Märchen und Kinderbücher aus alten Tage gelten unter Pädagogen in erzieherischer Hinsicht schon lange als bedenklich. Zumindest in ihrer Ursprungsform. Zwar wird beispielsweise im „Struwwelpeter“ die Botschaft für Kinder leicht verständlich kommuniziert. Aber seinem Sprössling das Daumenlutschen abzugewöhnen, indem man die Angst schürt, dass plötzlich ein fremder Mann mit einer riesigen Schere auftaucht und die Daumen kurzerhand abschneidet, erscheint aus heutiger Sicht dann doch etwas rabiat. Und wusstet ihr, dass die Schwiegermutter am Ende von Schneewittchen in der Uncut-Version der Geschichte gezwungen wird, in rotglühenden Eisenpantoffeln zu tanzen, bis sie tot zusammenbricht?

Von derlei barbarischen Gewalteskapaden und sadistischen Foltermethoden, die Mitte des 19. Jahrhunderts noch als en vogue galten, ist in modernen Adaptionen freilich nicht mehr viel übrig geblieben. Doch wie es scheint, haben die Sittenwächter eine fundamentale Sache übersehen, die sich bis heute unbemerkt in unzählige Schulbücher geschlichen hat: Der Prinz aus Dornröschen ist ein sexueller Triebtäter!

Das behauptet zumindest Sarah Hall, eine aufgeklärte Mutter aus England, welche hinter der klassischen Erzählung von Liebe und Erlösung eine Art Anleitung für moralischen Verfall wittert. In dem Schulbuch ihres sechsjährigen Sohnes stieß die aufmerksame Dame aus Northumberland Park auf eine Abwandlung des Grimm’schen Märchens. Trotz der kindgerechten Aufbereitung des Stoffes stand auch dabei der rettende Kuss im Mittelpunkt, mit dem der Prinz die schlafende Schönheit erweckt.

Von der fadenscheinigen Romantik dieser Szene lässt sich eine erboste Mutter aber nicht blenden. Es kann ja schließlich nicht sein, dass fremde Männer irgendwelche schlafenden Frauen einfach so küssen dürfen, ohne vorher um Erlaubnis gebeten zu haben. Das Schulbuch vermittle laut Hall, dass es vollkommen okay sei, hilflosen Frauen ungefragt nahe zu kommen. Der perfekte Nährboden für negatives Verhalten von Jungs und später auch Männern dem weiblichen Geschlecht gegenüber.

„Ich sag euch mal was“, wettert Hall auf Twitter. „Solange wir Erzählungen wie diese in der Schule sehen, werden sich die tief verwurzelten Einstellungen des sexuellen Verhaltens nie ändern.“

Ginge es nach ihr, sollte man das Märchen von Dornröschen ersatzlos aus den Schulbüchern streichen!

Tja, bleibt nur zu hoffen, dass Sarah Halls Leben niemals davon abhängt, dass jemand sie nach einem Unfall einer Mund-zu-Mund-Beatmung unterzieht. Der Sittenstrolch hätte danach sicher eine Klage am Hals.

Quelle: rtlnext.rtl.de