Inflations-Höchststand: Teuerung in Deutschland fast so hoch wie 1993 – Die Inflation in der Bundesrepublik befindet sich auf einem Höchststand seit fast 28 Jahren. Im August kosteten Dienstleistungen und Waren im Schnitt 3,9 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Dies teilte das Statistische Bundesamt zu seiner ersten Schätzung mit. Zuletzt hatte es eine solche Teuerung in der Zeit nach der Wiedervereinigung gegeben: Im Dezember 1993 bewegte sich die Inflation bei 4,3 Prozent.

Ökonomen waren nach Kalkulationen von einem Wert von 3,9 Prozent ausgegangen, nachdem die Inflationsrate im Juli bei 3,8 Prozent lag. Die Experten schätzen, dass sie in den kommenden Monaten gegen 5 Prozent tendieren und erst 2022 wieder spürbar sinken dürfte. Für die hohe Inflation aktuell zeichnet teilweise auch ein statistischer Effekt verantwortlich, wie der „Spiegel“ berichtet.

Corona-Folgen

Demnach haben die im letzten Jahr aufgrund der Coronakrise höchst günstigen Güter zur Entscheidung der Bundesregierung geführt, die Mehrwertsteuer befristet vom 1. Juli bis zum 31. Dezember 2020 zu senken. Mit dem Januar 2021 traten dann wieder die regulären Mehrwertsteuersätze in Kraft – Dienstleistungen und Waren verzeichneten tendenziell einen Preisanstieg.

Die tatsächliche Preisdynamik wird aber durch den Vorjahresvergleich überzeichnet, man erwartet ein Auslaufen dieser Effekte in den kommenden Monaten. Sowohl Bundesregierung als auch einige Volkswirte gehen davon aus, dass es sich bei der hohen Inflation um ein vorübergehendes Phänomen handelt. Dies sei insbesondere deshalb der Fall, weil es keinen entsprechenden Lohnanstieg gebe.

„Löhne halten nicht mit“

Aktuelle Daten des Statistischen Bundesamts zeigen dies ebenfalls auf: Im Vergleich zum Vorjahresquartal erhöhten sich die Tariflöhne von April bis Juni um durchschnittlich 1,9 Prozent. Lässt man Sonderzahlungen – etwa in Form von Corona-Boni – außen vor, so beträgt der Zuwachs sogar nur 1,4 Prozent. In diesem Zeitraum stiegen die Verbraucherpreise jedoch um 2,4 Prozent.

Sebastian Dullien, Wissenschaftlicher Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), dazu: „Die jüngsten Daten deuten darauf hin, dass im laufenden Jahr die Löhne in Deutschland nicht mit der Inflation mithalten werden.“

Lohn-Preis-Spirale

Werden Löhne aufgrund von drohenden starken Kaufkraftverlusten stark angehoben, reagieren Unternehmen darauf oft mit neuen Preiserhöhungen. Dieser Versuch, Gewinnmargen bei gleichartig steigenden Gehältern zu halten, setzt die sogenannte Lohn-Preis-Spirale in Gang. Die Teuerungsrate dürfte im Gesamtjahr 2021 bei durchschnittlich 2,5 bis 3,0 Prozent liegen, die Tariflöhne in der gleichen Zeit jedoch wohl nur um rund 2 Prozent steigen.

Ein Rückgang der kaufkraftbereinigten Löhne bedeute für sich genommen einen Dämpfer für die private Konsumnachfrage. Kurzfristig werde dies allerdings durch den sich abzeichnenden Beschäftigungszuwachs und den Rückgang der Kurzarbeit kompensiert, erläuterte der Ökonom. „Mittelfristig wäre es aber für die Konsumnachfrage gut, wenn die Löhne wieder etwas stärker steigen würden“, so Dullien.

Quelle: spiegel.de