Es gab eine Zeit, da galt eine lange Telefonschnur als das höchste der Gefühle, wenn es um die Privatsphäre ging. Damals war es normal, seine Gespräche mitten im Flur oder im Wohnzimmer zu führen, umringt von der Familie. Entsprechend war man gezwungen, sich kurzzufassen, vereinbarte also meist lediglich Zeit und Ort für ein ungestörtes Treffen, bevor einer der Erzeuger seinen obligatorischen „Telefonieren-kostet-Geld“-Spruch loswerden konnte. Derartige Probleme haben wir heutzutage nicht mehr, doch es ist beileibe nicht alles grün in dieser digitalisierten Welt.

Kurioserweise sollten es heutzutage wohl eher die Kinder sein, die ihren Eltern das Telefonieren verbieten. Denn laut einer Studie der Universität St. Gallen stellen die Digitalisierung der Arbeitswelt und die damit einhergehende ständige berufliche Erreichbarkeit eine zunehmende Gefahr für Familie und Gesundheit dar.

Die Befragung von 8.000 deutsche Arbeitnehmern förderte zutage, dass sich jeder Vierte durch seine Arbeit emotional erschöpft fühlt, jeder Fünfte sprach sogar von einem Burn-out. Hinzu kommen Einschlafschwierigkeiten sowie Kopf- und Rückenschmerzen. Das gilt insbesondere für all jene, die den Druck der Digitalisierung am Arbeitsplatz zu spüren bekommen. Von diesen Befragten sind fast 40 Prozent davon überzeugt, dass ihr Privat- und Familienleben unter den beruflichen Anforderungen leidet.

Jeder Sechste fühlt sich von den immer neuen Technologien dazu gezwungen, schneller zu arbeiten, genauso viele fühlen sich durch die Menge der verfügbaren Informationen bei der Entscheidungsfindung abgelenkt oder gar überlastet. 20 Prozent der Befragten sehen sich aus Angst, ersetzt zu werden, dazu genötigt, sich selbst und die eigenen technologischen Fähigkeiten stetig zu verbessern. Jeder Zweite nutzt Telefon und Computer auch daheim für berufliche Zwecke.

Dennoch ist die Digitalisierung für die Deutschen kein Schreckgespenst. So äußerten sich zwei von drei Befragten im Alter zwischen 18 und 29 Jahren durchaus positiv über den digitalen Wandel. Und selbst bei den Beschäftigten über 60 war der Zuspruch mit knapp über 50 Prozent immer noch mehrheitlich.

Immerhin bringt der Fortschritt auch die Freiheit mit sich, dort zu leben und zu arbeiten, wo man will. Allerdings ist dies zwei Dritteln der Befragten nicht gestattet, obwohl es möglich wäre.

Vor diesem Hintergrund plädiert Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles für eine Flexibilisierung der Arbeitszeit und des Arbeitsortes.
Es gilt, neue Flexibilitätskompromisse zu verhandeln, die sowohl den Anforderungen der digitalen Arbeitswelt wie auch den familiären und gesundheitlichen Bedürfnissen der Beschäftigten Rechnung tragen.

Quelle: welt.de