, dass Corona die Blutgefäße angreift, führten doch gerade Gefäßentzündungen oft zu Erektionsproblemen.

Allerdings haben bisher nur kleinere Studien auf mögliche Potenzstörungen im Zusammenhang mit Long-Covid verweisen. Unwiderlegbare wissenschaftliche Beweise gibt es aktuell noch nicht. Jedoch wurde letzten Dezember im Fachblatt „Nature“ eine Studie veröffentlicht, im Zuge derer Reproduktionsmediziner Viruspartikel in Hoden und den Keimzellen, aus denen sich Spermien bilden, entdeckten, nachdem sie fünf Covid-Verstorbenen im Alter zwischen 51 und 83 Jahren Proben entnommen hatten.

Die Wissenschaftler schlussfolgern: „Unsere Ergebnisse liefern Beweise dafür, dass Sars-CoV-2 die Hoden und die Keimzellen infizieren können, was auf mögliche Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Spermatogenese und die männliche Fruchtbarkeit hindeutet.“

Allerdings seien weitere Studien nötig, um den Mechanismus zu verstehen.

Im Rahmen einer kleinen Pilotstudie der Universität von Miami wurden zudem zwei Patienten untersucht, die nach einer Covid-19-Erkrankung ebenfalls eine erektile Dysfunktion entwickelt hatten. Und zwar so gravierend, dass den Betroffenen mit einer Penisprothese geholfen werden sollte. Als die Mediziner Gewebe entnahmen, fanden sich in der Nähe der vaskulären Endothelzellen, welche das Innere von Blutgefäßen auskleiden, ebenfalls Viruspartikel.

Der in „PubMed“ veröffentlichten Studie zufolge, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass eine weitverbreitete endotheliale Dysfunktion infolge einer Covid-19-Infektion zu Impotenz führen kann. Aber auch hier sind noch weitere Untersuchungen nötig.

Ein weiterer Punkt ist der schon seit längerem diagnostizierte niedrige Testosteronspiegel männlicher Covid-19 Patienten. Als wichtigstes Sexualhormon wirkt sich ein Mangel negativ auf die Potenz und die Libido aus, und es kann noch nicht als sicher gelten, ob der Testosteronspiegel wieder steigt.

Dennoch besteht aktuell nur der – plausible – Verdacht eines Zusammenhangs zwischen einer Corona-Erkrankung und Potenzproblemen, den es zunächst noch zu belegen gilt, wie auch Infektiologe Christoph Spinner vom Klinikum Rechts der Isar gegenüber „BR24“ erklärt:

„Ob Erektionsstörungen in Zusammenhang mit Covid-19 wirklich robust belegbar sind, ich glaube, dafür ist es heute noch zu früh.“

Dafür, dass eine Corona-Impfung für Erektionsstörungen verantwortlich sein soll, wie in den sozialen Medien immer mal wieder gemutmaßt wird, gibt es hingegen keinerlei Anhaltspunkte. Der Urologe Severin Rodler, vom Klinikum der Universität München, wird von „BR24“ diesbezüglich folgendermaßen zitiert: „Dazu gibt es wahrscheinlich die beste Evidenz, nämlich, dass es nicht so ist.“

Im Rahmen der Zulassungsstudien der Hersteller seien derartige Nebenwirkungen ebenso wenig gemeldet und beobachtet worden, wie im Zuge des Sicherheitsberichts vonseiten des Paul-Ehrlich-Instituts.

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Quelle: focus.de