Wer kennt das nicht: Da steht endlich der dringend benötigte und lang ersehnte Urlaub ins Haus – Freunde besuchen, verreisen, in der Werkstatt Großes vollbringen, das Auto waschen, Bücher lesen, Games zocken, Sport machen – und was ist … man wird krank. Ein Phänomen, das gerne auch mal am pünktlich zum Wochenende auftritt, und nicht nur triftige Gründe, sondern auch einen Namen hat: Leisure Sickness.

Niederländische Psychologen der Tilburg Universität begaben sich im Zuge einer Studie auf die Suche nach den Ursprüngen der „Freizeitkrankheit“ und befragten dazu Menschen, die immer wieder am Wochenende oder in den Ferien krank werden. Zu den Hauptbeschwerden, unter denen die geplagten Urlauber dabei litten, zählten Schmerzen, Erschöpfung oder Infektionen.

Diagnose: Stress

Dabei wurde schnell deutlich, dass die Opfer der Leisure Sickness, im Vergleich zur symptomfreien Kontrollgruppe, wesentlich häufiger Stress und eine hohe Arbeitsbelastung zu beklagen hatten. Nach eigener Einschätzung war es ihnen kaum möglich, in der Freizeit abzuschalten oder den Stress angemessen zu bewältigen.

Die Experten sollten diesen Persönlichkeitstypen später als „Perfektionisten mit einem starken Verantwortungsgefühl in Bezug auf ihre Arbeit“ klassifizieren. „Ruhe und Entspannung könnten mit Schuldgefühlen verbunden sein, was sie daran hindern mag, ihre freien Tage richtig zu genießen“, heißt es von Seiten der Wissenschaftler.

Die niederländischen Forscher vermuten, dass neben den ungesunden Schuldgefühlen auch eine veränderte Wahrnehmung in der Freizeit eine Rolle spielt. In Stressphasen wird Unwohlsein einfach ausgeblendet, während man im Liegestuhl Zeit hat, seine Zipperlein zu bemerken. Allerdings kann dieser Erklärungsansatz lediglich für leichte Beschwerden herhalten. Für eine handfeste Erkältung reicht diese Begründung freilich nicht, wie die Psychologen selber einräumen.

Ist also die Biochemie schuld?

Im Zuge einer Überblicksarbeit kam der Professor für Virologie und Immunologie Ronald Glaser von der Ohio State University zu dem Ergebnis, dass Stress in zweierlei Hinsicht auf das Immunsystem einwirkt: Einerseits macht er anfällig für bakterielle und virale Infekte, Entzündungen und Autoimmunerkrankungen, und zweitens unterdrückt er die Immunantwort. Soll heißen: Wunden heilen nicht nur langsamer, Menschen unter akutem Stress entwickeln nach Impfungen sogar weniger Antikörper.

Demzufolge müsste man sich dann aber ja eigentlich schon während der stressigen Zeit krank fühlen und nicht erst danach. Hartmut Schächinger, Mediziner und Stressforscher an der Universität Trier, erklärt: „Während einer Stressphase kann man sich durchaus mit Erregern anstecken. Weil Stresshormone wie Cortisol die Immunantwort unterdrücken, können allerdings die Symptome zunächst ausbleiben, etwa die einer Erkältung.“

Wunden leckt man nach dem Kampf

Mit Blick auf die Evolutionsbiologie erscheint das plausibel. Immerhin muss der Mensch im Falle einer Gefahr handeln. Was früher bedeutete zu rennen oder zu kämpfen, kann heute damit gleichgesetzt werden, schneller zu denken oder zu tippen. Für die notwendige Extrapower müssen jedoch andere Funktionen heruntergefahren werden, darunter eben auch das Immunsystem. Und erst wenn der Stress sich gelegt hat, findet der Körper Zeit, sich um die Keime zu kümmern.

Um abschließen zu klären, was man gegen Leisure Sickness tun kann, interviewten die niederländischen Wissenschaftler auch Menschen, welche von ihrer wiederkehrenden Freizeitkrankheit genesen und daraufhin in der Lage waren, ihren Urlaub gesund und munter zu verbringen. Auf die Frage, wie ihnen das gelungen sei, gaben viele zu Protokoll, ihren Job gewechselt zu haben. Andere sprachen davon, schlicht ihre Perspektive verändert zu haben, und die Arbeit nicht mehr als den Mittelpunkt des Lebens zu betrachten.

Quelle: spiegel.de