Umsetzungen von Filmlizenzen genießen im Kreise erfahrener Videospieler keinen besonders guten Ruf. Oft kostet der zugkräftige Name so dermaßen viel, dass an der Qualität gespart werden muss. Insofern sind wir stets skeptisch, wenn wir es mit einem solchen Produkt zu tun haben. So auch im Falle von ‚Mittelerde: Mordors Schatten‘, welches wir auf der Gamescom hinter verschlossenen Türen einer näheren Betrachtung unterziehen durften. Immerhin brillierten die Herr-der-Ringe-Umsetzungen bisher nicht wirklich. Allerdings – und das können wir durchaus schon vorwegnehmen – ist es immer wieder schön, überrascht zu werden.

Darum geht’s

Irgendwann zwischen den Ereignissen von ‚Der Hobbit‘ und ‚Der Herr der Ringe‘ erhebt sich der dunkle Herrscher Sauron und formt eine Armee, um das wilde Land Mordor mit Schwert und Feuer seinem Willen zu unterwerfen. Die dort stationierten Menschen werden gnadenlos niedergemetzelt oder versklavt, und so verliert auch unser Held Talion nicht nur seine Familie, sondern auch sein Leben, als seine Bastion am schwarzen Tor vom Feind überrannt wird. Doch seine Geschichte soll damit nicht zu Ende sein. Ein boshafter Geist nistet sich in Talions Körper ein und erweckt den Waldläufer wieder zum Leben. Wie sich herausstellt, handelt es sich dabei um Celebrimbor, den Schmied der Ringe der Macht höchstpersönlich, der bei Sauron in Ungnade fiel. Fortan eine Einheit, sind die beiden ungleichen Charaktere zwar selten einer Meinung, werden aber von der gleichen Motivation getrieben: Rache!

Das ist gut

Getreu dem Motto ‚Besser gut geklaut als schlecht erfunden‘ mixt Mordors Schatten dem Spieler einen düsteren Cocktail aus bekannten Zutaten. Gekämpft wird, ähnlich wie es Batman in der Arkham-Reihe tat – wenn auch ungleich blutiger. Fliegende Gliedmaßen und rollende Köpfe sind keine Seltenheit, wenn ihr mit dem Schwert durch die Gegnerreihen pflügt. Geklettert wird wie in Assassin's Creed, weshalb ihr euch auch aus der Höhe auf Gegner stürzen, oder per Geistersicht hinter Wänden lokalisierte Orks mit dem Messer meucheln dürft. Die offene Welt des zu Beginn noch ungezähmten Mordor scheint dagegen inspiriert von der wilden Schönheit eines Red Dead Redemption. Das ist alles schön und gut, jedoch auch wenig originell. Allerdings hat Mordors Schatten ein ganz besonderes Alleinstellungsmerkmal: das Nemesis-System!

Dahinter verbirgt sich eine dynamische Hierarchie unter den Ork-Clans. Ob mit oder ohne euer Zutun, ist diese einen stetem Wandel unterworfen. Während ihr euch also durch die Pampa butchert, kann es durchaus sein, dass zwischen zwei verfeindeten Gruppierungen ein Krieg ausbricht, und sich die Herrschaftsverhältnisse daraufhin verändern. Das wirkt sich direkt auf eure eigentliche Aufgabe aus, die darin besteht, drei Obermuftis zu stellen und zu erlegen. Denn um herauszufinden, wo ihr den nächsten Boss findet und wie dieser aus der Reserve zu locken ist, müsst ihr die entsprechenden Informationen erst mal aus dem untergebenen Fußvolk herauskitzeln. Wie ihr dabei vorgeht, will allerdings gut durchdacht sein. Denn jede der zufallsgenerierten Grünhäute wird sich an euch erinnern, so ihr diese nicht enthauptet. Vermeintlich besiegte Gegner überleben mitunter und nehmen ihre davongetragenen Narben als Anlass, sich an euch zu rächen. Noch schlimmer ist es, wenn ihr getötet werdet. Zwar seid ihr dank des euch innewohnenden Geistes unsterblich, doch bis ihr wieder erwacht, vergeht in der Spielwelt Zeit, und ein Ork der euch bezwungen hat, erntet so viel Respekt, dass er plötzlich zig Untergebene um sich schart. Auf der anderen Seite seid ihr unter dem Feindespack berüchtigt. Man kennt Talion als Orkschlächter, und je effektiver ihr seid, desto mehr Angst haben eure Gegner vor euch. Komplettiert wird dieses interessante KI-System durch individuell vergebene Stärken und Schwächen. So manchem Chef kann man nur mit dem Bogen beikommen, während ein anderer womöglich das Feuer scheut.

Das ist schlecht

So spannend dieser Ansatz auch klingt, birgt er die Gefahr, dass die Macher sich zu sehr auf dieses Feature verlassen, und darüber hinaus ein spannendes Missionsdesign und eine packende Geschichte vernachlässigen. Sich immer nur die Karriereleiter hochzumetzeln dürfte recht schnell ermüden. Zudem ist das klassische Rachemotiv nicht unbedingt eine gute Grundlage für originelle Geschichten. Und ob Mordor als einziger Schauplatz auf Dauer nicht zu abwechslungsarm und düster daherkommt, wird sich auch erst erweisen müssen.
Und doch sehen wir viel Potential in Mordors Schatten und begrüßen insbesondere eine von der altbekannten Herr-der-Ringe-Handlung losgelöste, frische Geschichte im Tolkien-Universum, welches endlich mal ein gutes Spiel verdient hat. Insofern hoffen wir mal, dass die vielen, zweifelsohne guten Zutaten am Ende auch stimmig  ineinandergreifen. Am 02. Oktober wissen wir endlich mehr!

Arkham's Creed Redemption mit Herr-der-Ringe-Lizenz. Klingt interessant und wird durch das Nemesis-System noch interessanter. Schnetzelt euch die Karriereleiter einer dynamischen Hierarchie hoch und verbreitet dabei Angst und Schrecken unter den Ork-Clans.