Corona-Krise: Schwedens Sonderweg könnte sich als richtig erweisen – Bekanntlich hat Schweden in der Corona-Krise einen anderen Weg eingeschlagen, als andere Länder und stand lange Zeit wegen bloßer Empfehlungen statt strikter Maßnahmen, weiter geöffneter Schulen und Kitas und dem Nichterteilen einer Maskenpflicht in der Kritik. Dazu kommen eine vergleichsweise hohe Zahl an Toten sowie aktuell wieder steigende Infektionszahlen.

Zwar räumt auch Schwedens Chef-Epidemiologe, Anders Tegnell, ein, dass man noch lange nicht raus sei und nicht wisse „wie das alles endet“, dieser verteidigt aber weiterhin die Strategie des Landes im Umgang mit Covid-19. Ein renommierter US-Wissenschaftler pflichtet ihm nun bei und selbst die WHO gesteht Fehler ein.

Tegnell hatte zuvor seinem Ärger Luft gemacht, dass die Weltgesundheitsorganisation Schweden auf eine Liste mit elf Ländern gesetzt hatte, in denen die Corona-Neuinfektionen so schnell stiegen, dass deren Gesundheitssysteme schon bald wieder an die Grenzen ihrer Belastbarkeit kommen könnten, und dies einen totalen Irrtum genannt.

So habe man es in Schweden zwar mit mehr Neuinfektionen zu tun, aber auch nur, weil man mehr teste, während die Anzahl schwerer Fälle deutlich zurückgehe.

Und tatsächlich erkannte die WHO in E-Mails an schwedische Medien diese Aussagen noch am gleichen Tag als richtig an und beurteilte die Ansteckungsrate in Schweden rückwirkend als stabil.

Auch die kontinuierlich sinkenden Todeszahlen und rückläufigen Intensivbehandlungen sind Indizien dafür, dass man die Lage in Schweden unter Kontrolle hat, weshalb die WHO dem Land attestierte, die Verbreitung durch Einbindung der Gesellschaft auf einem Niveau zu halten, das das Gesundheitssystem bewältigen könne.

Allerdings hat kaum ein anders internationales Medium außer „Bloomberg“ die Korrekturen der WHO publik gemacht, da es diese nicht bis in die Agenturmeldungen geschafft hatten. Zudem wurde das Statement auch nicht umgeschrieben, sondern die Liste der elf Länder lediglich um eine Fußnote, bezüglich Schwedens sinkender Zahlen, ergänzt.

Tegnell zufolge ist es noch zu früh, den schwedischem Weg als den falschen abzutun, befindet sich die Welt doch gerade mal in der ersten Phase der Pandemie, auf die noch ein langer, ungewisser Krieg gegen das Virus folgt.

Der Epidemiologe erklärte, dass Schwedens Strategie der einzig realistische Weg sei, die Krise langfristig zu bewältigen. Und zwar mit so wenigen Einschränkungen wie möglich, während man die Menschen daran gewöhnt, Abstandsregeln einzuhalten.

Diese Einschätzung teilt auch William Hanagh, Epidemiologe der Harvard's School of Public Health in Boston. Schwedens Weg sei ein ungewöhnlicher, aber da man seine zurückhaltenderen Maßnahmen schon in der Pandemie umgesetzt habe, bevor das Virus in der Bevölkerung weit verbreitet gewesen sei, könne sich der Ansatz als nachhaltiger herausstellen, im Vergleich zu Ländern, die auf einen harten Lockdown gesetzt haben.

Allerdings werde man erst nach der Pandemie wissen, welcher Weg der bessere gewesen sei.

Und so könnte es durchaus sein, dass Schweden am Ende besser dastehe als viele andere europäische Länder. Aktuell zählt man dort allerdings zehnmal mehr Todesfälle pro 100.000 Einwohner als beim Nachbarn Dänemark.

Viele Tode hätten dabei vermieden werden können, gibt auch Tegnell zu und räumt ein, „dass es sicherlich Verbesserungspotenzial bei dem gibt, was wir in Schweden gemacht haben. Und es wäre gut gewesen, wenn man exakter gewusst hätte, was man schließen soll, um die Infektionsausbreitung besser zu verhindern“.

Die größte Schwäche des schwedischen Ansatzes sieht William Hanagh im Schutz von älteren Risikogruppen. Und tatsächlich hat Schweden die meisten Todesfälle in Alten- und Pflegeheimen zu beklagen.

Auf der anderen Seite besteht laut Tegnell bei einem Lockdown die Gefahr, dass das Virus bloß vorübergehend zurückgedrängt, aber nicht aufgehalten wird. Mal ganz abgesehen von den Nebenwirkungen in Form häuslicher Gewalt, Einsamkeit oder Massenarbeitslosigkeit.

Tatsächlich hat sich Schweden nicht des Nichtstuns schuldig gemacht, als welches der Sonderweg oft fälschlicherweise interpretiert wird, sondern sogar sehr früh reagiert, und so laut Hanagh die Ausbreitung mit milderen Maßnahmen verlangsamt.

„In diesem Sinne war Schwedens Strategie schlauer als die von Ländern, in denen man die Ausbreitung zuließ, bis ein Lockdown notwendig wurde.“

Doch das Land habe auch Fehler gemacht. Um Risikogruppen künftig besser zu schützen, sei es nötig, dass „Ausbrüche früh erkannt werden, und man müsse genau wissen, was dann zu tun ist“, erklärte Hanagh.

„Wie das Gesamtergebnis ausfällt, wird die Zeit zeigen.“

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Quelle: rtl.de