Betroffene verzweifelt: Stadt kündigt 174 Menschen die Wohnung – Der Ordnungswahn deutscher Behörden ist sprichwörtlich und lässt einen oft nur kopfschüttelnd zurück. Der folgende Fall ist aber selbst in diesem trüben Gewässer ein besonders dicker Fisch, kostet er doch ganze 174 Menschen auf einen Schlag die Wohnung.

Es begann damit, dass sich Geschäftsleute in nordrhein-westfälischen Herten über spielende Kinder in einem Gewerbegebiet beschwert hatten. Zur allgemeinen Verblüffung stellte sich kurz darauf heraus, dass viele Menschen, ohne es zu ahnen, dort bereits seit Jahrzehnten illegal lebten.

Und zwar in gewerblich genutzten Gebäuden, die seit den 60er Jahren widerrechtlich in Wohnungen umgewandelt worden waren.

Infolgedessen sind 174 Bewohner nun gezwungen, sich bis zum Sommer 2022 eine neue Bleibe zu suchen. Ein Schock für die Betroffenen im Gewerbegebiet Westerholt – seither herrschen Angst, Verzweiflung, Wut und Unverständnis.

„Damit haben wir nie gerechnet. Wir haben uns das noch schön gemacht jetzt in der Pandemie, den Garten schön gemacht, so wie wir es immer wollten. Unsere Tochter ist hier geboren, die ist hier groß geworden“, zitiert der „Spiegel“ eine Mutter.

„Ich habe Magenschmerzen, und das alles vor Weihnachten. Man weiß nicht, was man tun soll“, klagt Nina Ebert. Sie ist damit nicht allein, wissen doch viele der Anwohner nicht wohin: „Ich bin krank, mein Mann ist krank. Wir sind vor drei Jahren hier runtergezogen, weil wir keine Treppen mehr steigen können“, klagt beispielsweise Brigitte Pellmann.

„Wo sollen wir hin? In Herten gibt es keine Wohnungen mehr.“

Laut Gesetz ist das Wohnen in dem Gewerbegebiet jedoch tatsächlich lediglich Ausnahmefällen wie Hausmeistern oder Inhabern eines Betriebs gestattet. Entsprechend verständnislos zeigt sich dem „Spiegel“ zufolge Rechtsanwalt Arndt Kempgens darüber, dass man jahrzehntelang einfach Wohnungen aus den Gebäuden gemacht hat:

„Da müssen ganz viele Leute ziemlich lange und intensiv gepennt haben. Aber man muss natürlich sagen: Wenn der baurechtswidrig ist, dann wird das nicht durch die Nutzung erlaubt, sondern bleibt baurechtswidrig.“

Vonseiten der Stadt wird argumentiert, dass der viele Verkehr im Gewerbegebiet für spielende Kinder gefährlich sei. Laut einer Mitteilung wolle man „bei der Festlegung des Auszugstermins die persönlichen Verhältnisse“ berücksichtigen. Es ist allerdings nicht davon auszugehen, dass die Betroffenen unter Umständen doch noch dort wohnen bleiben können.

Quelle: stern.de