Alle drei Sekunden eröffnet ein neuer Burger-Laden und niemand tut etwas dagegen. Es wird Zeit, an die Vernunft der Missetäter zu appellieren.

Ich stehe vor einem Burger-Restaurant, weil ich mit Idioten befreundet bin, die jede neue Bullettenbräterei sofort ausprobieren müssen. Vor dem Etablissement steht eine Menge Sperrmüll herum, so als wäre es gerade erst entrümpelt worden. Wie sich herausstellt, handelt es sich um die Außenbestuhlung des hippen Restaurants. Alte Getränkekisten und klapprige Euro-Paletten dienen als Sitzgelegenheit. Ich lasse mich nieder, spüre bereits nach wenigen Minuten meine Beine nicht mehr. Als Tisch fungiert eine Holzplatte, die cool und lässig auf eine Obstkiste montiert wurde.

Hinter mir sitzen zwei Individualisten, die sich vor Freude überhaupt nicht mehr einkriegen. „Der DIY-Gedanke erinnert mich voll an Berlin-Mitte!“, jubelt der Vollbartträger, während er versucht, sich einen 50 Zentimeter hohen Burger zwischen die Zähne zu klemmen. „So eine Qualität kriegst du bei McDonalds einfach nicht“, erklärt der andere Vollbartträger anerkennend.

Meine Bekannten treffen ein und wir warten auf die Bedienung, während meine Beine weiter absterben. Ich stehe kurz auf, um die Durchblutung meines Gehapparates anzuregen. Eine blauhaarige Frau mit tätowierten Armen und zahlreichen Piercings knallt drei dicke Holzscheite auf den Tisch. Es handelt sich um die Speisekarten. Ich möchte einen Cheeseburger, Pommes und eine Cola Light, aber es gibt nur Wagyu-Avocado-Rucola-Shitake-Burger, Bio-Potato-Wedges und selbstgemachte Rhabarber-Chili-Spargel-Limonade.

Als wir unsere Bestellung aufgeben, weist uns die Bedienung darauf hin, dass im Innenbereich diverse Werke eines lokalen Künstlers ausgestellt werden. Ich nehme diesen Hinweis zum Anlass, das WC aufzusuchen. Auf dem Weg zur Toilette bewundere ich die Kunstwerke an der Wand. Sie erinnern an Kinderkritzeleien, die man nachträglich mit Kot eingerieben hat. Da mich die Bedienung beobachtet, versuche ich, nicht zu lachen. Könnte ja sein, dass sie mit dem Künstler befreundet ist oder so.

Nach meiner Pinkelpause kehre ich zu unserer kuscheligen DIY-Sitzecke im Außenbereich zurück. Ich blicke in die schmerzverzerrten Gesichter meiner Bekannten, die immer noch keine bequeme Sitzposition gefunden haben. Als das Pärchen neben uns die Rechnung begleicht, ergreifen wir die Chance und wechseln die Plätze. Wer hätte gedacht, dass drei Holzböcke und ein Tapeziertisch die Lebensqualität um 70 Prozent verbessern können?

Als sie unsere Bestellung serviert, versucht die blauhaarige Dicke erneut die Kunstwerke ins Zentrum des Interesses zu rücken. „Haben dir die Bilder gefallen? Sie sind Teil einer ganzen Serie namens DON’T FORGET YOUR DREAM. Ich kann dir gerne eine Preisliste ausdrucken.“

Ich blicke auf meinen Teller und antworte: „Der Künstler hätte die Serie DON’T FORGET MY KETCHUP“ nennen sollen, dann müsstest du jetzt nicht zweimal laufen, du vergesslicher Blauwal.“ (Okay, der Satz mit dem Blauwal ist gelogen. Tatsächlich habe ich nur freundlich auf den fehlenden Tomatenpamp hingewiesen, weil ich ein feiges Schwein bin, das Konfrontationen vermeidet.)

Sie wirft mir einen missmutigen Blick zu und verschwindet kurz im Restaurant, um mit einem Fingerhut voll Ketchup zurückzukehren. „Das machen wir übrigens selber, aus geräucherten Tomaten, Honig und Granatapfelessig.“, verkündet sie stolz.

Die Bio-Potato-Wedges sind zu dick, um sie in den Fingerhut zu tunken. Konsistenz und Geschmack erinnern an Instant-Kartoffelpüree. Mein Burger ist ein etwa 80 Zentimeter hoher Turm, der zur Hälfte aus Blattsalat besteht. Nachdem ich etwa ein Kilo Grünzeug entferne, misst der Turm nur noch 40 Zentimeter. Ich versuche, von oben vorsichtigen Druck auszuüben, um die Höhe weiter zu reduzieren. Nun kann ich den Koloss tatsächlich mit beiden Händen greifen.

Während ich das Ding zum Mund führe, beginnt das Brötchen (Brioche-Bun) zu zerbröseln. Der Burger droht komplett zu zerfallen, darum lege ich ihn rasch wieder auf den Teller. Er hat sich in einen Matschhaufen verwandelt, der sich nur noch mit Messer und Gabel in Zaum halten lässt. Ich schäme mich – vor allem, weil ich für dieses enttäuschende Erlebnis 16,90 EUR auf den Tisch legen werde.

Jeder Idiot kann einen Burger zubereiten

Die Geschichte hat sich wirklich so zugetragen und ich könnte Bände mit weiteren Burger-Geschichten aus der Hölle füllen. Das große Problem ist, dass jeder Idiot einen Burger zubereiten kann, aber tatsächlich nur die wenigsten einen guten Burger hinbekommen. Für Döner gilt dasselbe. Tatsächlich haben meine türkischen Landsleute schon vor Jahren exakt die gleichen Fehler begangen und eine beschissene Döner-Bude nach der anderen aus dem Boden gestampft. Schließlich kann es doch nicht so schwer sein, ein wenig Fleisch, Gemüse und Brot zu kombinieren, nicht wahr?

Die Türken hatten aber wenigstens den Anstand, mangelnde Qualität durch billige Preise auszugleichen. Wenn ein Döner nur zwei Euro kostet, kann man eben keine kulinarischen Höhenflüge erwarten. Außerdem wagen es nur sehr wenige Türken, die Seele des Döners zu vergewaltigen. Ich kenne deutschlandweit vielleicht vier Döner-Buden, die gravierend vom klassischen Rezept abweichen. Komischerweise glauben aber fast alle Burger-Bräter, sich mit verrückten Kreationen selbstverwirklichen zu müssen, obwohl sie nicht einmal die Basics beherrschen. Im Englischen gibt es die Redewendung „Learn to walk, before you run“, aber daran halten sich leider nur die wenigsten.

Jeder, der ein Burger-Restaurant eröffnen möchte, sollte per Gesetz verpflichtet werden, erst einmal die perfekte Zubereitung eines simplen Hamburgers zu erlernen. Wie muss das Brot getoastet sein? Wie produziere ich ein astreines Burger-Patty? Wie müssen die Zutaten geschichtet werden? Das mag jetzt spießig klingen, aber die Grundlagen sind einfach sauwichtig. Beispielsweise wissen viele Burger-Macher nicht einmal, dass die Tomatenscheibe auf das Patty, der Salat aber stets drunter gehört. So fängt das Salatblatt den Saft auf und das Brötchen weicht unten nicht durch.

Langer Rede, kurzer Sinn: Wer Wild-Burger mit Gorgonzola, Preiselbeeren und Birnenscheiben anbietet, im Restaurant entartete Kunst ausstellt und sich abgefahrene Limonaden-Kreationen aus dem Hintern zieht, obwohl er noch nicht einmal die einfachsten Grundlagen beherrscht, sollte sofort inhaftiert werden. Für mich sind solche Menschen gastronomische Terroristen, die mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werden müssen.